Aus dem Leben gekippt

Es war verdammt anstrengend heute Nacht. Irgendwer hatte irgendwelche Typen auf mich gehetzt, die ständig in Tieffliegern angriffen. Ich hatte alle Hände voll damit zu tun, meinen Hund ruhig zu halten, rechtzeitig zu verstecken und selbst in Deckung zu gehen. Gemeinsam mit einem Schattenwesen, das ständig mit mir redete und mir erklärte, ich müsse endlich irgendeinen dollen Trick finden, um den schießenden Fliegern zu entkommen, sonst hielte ich das nicht mehr lange durch.

Plötzlich kamen sie alle auf einmal. Ich schnappe mit der einen Hand den Hund, mit der anderen meinen Schatten, renne aus Leibeskräften, sehe viel zu weit weg ein Loch unter riesigen Baumstämmen - und springe. Springe im wirklich letzten Moment, springe weit genug. Kippe in das Loch auf der Erde und fliege. Fliege mit Hund und Schatten in eine herrlich saftige, friedliche Landschaft.

Weißt du, was du jetzt getan hast?, fragt mich der Schatten. Du bist aus dem Leben gekippt.
Und ich hüpfe wie mit riesigen Federn an den Füßen hoch in die Luft, jauchze und rufe: Das ist es! Einfach aus dem Leben kippen, aus der Haut fahren, das ist ja wie in meinem Roman!
Und mein Hund wälzt sich wohlig auf dem Rücken, das Schattenwesen sagt: Jetzt musst du nur noch hineinkippen...

Ich wache auf. Und bin aus dem Leben gekippt. Es trifft mich wie Donnerschlag. Dieser Roman im Traum, den gibt es wirklich! Das ist der, den ich seit nun fünf Jahren erfolgreich verhindere. Und plötzlich ist es so weit.

Was habe ich alles versucht, diese Schnapsidee abzutöten! Ich wollte ein vernünftiges, nett geplantes Leben mit feinen Sachbüchern und mit Romanen, wie andere sie erwarten könnten. Diese Art von Romanen, deren Genre man einmal findet und dann jährlich nachliefert, sich "einen Namen macht", wie das in der Branche so schön heißt. Romane, die nicht allzu sehr weh tun, weil man ja mehrere Bücher im Jahr schreiben muss, wenn man überleben will.

Jener "verschüttete" Roman existierte als Anfangsidee schon in den späten Neunzigern - nur war ich nicht reif für die Idee. 2004 fing ich mit einem Entwurf an, war begeistert, und klopfte 2005 alles in die Tonne. Lachhaft. Möchtegern. Diesmal war ich vielleicht reif für die Idee, aber nicht für das Schreiben. Der Kampf ging weiter. Der Mülleimer blieb wohl gefüllt. Bei jedem neuen Anlauf veränderte sich die Geschichte so sehr, dass sie nicht einmal Kollegen wiedererkannten. Zwei, drei Leute, die sich jetzt grinsend die Hände reiben werden, haben mir gesagt, ich soll da dranbleiben.

Ich blieb nicht dran. Ich wehrte mich. Ich tat alles, um diesen Roman nicht schreiben zu müssen. Ich legte ihn jahrelang weg, vergaß ihn sogar. Und ich versagte natürlich kläglich, beim Entwurf, am Text. Dumm nur, dass sich manche Figuren nicht abwimmeln lassen. Sie tauchen an den unmöglichsten Stellen im Leben wieder auf. Werden aufdringlich. Also suchte meine Vernunft nach Argumenten. Ich würde mir dieses Risiko nicht leisten können. So einen Roman kauft man nicht blind im Voraus, der muss fertig geschrieben sein. Wovon lebe ich in der Zeit? So einen Roman schreibt man nicht locker nebenbei in acht Monaten "herunter".

Im vergangenen Jahr war es so weit. Ich hatte gerade mal wieder eine gesunde Trotzphase gegen die Umtriebe in der Branche und beschloss, mir "Heimlichschreiben" zu gönnen. Etwas nur für mich, das ich niemandem zeigen musste, schon gar nicht veröffentlichen musste. Hobby. Und ich entwarf jenen fast schon angegrauten Roman völlig neu und fing an. Es floss. Das war ich. Das war meins. Auf einmal wurde Schreiben trotz der Schmerzen mit dem Thema so leicht und wunderbar. Ich hatte das Gefühl, nichts anderes mehr machen zu wollen. Aber da war natürlich die Vernunft. Und da waren all die Projektentwürfe in meinem Portfolio.

