Ein ruinierter Markt mit Absinthbonbons

Ich habe die Anekdote schon einmal erzählt, aber nun passt sie einfach perfekt. Nachdem ich meine Rechte am Nijinsky wiederhatte, bekam ich von einem sehr feinen Verlag eine telefonische Fast-Zusage für eine größere Version des Themas, sogar der Erscheinungstermin im Herbst 2011 war bereits geplant. Freudig dachte ich mir nichts Böses, bis die Vertreterkonferenz stattfand. Danach erfuhr ich dann mehr oder weniger zufällig, dass die Vertreter sich gegen das Projekt ausgesprochen hatten. Die Begründung ließ mich kurz perplex zurück, anschließend bekam ich einen veritablen Lachanfall. Es hieß nämlich, das Victoria & Albert Museum bringe gerade einen Ausstellungskatalog zu den Ballets Russes heraus, sogar mit Musik auf CDs - und damit sei der deutsche Markt für dieses Thema ruiniert!

Signed photograph of Vaslav Nijinsky in Le Spectre de la rose, photograph by Bert, 1912. V&A Theatre & Performance Collections, Valentine Gross Archive

Nein, das ist kein Witz. Das Wort "ruiniert" fiel tatsächlich. Mir hat es fast meinen Glauben an den gesunden Menschenverstand von Buchleuten ruiniert. Klar gab es zum Hundertjährigen Jubiläum Ausstellungen auf der ganzen Welt, die Autorin hat selbst so ziemlich jeden erreichbaren Katalog erworben, um sich weiterzubilden und Spaß zu haben. Eine Konkurrenz zwischen Kuratoren und Autoren wäre mir auch im schlimmsten Alptraum nicht aufgefallen, denn das muss man mal laut sagen: Die meisten Ausstellungskataloge sind nur für Fachleute verstehbar. Ich bin mir jedoch sicher, dass irgendein deutscher Verlag diesen Katalog für ein Mehrfaches der Kosten eigenproduzierter Bücher übersetzen lassen wird. Nun denn - nie mehr im Leben werde ich das Victoria & Albert Museum vergessen, zumal ich selbst gierige Kundin für deren Preziose bin. Aber ich bin eben wie alle von den Ballets Russes gebissenen Fans. Mir reicht ein Katalog nicht oder ein Buch: Ich will sie am liebsten alle haben. So ist dann bekanntlich mein Trotzprojekt entstanden. Jetzt erst recht.

Und ich mache jetzt genau das, wovor ein Verlag Angst hatte. Für mich gibt es keine Konkurrenz. Das Victoria & Albert Museum als Marktvernichter zu betrachten, kommt mir abstrus vor - für mich ist es ein Marktöffner, ein Verbündeter. Wenn ich dort im Shop sehe, dass sich Frauen von Nijinsky inspirierte Faunstrümpfe, Nymphenschals und sogar ein "Diaghilew-Parfum" kaufen können, dann muss an der Faszination Nijinsky auch im Jahr 2010 oder 2011 noch etwas dran sein. Diaghilews Schnurrbart gibt es auf Kinderpantoffeln, die Museumsbesucher lutschen fleißig im Stil der Zeit Absinthbonbons und die Herren können sich Diaghilews Zylinder oder Kosakenmützen kaufen. Man kann über solche Vermarktungen denken, was man mag - es gäbe diesen Handel nicht, wenn das Thema die Leute nicht anspräche.

Wo Platz ist für Schnurrbartpantoffeln und Ohrringe à la Nijinsky, muss doch auch Platz für ein Buch sein, das es so noch nicht gibt, schon gar nicht in deutscher Sprache.

Ich gehe einen Schritt weiter und mache hemmungslos Werbung für die vielversprechend aussehende Austellung:
Diaghilev and the Golden Age of the Ballets Russes 1909-1929
vom 25.9.200 bis 9.1.2011 im Victoria & Albert Museum London

Im Shop des Museums gibt es den Prachtkatalog dazu und eine Sammlung sämtlicher Ballettmusiken auf drei CDs - und natürlich auch die Absinthbonbons.
Ganz wunderbar gemacht ist das Blog zur Ausstellung, das die Kuratorin Jane Pritchard betreut.

Es würde mich nicht wundern, wenn auch das ein oder andere Bild des Museums in mein Buch findet, ich habe bereits mit leuchtenden Augen bei der Agentur geschwelgt - und nicht nur das...

Ich danke dem Victoria & Albert Museum für die großzügige Regelung, Bilder von deren Website für nichtkommerzielle Beiträge wie diesen kostenlos nutzen zu dürfen - und Frank Peters für die Erinnerung an eine wunderbare Ausstellung.

Kommentare:

  1. Absinthbonbons? Vielleicht sollte ich die bei der nächsten Lesung verteilen ... oder auf der Buchmesse, um die Stimmung zu heben :-)

    Ja, die Vertreter, die sind ein bisserl die "Schattenregierung" der Verlage. Wenn diese ein Buchprojekt ablehnen, dann war's das. Und gestandene Verleger, die wissen, was sie wollen, gibt's ja nicht mehr.

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  2. Ich schiele auch auf diese Bonbons, was könnte man sich damit Leser gefügig machen! ;-)

    Das Problem ist ja, dass es auch nichts nutzt, wenn der gestandene Verleger etwas durchsetzen will und der Vertreter dann lustlos oder gar nicht handelt... Da müsste man dann wieder die eigene Vertretermannschaft von Grund auf erziehen, das kostet noch mal Geld und da sind wir wieder im Teufelskreis.

    Für mich war es einfach wieder einmal ein Paradebeispiel (ich habe auch für meine verlegten Bücher ähnliche), woran Bücher scheitern können - mit Rationalität hat das leider nicht immer etwas zu tun.

    Ich erlebte schon einmal so einen Spaß in meiner Laufbahn. Ein Manuskript, für das ich die kuriosesten Absagen bekam, im Stil von "durchgeknalltes Thema" bis zu "Autorin denkt zu französisch". Hugendubel griff zu, verkaufte wie geschnitten Brot - später wurde das Buch leider Opfer von Fusion und Verlagsverkauf. Das Ding wurde zum Standardwerk, heute noch von den Archiven des Vatikan empfohlen (und auf italienisch übersetzt).

    Dann rief mich plötzlich jemand von den BBC an, sie suchten händeringend Fachleute, die bereit wären, die üblichen Wege zu verlassen, das sei im deutschsprachigen Raum so rar. So kam es zur Poulenc-DVD und wie es der Zufall so will, zitierte ich damals im Beiheft einen Kritiker Poulencs, der auch im Nijinsky vorkommt. Das wiederum brachte mich auf die Idee, dass ich auch mal mutig jemanden anrufen könnte - und das Ergebnis gibt's dann im Buch...

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