Selbstauflösende Autoren

Wir kennen das Phänomen meist eher von Schauspielern: Die Zuschauer verwechseln Rolle und Mensch. Da ist doch die Schmalzige mit den Kringellöckchen, denken sie, oder: Warum spielt der immer so perfekt Bösewichte, der muss doch als Kind zu heiß gebadet worden sein? Jetzt war sie doch tatsächlich so ätzend in dem Film, ich glaube, sie muss private Probleme haben, sonst ist man doch nicht so ... Fanpost und entsprechende Foren sind voll von solchen Scheinrealitäten, hinter denen der Mensch verloren geht, bevor er je hätte sichtbar werden können.

Wir Schriftsteller haben es bekanntlich besser. Meist kennt man unsere Cover, aber nicht unser Gesicht. Die Leute sezieren unsere Texte, selten die Biografie. Schriftsteller sind im Allgemeinen diejenigen, die sich vor dem Rampenlicht verstecken. Aber haben sie es wirklich besser?

Es gibt eine Frage, die höre ich in jeder Lesung mindestens einmal. In jeder. Auch wenn ich ein Sachbuch geschrieben habe. (Und ich weiß, den meisten KollegInnen geht es ähnlich).

"Wie viel an Ihrem Buch ist autobiografisch?"

"Was in Ihrem Buch sind Sie?"

In den letzten Jahren hat die Verwechslungsgefahr zwischen der Fiktion im Buch und der Realität des Schriftstellers erschreckend zugenommen, selbst Feuilletonisten gehen dieser Mode auf den Leim. Vielleicht, weil wir eine Fernsehgesellschaft sind, die Bildern mehr glaubt als dem eigenen Verstand?

Bei meinem ersten Roman habe ich mir den Jux gemacht, die Zuhörer raten zu lassen, was in diesem Buch "echt" war. Es handelte sich nämlich um eine einzige, winzige Szene, die ich der Wirklichkeit abgeschaut hatte, weil ich so herrlich abstrus gar nicht erfinden kann (normalerweise reicht meine Fantasie, um alles zu erfinden). Ich war mir der Gefahr der falschen Projektionen natürlich bewusst. Wenn man in der "Ich"-Perspektive schreibt, muss man das doch selbst sein, denken viele.

Bei den meisten Szenen, die mir meine Leser auf den Leib schreiben wollten, musste ich lachen und einwerfen, wenn ich das wirklich selbst erlebt hätte, säße ich heute nicht hier, sondern im Sanatorium oder in der Südsee. Nein, keiner kam auf die echte Szene. Ich hatte mir nämlich ein real existierendes französisches Gericht abgeschaut. Ausgerechnet das war die Stelle, wo jeder glaubte, meine Fantasie schlage Purzelbäume. Die Frau kann sich vielleicht verrückte Sachen ausdenken!

Leider spielen immer mehr große Verlage mit der Erwartungshaltung potentieller Fans. Es ist mittlerweile üblich - weil man im deutschsprachigen Raum nicht vielseitig sein darf - "andere" Arbeiten hinter einem Pseudonym zu verstecken, das natürlich eine eigene Biografie verpasst bekommt. Im besten Fall nimmt man dafür unwichtigere Dinge aus dem Leben und "stylt" sie in eine gewünschte Richtung; im schlimmsten Fall schreibt die Werbeabteilung einen PR-konformen Menschen zusammen. Aber auch echte Biografien werden inzwischen zurechtgestutzt. Da wird der Jugendbuchautor schnell mal zehn Jahre jünger gemacht, der Frauenromanautor virtuell zur Frau umoperiert.

Es ist manchmal ganz spaßig, sich seine multiplen Persönlichkeiten anzuschauen - und ich erinnere mich noch gut an das Vergnügen, ein besonders tantenhaftes Pseudonym entlassen zu haben, obwohl mir der Name gefiel. Nicht so praktisch war, dass ich niemals beweisen konnte, dass die Artikel einer gewissen Frau Zielinska die meinen waren - dumm, wenn man Bewerbungsunterlagen von einem Fantasiewesen braucht.

Dabei wäre das alles gar nicht nötig. LeserInnen verwechseln einen ohnehin ständig mit Romanfiguren und können sich keine Gesichter merken. Als ich unlängst meine Bücher signierte, hing an der Frontseite des Tischs das Plakat mit einem riesigen Portrait von mir. "Nein, das sind doch nicht Sie!", rief eine Leserin sichtlich entsetzt und blickte mich groß an. "Auf dem Bild sind Sie doch sooooo viel älter und ganz anders!" Ich habe mich selten so jung gefühlt. Das Foto war zehn Jahre alt.

