28.04.2010

Aus der Übersetzerküche

28.04.2010
Heute bin ich ganztags Literaturübersetzerin. Und hatte gleich an einer besonders netten Praline zu beißen, die schön veranschaulicht, was Übersetzungen vermitteln müssen.

Diesmal schrieb ein gewisser Raymond Roussel, selbstverständlich auf Französisch, der in den 1930ern eigens eine Lesemaschine entworfen hatte, damit man seinen irrsinnig verschachtelten und verqueren Wortspielen mit Klängen folgen konnte. Leider hat er keine Übersetzungsmaschien dazugeliefert.

Das ging dann ungefähr so:

Originalsatz:
Napoléon premier empereur...
Napoleon, der erste Kaiser...

Daraus macht Roussel eine Umschrift, die sich an den ausgesprochenen Klängen orientiert. Wer Französisch in Klang und Schrift kennt, weiß um Lernfreuden von Menschen aus exakten phonetischen Sprachen wie dem Deutschen: Das Zeug klingt völlig anders, als es geschrieben wird.

Bei Roussel wird aus obigem Fragment:
Nappe ollé ombre miettes hampe air heure

Das geht im Deutschen so nicht. Außer im Dialekt gleichen sich Klangbild und Schreibweise ziemlich. Was tut man als Übersetzer?
Zuerst analysiert man, was Roussel da macht. Er findet nämlich nicht nur eine reine Klangsprache, sondern bildet aus scheinbarem Unsinn wirklich existierende Wörter. Sein Unsinn hieße, 1:1 übersetzt: "Tischdecke, olé, Schatten, Krümel, Schaft, Luft, Stunde."
Würde man dieses Krümel von Napoleon so übersetzen, wäre aber die Luft raus! Denn Roussel versetzt obendrein Wortgrenzen, scheinbar fließend. Scheinbar, denn bei den "miettes", den Krümeln, stimmt die Sache mit dem Klang gar nicht mehr. Das kleine Krümel Napoleon hat etwas...

Also geht es nicht darum, die Wörter nur zu übertragen, es muss im Deutschen "nachgespielt" werden, was Roussel spielt, um ebenfalls scheinbaren Un-Sinn zu produzieren. Wie aber macht man das, wenn doch das Deutsche so geschrieben wird, wie es klingt?

Das Verschieben der Wortgrenzen brachte mich auf eine erste Lösung: Man kann durchaus ähnliche Klänge im Deutschen unterschiedlich schreiben. Napoleon, der erste Kaiser, wird im Entwurf zu:

Napo Leon därrär steh Kai sehr.

Dann fängt das Überlegen an. Mache ich aus dem "därrär" ein "derer"? Wie viel Klangspiel brauche ich? Und was mache ich mit dem Krümel? Ein "dürrer"? Dann hätte ich den Klangbruch und etwas, das man übersehen könnte. Wenn auch in der Breite. Der Text wird erst einmal weggelegt und später durchdacht.

Normalerweise erfindet man natürlich bei solchen Fragmenten nicht das Rad neu. Roussel liegt in älteren Übersetzungen vor. In der Regel besorgt dann der Verlag die jeweiligen Abdruckrechte. Dumm nur, dass mein Autor bei seinen Kleinzitaten nicht die genaue Quelle nennt - es geht also schneller, das selbst zu machen.

Für die aufwändigen Literaturfragmente darf ich ab nächster Woche auf einen ganz besonderen Luxus zurückgreifen. Ein Verlagspraktikant aus Paris wird für mich die schlimmsten Passagen in Bibliotheken zusammensuchen. Wobei ich ahne, dass einige Werke, allen voran die endlosen Briefsammlungen, nie übersetzt worden sind. Trotzdem hilft es sehr, wenn ich mich bei den bekannten Texten und der Lyrik nicht blamieren muss!

Weil so viele immer wieder auf Verlage schimpfen: Auch solche Verlage gibt es, die sich die Qualität ihrer Bücher einiges kosten lassen und auf Sorgfalt und Recherche Wert legen. Da macht das Arbeiten noch mal so viel Spaß, weil so viele Menschen daran arbeiten, ein rundum gutes Buch zu produzieren.

Lesetipp:
Der Freitag "Die unbesungenen Helden" - warum Übersetzer mehr Anerkennung verdienen

2 Kommentare:

Jan hat gesagt…

Da grüß ich doch mit Karl May: "Was kraucht nur dort im Busch herum? Ich glaub' es ist Napolium." :)

Und ein ebenfalls sehr feiner Lesetip:
http://www.titel-magazin.de/artikel/25/7332.html

Frohes Schaffen!
Jan

PvC hat gesagt…

Ganz toller Lesetipp, danke! Das ist nämlich ausgerechnet eine meiner Lieblingübersetzerinnen, deren Namen ich jetzt endlich nicht mehr vergessen werde!

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