Kunstdünger, Kunst oder Nobelkarren?

Milliarden fließen derzeit in die Autobranche, um kriminelle Machenschaften von Banken und Unfähigkeiten von Managern auszubügeln. Die riesigen Rettungspakete für die heilige Kuh in Blech verwischen die Realität. Denn man könnte meinen, Deutschland sei ein Land von Autoherstellern und Autofahrern.

DIE GUTE NACHRICHT

Weit gefehlt! Das Bundeswirtschaftsministerium hat eine Studie unter dem Kurztitel "Gesamtwirtschaftliche Perspektiven der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland" vorgelegt (Onlineabruf von gekürzter Fassung und Endberichten), die ein Bild zeichnet, das viele nicht wahrhaben wollen:
  • Kunst und Kultur stehen bei der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung in Deutschland als Branche an zweiter Stelle (2,6% des BIP), gleich hinter der Autoindustrie (3,1%) und noch vor der Chemieindustrie (2,1%).
Wären in der Studie Umweltverträglichkeit und Zukunftsfähigkeit getestet worden, sähe es wahrscheinlich noch rosiger aus.
  • Kunst- und Kulturschaffende werden 2008 etwa 63 Milliarden Euro an Bruttowertschätzungsbetrag für Deutschland erarbeitet haben.
  • Bereits heute sind 3,3% aller Erwerbstätigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft beschäftigt. Die Zahl der Erwerbstätigen steigt im Gegensatz zu anderen Branchen kontinuierlich.
Zum Vergleich die absoluten Zahlen:
Autobranche: 720.000 sozialversicherungspflichtig Angestellte
Kunst & Kultur: 710.000
Chemie: 448.000
  • Nirgendwo sonst arbeiten anteilsmäßig so viele Selbstständige und Kleinunternehmer, also potentielle Arbeitgeber, wie in der Kunst- und Kulturwirtschaft (mit derzeit 763.400 Beschäftigten). Der Anteil selbstständiger Frauen ist vorbildlich hoch. Er liegt zwischen 40 und 44%, während er in der Gesamtwirtschaft nur traurige 7% erreicht.
Die Studie betont außerdem:
Ohne die Werke und Leistungen der Schriftsteller, Komponisten, Musiker, Bühnenkünstler, Filmemacher, bildenden Künstler gäbe es keine Kultur- und Kreativwirtschaft. Sie sind Urheber, Originärproduzenten oder Dienstleister, ohne die keine Filmfirma, kein Musikkonzern, kein Buchverlag und ebenso kein Galerist etwas zu verwerten und zu verbreiten hätte.
Aber genau diese Berufe betrifft...

DIE SCHLECHTE NACHRICHT
  • Förderungen und andere Gelder kommen außerhalb der technologieorientierten Berufe nicht an und erreichen die Schöpfer und Urheber selbst nicht.
  • Den Akteuren und Schöpfern fehlen Unterstützungen, die Informationsdefizite und Hemmschwellen für Förderungen sind zu hoch.
  • Die Bundesrepublik Deutschland verfügt über keinerlei Programme zur projektbezogenen, der Kunst- und Kulturwirtschaft angepassten Möglichkeit von Finanzierungen oder Zwischenfinanzierungen.
  • Banken und Wirtschaftsförderern fehlt oft das Verständnis für ideelle Werte und sogenannte "hidden innovations" - und die Fähigkeit, mit Unternehmern der Kultur- und Kreativwirtschaft adäquat umzugehen.
  • Es fehlt eklatant an Außendarstellungsmöglichkeiten der Branche, an ihr angepassten Bewertungsmaßstäben, an Vernetzungsmöglichkeiten der Schöpfer.
  • Ein außergewöhnlich hoher Anteil der Schöpfer und Urheber lebt im Prekariat oder in unzumutbaren "Patchworkexistenzen". Das für das Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftete Geld steht in krassem Gegensatz zur wirtschaftlichen Lage der Künstler selbst, von denen nur ein minimaler Anteil wirklich gut verdient. (Österreich hat hierzu im vergangenen Jahr eine interessante Studie vorgelegt - in Deutschland ist mir keine bekannt).
Es bleibt viel zu tun im Land der Dichter und Denker!

Weitere Links:
Artikel in der SZ
Artikel Abendblatt
Artikel "Brotlose Kunst"
Bundeswirtschaftsministerium: die Studie

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