"Aber nein, der Roman kann unmöglich von Ihnen sein!" befand eine andere. Ich dachte, ich müsse meine Bücher doch kennen. Die Dame klärte mich auf: "Ich habe einen untrüglichen Blick für Menschen! Auf dem Roman ist eine andere Frau drauf als Sie. Und auf Ihrer Website, das sind Sie auch nicht." Ich fühlte mich prächtig. Ich saß neben diesem peinlichen Plakat und löste mich auf. Plötzlich gab es mich nicht mehr. Ich war eine (von der Leserin?) erfundene Figur, die eine Schriftstellerin spielte, die wiederum gar nicht sie selbst war. Ich wollte gar nicht weiter über die möglichen Folgen nachdenken, in solchen Momenten glaubt man, das Hirn müsse im Kopf schwappen.

"Mein Agent traf Leute, die nicht glaubten, dass der Autor von The Question of Bruno existiert", schreibt Aleksandar Hemon an Myla Goldberg (s. Beitrag von gestern). Und dann erzählt er von seiner unbändigen Freude an Lesern, die ihn derart zum Verschwinden bringen. In seiner Fantasie würde er solche Leute treffen und versuchen, ihnen mit allen Regeln der Kunst zu beweisen - dass er tatsächlich nicht existiert.

Irgendein Kollege hat mal gesagt, wir Autoren wären hemmungslose, zwanghafte Selbstdarsteller, sozusagen in der Dauerrolle unseres Selbst gefangen. Und wir würden in unseren Büchern ständig nur uns selbst auf eine imaginäre Bühne projizieren. Einerseits ist da etwas dran. Sobald irgendetwas zu Text gerinnt, wird es inszeniert. Ständig sitzen uns dieser Dramaturgieteufel im Genick und der fette Sprachkritiker und der Geschichtenerzähler. Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich nicht einmal mehr Mails hinschmieren kann. Immer wird daraus TEXT in Großbuchstaben. Aber hat das Text nicht an sich, dass er inszeniert wird? Verändert nicht schon der Teeny im Tagebuch die Realität in dem Moment, in dem sie zu Papier gebracht wird?

Ich glaube das mit dem Selbstdarsteller langsam nicht mehr. Wollten wir das wirklich, gäbe es weiß Gott passendere Berufe. Ich glaube auch nicht daran, dass wir uns selbst ständig aufs Papier gebären müssen. Mag allenfalls sein in der Nabelschauliteratur.

Was, wenn wir alle nur hart daran arbeiteten, uns zum Verschwinden zu bringen?! Unsere eigenen Realitätsgrenzen aufzulösen? Woher kommt dieses unbändige Vergnügen, wenn Leser nicht glauben, dass man existiert; wenn sie einem absprechen, man selbst zu sein?

All diese armen Tröpfe in Verlagen, die glauben, man müsse für ein Buch jünger oder älter sein, Mann oder Frau, heruntergekommen oder reich, schmalzgelockt oder melancholisch, zu heiß oder zu kalt gebadet! Was sind sie in ihrer winzigen Existenz gefangen! Und sie merken gar nicht, dass sie versuchen, eine Person in den Griff zu bekommen, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt...

Kommentare:

  1. Hi Petra,
    irgendwann werden die einzelnen Bereich professionalisiert und aufgespalten.
    Dann liefert ein Marktforschungsinstitut die Themen, die Storyline ein Psychologe, zwecks Einarbeitung von Identifizierungselementen, den Plot entwickelt eine Abteilung, die nichts anderes als Plots macht. Bezahlte Schreiberlinge füllen die Leerstellen mit Klischees (bloß die Erwartungen der Leser nicht enttäuschen). Für die öffentliche Autorenauftritte, wird jemand gecastet, der zielgruppengerecht aussieht und einigermaßen Lesen und signieren kann. Gleichzeitig bastelt die Rechercheabteilung an der Erfolgsbiographie, die verschiedene Elemente anderer Biographien von Erfolgsschriftstellern verbindet.

    Ich glaube, dass das gar nicht so übertrieben ist.

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  2. Alexander, ich bin fast versucht zu sagen, das gibt es manchmal schon (ich denke spontan an "Erlebnisbücher", die sich als gefälscht herausstellen, und manches im Psychoratgeberbereich) ;-) Nur die qualifizierten Fachkräfte fehlen noch im Zeitalter der Billiglöhne...

    Wird also eher Zeit, dass das Casting von Vollprofis gemacht wird, hahaha

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