Einbildungen

Langsam mache ich mir Sorgen um mich. Ich drehe in den abstrusesten Situationen Filme im Kopf. Gestern brach eine behördliche Katastrophe über mich herein, gegen die ich - inzwischen mit letzter Kraft - seit einem Jahr kämpfe. Unverschuldet, denn es handelt sich nur um den berühmten französischen Computerfehler gepaart mit galoppierender Debilität und völliger Unlust gewisser Behördenangestellten, auch nur einen Finger zu viel unter dieser Regierung krumm zu machen. Dann bekam ich endlich eine Beraterin, die der Behörde zeigte, wo es lang geht. Und jetzt passiert das, wovor mich alle gewarnt haben: Ein Brief der Aufklärung zu viel und du produzierst neue Computerfehler!

Der von gestern - wenn ich es am Montag nicht schaffe, ihn korrigieren zu lassen - ruiniert mich. Einfach so, fix und heftig. Ich müsste mich, um den Kreislauf der Debilität zu unterbrechen, nämlich ganz schnell und sofort arbeitslos melden und dann so tun, als würde ich neu anfangen. Damit endlich die falschen Daten gelöscht werden. So viel zur französischen Administration, die genauso himmelschreiend verrückt ist wie in anderen Ländern (nach dem Land, wo dort hauptsächlich intelligente und zugängliche Menschen sitzen, suche ich noch vergebens).

Und was macht Madame? Ganz kurz war mir zum Heulen. Schwärze. Das große Nichts. Dann fing ich an, wieder einen Film im Kopf zu drehen. Stellte mir vor, dass das im Drehbuch jetzt der Moment wäre, wo die Protagonistin den Wodka aus dem Kühlschrank holt und eine Tafel Schokolade hinterher stopft. Und weil ich die Idee von Wodka und Schokolade auf der Zunge und den Behördenbrief so irrwitzig fand, knallte ich mir noch die passende Musik dazu rein - diesmal real. Strawinsky. Sacre du printemps. Frühlingserwachen oder Opferung der Jungfrau, die sich zu Tode tanzt, hahaha... Mir kam Terry Gilliam in den Sinn, der mit seiner Verfilmung des Don Quichotte so fulminant gescheitert war, weil ständig irgendetwas schief lief. Irgendwann, wenn er wieder genug Geld hat, will er seine Filmrechte von der Versicherung zurückkaufen und weitermachen.

Statt an den Kühlschrank zu gehen wie im Film, spielte ich die Behördenszene vom kommenden Montag durch. Ich werde sehr leise sein, sehr beherrscht, sehr abwartend - und dann, möge mir das sprachlich gelingen, messerscharf. Wenn ich ein unbedarftes Fraule vor mir habe, das sich hilflos gibt, werde ich die Hilfsbereite spielen, mütterlich, verständnisvoll. Ist es ein älterer Beamtenbetonkopf, könnte ich über irgendwelche Geschichten zum Klagen darüber kommen, dass ich so nie Enkelchen erleben dürfte wie er. Französische Diplomatie - immer genug Masken im Schrank haben, damit der andere nicht sein Gesicht verliert.

Aber wie um Himmels Willen ist man in solchen Katastrophensituationen kreativ? Wie bekommt man den Kopf frei? Ich stecke in einer entscheidenden Textphase. Das erste Kapitel, das beispielhaft eine große Schlüsselszene erzählt und wie eine Ouverture Späteres anreißt, braucht den Schluss, die Überleitung, die große Idee fürs Kommende. In mir nur Gedankensalat, Alptraumbilder von Tunneln ohne Ausgang (holt mich der Tunnel im Lavendelblues ein?), Konzentration wie Gummi.

Gehen. Laufen. Ich muss mich dann bewegen, kann im Ernstfall mit dem Hund bis zur Erschöpfung wandern. Und dabei drehe ich Filme im Kopf. Diesmal stelle ich mir vor, der Schauspieler, der meinen Text lesen soll, will nicht gleich anfangen. Er will wissen, was mich an meiner Figur am meisten berührt hat, warum, was das mit mir zu tun hat. Ich stottere ein wenig herum und überlege, da ist so vieles, aber ist es wirklich das? Und plötzlich bricht irgendeine Schleuse auf und ich erzähle etwas, was mit dem Projekt gar nichts zu tun hat. Nur ist es genau der Punkt, der mich mit meiner Figur verbindet.

