Hartz-IV-Avantgarde

Man stelle sich das vor: Da ist ein Typ, der als Dichter und Bildhauer im Prekariat lebt und darum mit Postkarten handelt. Aber plötzlich hat er eine geniale Idee: Er könnte doch stattdessen endlich mal seine eigenen Gedichte veröffentlichen und die seiner Freunde dazu? Gar nicht so einfach, denn wer soll den Schmonzes kaufen? Die Verleger lehnen ab.
Doch der Typ ist ein Macher. Und so kommt er auf eine noch genialere Idee: Er könnte eine Zeitschrift gründen. Dann müsste er niemanden mehr fragen, ob er ihn veröffentliche. Weil er es mit dem Computer nicht so hat, will er auf Papier drucken. Aber das kostet auch bei billiger Aufmachung zu viel Geld. Geld, das er mit seinem jämmerlichen Job nicht verdient.

Die dritte geniale Idee wird geboren. Der bewusste Typ schmeißt nämlich seinen Postkartenverkauf hin und meldet sich frech und vorsätzlich arbeitslos. Jeden Monat Stütze, das ist wie Manna, das vom Himmel fällt. Genau das Geld, das er für seine Zeitschrift braucht! Also geht dieser Mann her und investiert seine Unterstützung und druckt ein selbstgemachtes Blättchen. In der ersten Nummer mit acht Seiten findet sich nichts anderes als seine eigenen Gedichte. Endlich veröffentlicht. Und weil die Stütze weiter fließt, bekommt die Zeitschrift weitere Ausgaben, mit Texten und Zeichnungen von anderen komischen Typen. Typen, die er ganz sympathisch findet, weil sie genauso spinnen wie er.

Nein, das ist kein modernes Hartz-IV-Märchen. Es ist schon etwas angestaubt.
Der Mann hieß Pierre Albert-Birot und sein selbstgemachtes Blättchen, das 1916 zum ersten Mal erschien, SIC von Sons, Idées, Couleurs, Formes (Töne, Ideen, Farben, Formen).

Die Freunde und komischen Typen, die der vorsätzliche Arbeitslose veröffentlichte, hießen z.B. Guillaume Apollinaire, Max Jacob, André Breton oder Tristan Tzara. Und Sammler bekommen heute noch feuchte Augen, wenn sie die Ausgabe von 1917 sehen, in der exklusiv ein Werk Apollinaires mit Originalillustrationen von Picasso und Matisse erschien. Aber Apollinaire war auch so einer, druckte seine Sachen manchmal selbst, weil er den Verlegern zu verrückt erschien, und lieferte sie höchstpersönlich an die Kundschaft aus.

Das ist eine Anekdote von vielen, über die ich beim Übersetzen eines Buchs über die Avantgarde stolpere. Und sie gibt mir zu denken. Wagnis oder Risiko, wirklich Neues in der Kunst und Kultur scheuten die Menschen schon immer. Birots Postkarten für Soldaten des Ersten Weltkriegs und ihre Liebchen müssen ungleich höhere Auflagen erreicht haben als die fünfhundert Exemplare der ersten Ausgabe von SIC.

Und dann wirft dieser Mann mitten in schwierigen Kriegszeiten seinen Job hin und investiert seine Arbeitslosenunterstützung in ein Werk, an das zunächst nur er selbst glaubt.
Wie mutig sind wir heute? Und wie vernetzt in der Zeit des World Wide Web sind Künstler wirklich? Vielleicht ist uns nur eines aus dieser Zeit geblieben: dass sich Billigstlohnarbeit nicht lohnt.

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