Vent violent

Wenn ich im deutschen Fernsehen Wetterbericht schaue, stumpfen mich die ständigen Übertreibungen, Unwetterwarnungen, Pollenwarnungen und sonstigen Invasionsängste eher ab. Wenn die Franzosen ihre seltenen Sturmwarnungen ausgeben, ist es bitter ernst gemeint. Heute morgen kam er mit diesem Gebrüll, das auch schon Lothar vor sich hertrug, man konnte die Wälder an den Hängen förmlich schreien hören. Aber immer noch ist das nur ein "vent violent", kein Orkan, keine Warnstufe rot, nur ein sehr starker Wind, der verletzen (violer) kann. Über 600.000 Franzosen waren oder sind ohne Strom. Hier im Elsass hat er gemütliche 130 km/h, weniger als der Sturm vom 24.1. - und trotzdem pfeffert er mehr Gegenstände und Äste durch die Gegend. Und Météo France prophezeit, dass uns der Spaß bis gegen 19 Uhr erhalten bleiben wird, nachdem der Sturm über die Mitte des Landes sehr schnell und ohne große Schäden gefegt ist. Elsass und Vogesen als Urlaubsort für Stürme. Das kann ich im Internet ablesen, solange ich Strom habe.

An Arbeiten ist irgendwie nicht zu denken. Ich sitze im Dunkeln bei geschlossenen Fensterläden. Den einen Flügel hat mir der Sturm nämlich beinahe herausgehebelt. Was auf dem Dach klingt, als würde jemand rennen, sind die Ziegel, die von den Böen wie in Wellen leicht angehoben werden und sich dann wieder senken. Hoffentlich. Im Vorgarten liegt mal wieder ein Baum, ebenfalls ausgehebelt, vielmehr hängt er instabil zwischen Gebüsch und Pfeiler. Aber an Baumarbeiten ist nicht zu denken. Zu gefährlich. Der letzte Sturm hat die Holzpalissade an der Straße fast aus den in Beton gebetteten Steinen gerissen und die Steine gleich mit. Meine provisorische Stützvorrichtung aus alten Zaunpfählen und Felsbrocken sieht abenteuerlich aus. Alle Stunden kontrolliere ich, denn der Sturm versetzt den großen Brocken um Handbreite, den ich mit Müh und Not in die Schubkarre bekommen hatte.

Hauptsache, die alte Fichte bleibt stehen. Sie wird um 1930 gepflanzt worden sein und ist so groß, dass keiner das Kappen bezahlen kann. Ich versuche, nicht hinzuschauen. Weil ich dann immer an den Nachbarn denken muss, der dank Lothar plötzlich durch zwei Stockwerke hindurch den Kamin in der Küche fand. Weil ich noch höre, wie es klang, als die Obstbäume auf der Streuobstwiese nebenan innerhalb von Sekunden wie Streichhölzer brachen, alle zusammen. Noch nie waren die Berge so nah wie jetzt. Man hört sie röhren, hört die alten Wälder brüllen, dann sirrt es ins Tal, klingt wie ein rasantes Gefährt auf Rennfahrt, bricht sich am Hügel, hinter dem man weit weg am Horizont den Schwarzwald sehen kann, kracht in den jungen Eichenwald.

Man gewöhnt sich daran - Winter, das sind hier inzwischen extreme Stürme und jede Menge Regen oder Nebel. Das elsässische Haus der Zukunft wird im November in die Erde versenkt, bei guter Drainage, versteht sich. Im Garten pflanzen wir später Reis und Bambus.
Nein, man gewöhnt sich nicht. Seit Lothar haben auch die Tiere, die damals schon lebten, Angst. Der alte Ziegenbock zwei Häuser weiter markiert heute sicher nicht mehr den großen Macker. Die Truthähne haben um die Wette geschrieen. Kein Wunder, die Großväter sind fast 20 Jahre alt.

Und Rocco? Der macht das einzige, was man bei solchem Wetter tun kann: Nach draußen so kurz wie möglich, sich aufmerksam umschauend, die Nase im Wind. Und dann kuschelt man sich auf die Füße der Menschin, Augen zu und schön geträumt. Ich kann doch nicht am hellichten Tag einfach Krimis schmökern? Kann ich doch?
Ich bräuchte zum Arbeiten jetzt das, was ich bei Jonathan Franzen mal im Fernsehen gesehen habe. Der setzt sich beim Schreiben Kopfhörer auf mit "rosa Rauschen". Ob "rosa Rauschen" gegen fahlgelbes Rauschen auch hilft?

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