Sozialkapital, Mittelmaß + Gallier

Heute gibt's nicht nur Lesestoff, sondern auch Gucktipps.
Der erste kommt gerade von einer französischen Kollegin herein, mit der Notiz "Du bist doch auch eine  Grenzgängerin". Die werden jetzt in einer Filmdokumentation unter dem Titel "Des vies sur la frontière - Grenzgänger" von France 3 Alsace und SWR gezeigt:
Sie leben oder arbeiten auf beiden Seiten der Grenze. Sie sind Winzer, Tierarzt, Naturforscher, Bestattungsberater, Köchin, Unternehmer, Hebamme und Pfarrer. Sie geben uns einen Einblick in ihren Alltag: ein Leben zwischen zwei Ländern, zwei Kulturen, zwei Mentalitäten. Welche Bedeutung hat die Grenze in ihrem Alltag? Ist sie ein Hindernis oder eine Chance?
Gezeigt werden die Portraits alle zwei Wochen - und zwar auf France 3 Alsace jeden zweiten Samstag um 16 Uhr 20 und im SWR ab Freitag, den 5. November um 18 Uhr 15.

Inzwischen manchmal besser als Fernsehen ist youtube - wenn da nicht unzählbare Verstöße gegen Urheberrechte wären, was natürlich die Verwertungsgesellschaften auf den Plan gerufen hat. Doch die einigen sich inzwischen alle der Reihe nach, kürzlich schlossen auch die französischen Verwertungsgesellschaften mit youtube ein Abkommen, um betroffenen Künstlern Tantiemen zuführen zu können. Nur die GEMA tanzt noch aus der Reihe. Deshalb sind andere Länder auch schneller darin, das neue Medium für neue Ideen zu nutzen.

Das Guggenheim Museum hat gemeinsam mit youtube einen weltweiten Wettbewerb für besonders kreative Videos ausgeschrieben gehabt. 23.000 Einsendungen aus 91 Ländern waren zu sichten und wer die Berichte in ARTE oder auf 3sat dazu gesehen hat, weiß, wie schwer die Auswahl bei solchen Perlen gewesen sein muss. Nun steht die Shortlist von 125 Videos fest und ist auf einem eigenen Kanal zu sehen: playbiennal. Am 21. Oktober wählt die Jury die Gewinner aus, deren Videos danach auf dem gleichen Kanal weltweit zu sehen sind. Ein besonders gelungenes Beispiel für die Vernetzung von Kunst, Museumsarbeit, Social Media und neuen Medien.

Weniger lustig ist der Lesestoff, obwohl man es natürlich so augenzwinkernd verpacken kann wie die taz. Diese erklärt angehenden Journalisten (und nachlassenden Spätsemestern) nämlich, wie man erfolgreich eine Kolumne in den Sand setzt. "Der Sieg des Mittelmaßes" ist leider nur scheinbar Provokation, längst hat er Einzug gehalten im Blätterwald. Blogger sollten jetzt nicht allzu laut lachen, sondern schleunigst ebenfalls diesen Anti-Unterricht genießen, denn vor Dummdeutsch und langweiligem Urlaubgeschwätz ist keiner gefeit.

Was Mittelmaß in der Verlagslandschaft anrichten kann, lässt sich jetzt sogar auf Landkarten besichtigen. Tobias Dichtl und Simon Suffa von der Universität Würzburg haben aktuelle Trends und Entwicklungen im deutschen Buchmarkt analysiert und kartografisch sichtbar gemacht. Die Leipziger Internet Zeitung stellt das Projekt vor und findet in der Studie ein wichtiges Wort: Sozialkapital.

Es geht darum, dass über 92% der deutschen Verlage zu den kleineren zählen, am wenigsten Umsatz erwirtschaften, aber die Pionierarbeit für die Stapeltitelproduzenten leisteten. In der Studie heißt es dazu:
"Die Beziehung zu ihren Autorinnen und Autoren und zu Orten, an denen neue Inhalte (kultureller oder fachlicher Natur) geprägt werden, ist nicht zu unterschätzen."
Interessant, dass auch diese Studie ausdrücklich feststellt, dass Großverlage immer stärker Outsourcing in wichtigen Kernkompetenzen betreiben und die Pflege selbst erfolgreicher Autoren stark gelitten habe. Dadurch würden wieder mehr Autoren zu kleineren Verlagen wechseln. Kann ich mit meiner eigenen Arbeit nur bestätigen: Die besseren Bücher schreibt man als Autor dort, wo Sozialkapital wertgeschätzt wird, sprich: Autoren und Bücher gepflegt werden. Einen weiteren Trend erkennt die Studie darin, dass immer mehr Autoren Bücher ganz von herkömmlichen Verlagen auslagern, indem sie Titel in eigenen Netzwerken, mit neuen Techniken oder im PoD-Verfahren produzieren, wobei Fremdanbieter oft höhere Tantiemen gewähren.

Jetzt muss nur noch etwas im Handel geschehen, dass die Bücher der kleineren und mittelständischen Verlage auch zu den Lesern finden - denn Kettenbuchhandlungen nehmen die meisten dieser Verlage nicht ins Paket und setzen Verlage überhaupt unter einen immensen Rabattdruck. Ob die Verbraucher, also Leser, hier bereit wären zu einem kritischeren Kaufverhalten? Ob es die Verlage schaffen, sich vertrieblich zusammenzuschließen?

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