Dann kam Ende vergangenen Jahres mein Hörprojekt. Es passte so verdammt gut zu meinem heimlichen Roman, dass es nicht mehr feierlich war. Ich hatte ja noch keinen Text für jenes Projekt - und bewarb mich in einem Anfall von Verrücktsein mit einem Text aus jenem Roman. Sprachprobe. Es klappte. Seither verändert sich meine Sprache. Das Hörprojekt klingt in den Roman, der Roman schmiegt sich ins Hörprojekt. Ich habe nicht einmal mehr das Gefühl, an unterschiedlichen Dingen zu arbeiten.

Aber meine Vernunft plante anders. Ab und zu als Hobby, das ist erlaubt, aber werde endlich vernünftig, nimm dir ein Beispiel an deinen Kollegen, die heute schon wissen, was sie in zwei Jahren schreiben werden. Tu endlich etwas für deine Sicherheiten! Also entwickelte ich parallel Romane nach meinem Herzen, die "leichter gehen" würden. Ich schuftete am Exposé und schrieb 160 Seiten abgabefein fertig. Jetzt hatte meine Vernunft Oberwasser: Du wirst nicht 160 verkäufliche Seiten liegenlassen, um diesen komischen Roman in vollem Risiko zu schreiben!

Es passierten dann komische Dinge. Manche nennen es primitives magisches Denken, andere reden von Synchronizitäten und die meisten machen sich über Wunschdenken lustig. Mir passiert es immer, wenn ich an einem Projekt arbeite, das tatsächlich in die Wirklichkeit geboren werden kann. Es ist dieser Punkt, wo ich weiß, ich tue das Richtige, auch wenn alle anderen unken. Ich stolpere im Alltag über etwas, das ich erfunden habe. Für den Lavendelblues hatte ich eine Figur erfunden, mit Namen und Biografie, die dann aber doch nicht im Roman vorkam - nur winzige Teile. Eines Tages bekam ich eine Mail von jemand mir Unbekannten mit so einem Namen und wischte mir noch die Augen, lachte. Ich lachte weniger, als dieser Jemand den gleichen Beruf wie jene längst erfundene Figur hatte und auch sonst Parallelen zeigte. In dem Moment wusste ich, das Projekt würde funktionieren.

Mit dem Heimlichroman gab es auch solche komischen Momente, die darin gipfelten, dass ich selbst unbewusst Symbole aus dem Roman ins Leben holte. Meine Romanfigur besitzt einen Koffer, den sie nicht öffnen mag - ich entwickle eine szenische Lesung aus einem Koffer. Kann man so dumm sein, sich dann immer noch gegen die eigenen Ideen zu wehren? Ja, man kann. Jedes Mal, wenn ich heimlich schrieb, machte ich mir Vorwürfe, welche wichtigen und vernünftigen Arbeiten liegenblieben.

Nur bin ich heute Nacht aus diesem dummen Leben weggekippt. Die Hauptfigur aus dem Heimlichroman lacht sich scheckig und zeigt mit dem Finger auf mich. Mir sind die Ausreden ausgegangen. Meine Hauptfigur hat einen Koffer in der Hand, der Mensch aus meinem Hörbuchprojekt sowieso. Was soll ich machen? Ich habe den meinen auch gepackt, endlich. Egal, wohin die Reise geht. Egal, ob ich auf die Nase falle. Und die Tiefflieger können mich mal...

PS: Falls jemandem dieser Beitrag bekannt vorkommt - meine Vernunft hat hier sicher schon öfter darüber geschrieben, warum sie es nicht tut. Hiermit habe ich ihr einen übergebraten...
PPS: Peinlich, wie ähnlich ich mir schon einmal Mut angeschrieben habe, um mir dann doch nur wieder einzureden, es sein zu lassen. Ich verspreche, meine LeserInnen nicht mehr mit zig naturidentischen Geschichten zu langweilen. Ich mach das mit dem Heimlichroman am Montag amtlich.

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