Ich kann gar nicht mehr still sein in meinem eingebildeten Dialog. Rede mich in Faszination, erzähle von meiner Figur und staune. Staune doppelt, im Kopf - und als Realperson. Ich habe nämlich zum ersten Mal in Worte gefasst, was die Größe und die Tragik meiner Figur wirklich ausmacht. Worum sie wirklich kämpft, in all ihren Nebenschauplätzen. Wo sie Zerstörungen von außen zu nah an sich heranlässt und doch einen Weg findet, zu ihrem Traum zurückzuspringen. Ich stolpere fast über eine Wildschweinkuhle.

Irgendwie ist alles immer nur einen Sprung voneinander entfernt. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich nicht in eine Saukuhle stoßen zu lassen. Und dann sagt mir dieser Schauspieler im Kopf, dass mein Protagonist auch gesprungen sei. Stimmt. Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: So ein scheinbar tragischer Sprung kann ein Triumph sein!

Heute morgen bin ich ohne Alptraum aufgewacht, das Wetter hat eine Totaldepression, und ich bin frisch wie nie. Der unbekannte Schauspieler im Kopf hat mir mit einer Bemerkung die Idee geliefert, wie dieses Kapitel mit einem großen Tusch enden kann. Und was dann folgen wird.
Ich höre noch einmal lautstark Strawinsky und bin froh, dass ich am Montag nur zu einer ganz normalen Behörde gehen muss und nicht zum Amtsarzt...

Kommentare:

  1. Pass auf dich auf! :-)
    Was hörst du von Strawinsky? Ich glaube, wir haben nix von dem im iPod..

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  2. Aye, aye, Sir ;-) Gefährlich wird's erst, wenn ich Mahlers Fünfte in Endlosschleife höre...

    Gestern war das, wie gesagt, "Sacre du printemps", habe aber auch Petruschka in der Schublade und Ausschnitte aus Symphonien und Klavierstücke in Konzerten gehört.

    Geheimtipp - auf meinen Namen hier klicken, da gibt's den Sacre in rekonstruierter Originalchoreografie von 1913, heute noch für manche Leute zu modern. Denen empfehle ich dann die von Disney umgesetzte Version in "Fantasia" (1940) ;-)

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  3. rSacre du Printemps - war f´ür mich als Jugendlicher eine Offenbarung. Habe die rauf und runter gehört. Wirklich gut geeignet zum Abreagieren. Ich denke, dass ich heute noch an jeder Stelle weitersummen kann.
    Daaaaaahdadeldadidaaa
    Dadadadieeeedadada
    Daaadadeödadidaa

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  4. uups sollte nicht anonym sein. Hatte zu früh return gedrückt

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  5. So ähnlich könnte ich wahre Episodenfilmchen von behördlicher und sachbearbeitslicher (gibt's nicht, das Wort, passt aber, vor allem zu Versicherungen und Banken und anderen Grässlichkeiten) Debilitäten der letzten Wochen schreiben und produzieren lassen. Und der x und der y und die z und viele andere singen ein ähnlich Liedlein. Auf dass die Albträume visionäre Schreckensszenarien ausbrüten mögen.
    Höhö, mein heutiger Albtraum hat mir gerade DEN Ansatz zu einer Idee beschwert, nach dem ich seit Monaten fahnde.
    Alles hat seine zwei Seiten ... nehmen wir die nettere mit in den Tag und auf die Hundewanderungen, ne?

    Alles Liebe und einen Hauch von Frühling dir
    Elke

    Wegen s.o. steht meine Antwortmail an dich noch aus. Asche übr mein Haupt ;)

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  6. Stop!
    beschert ... NICHT beschwert.
    Tsss...
    Was Freud nun sagen würde?

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  7. @Alexander:
    Tatsächlich war ich positiv neugierig auf einen Anonymus, der sich bereits in jungen Jahren von Strawinsky begeistern lässt! Ich beobachte überhaupt wieder sehr viele junge Leute in klassischen Konzerten!

    @Elke:
    Ich dachte bisher, so schlimm wie in Osteuropa zu Zeiten des Umbruchs nach dem Kommunismus kann es nicht werden. Seit Sarko ist es noch schlimmer. Und was die Zahlungsmoral von Menschen betrifft, könnte man fast eine durchschlagende Logik im Russeninkasso erkennen...
    Ich glaube, die "Krise" wird sich noch rächen, nicht finanziell. Sondern weil sich jetzt kaum einer mehr verantwortlich fühlt noch Geschäftsethik zu brauchen glaubt.

    Autoren haben echt einen Hau. Machen noch aus Gülle Geschichten. ;-)

    Herzlichst,
    Petra

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