stillekompatibel

Im Moment tanzt der Bär. Während ich mit der Übersetzungsdrechselei in den letzten Zügen liege (bevor ich dann noch die Lektoratsvorschläge einarbeiten muss), rasen die üblichen vorwinterlichen Termine auf mich zu (in den Vogesen erledigt man manches besser vor dem Schnee). Als wäre das nicht genug, quengelt mein uralter Erstberuf. Das Blog artet in journalistische Arbeit aus (wenn ich nur nicht immer so neugierig wäre). Und für den Nijinsky wollen ebenfalls Recherchen vorbereitet und halbwegs intelligent in die Wege geleitet werden. Denn der wird ja nun noch dicker, noch besser. Zwischendurch bekoche ich Gäste, spiele Putzfrau beim längst fälligen Osterputz und Animateurin beim Hund.

Auf diese Art bleibt einem noch viel zu viel Freizeit, denn bei der kalten Witterung fällt das Rasenmähen weg. Ich bilde mich fort, was derzeit an neuen technischen und inhaltlichen Änderungen in der Branche kommt. Im Moment kann es einem den Atem nehmen. Ideen, die ich noch vor ein paar Monaten für Utopien hielt, werden plötzlich von irgendwelchen Leuten umgesetzt. Dinge, die neu schienen, gehen schon wieder unter, weil sie alle machen - und anderswo findet man unter den fröhlich sprießenden Pilzen plötzlich auch Giftpilze. Ein Dschungel, den man irgendwann nicht mehr durchschauen würde, wenn man jetzt nicht dranbleibt. So wie die Freundin, die sich zeitlebens weigerte, ein Fax zu benutzen und jetzt ohne Internet ihre Fahrkarten online kaufen will. Eigentlich sollte ich mich endlich auch technisch mit der Buchherstellung befassen, um betreffende Gespräche führen zu können. Und war da nicht noch die ideale Community, oder war es eher die andere?

Halt. Stopp.

Stille.

Die Kunst des Schriftstellers ist es, Menschen völlig aus ihrem Leben zu reißen. Aus einem immer schnelleren Leben. Wir manipulieren die Hirne. Wir verlangsamen unsere Leser. Wir zwingen ihnen unseren Rhythmus auf: den Atem einer Geschichte. Ob im Sachbuch oder im Roman - bei uns schweigen die Menschen, verlieren den Blick für die Welt um sie herum. Sie schauen und hören in andere Welten hinein. Stille Welten, in deren Rhythmus sie zu atmen beginnen.

Habe ich als Autor wirklich die Pflicht, in Dauergeschnacke, Wortbeblubber und Tweetdrescherei Communities zu bespaßen? Muss ich überall und immer ansprechbar sein, sprechen, Rede und Antwort stehen?
Sicher: Die Zeiten, in denen Autoren im stillen Kämmerlein blieben, sind vorbei. Wer sich völlig verweigert, muss schon berühmt oder irre wahnwitzig gut sein, um mit Öffentlichkeitsabstinenz noch berühmter zu werden. Wir sind öffentliche Personen und nicht immer bringt einen die Öffentlichkeit um. Die Menschen da draußen kaufen ja schließlich unsere Bücher.

Aber...
Da muss auch Stille sein. Innere Ruhe.

Für einen Ebook-Reader ist ein Akku selbstverständlich. Wer denkt daran, dass auch Autoren ihre Akkus aufladen müssen? Akkus, die viel sensibler und anfälliger sind als jede technische Neuentwicklung?
Wenn wir selbst die Stille nicht in uns tragen, diese Verlangsamung, dann schreiben wir nur noch Bücher im Gleichklang mit dem Lärm da draußen. Dann entstehen Bücher, die hektisch atmen wie die Dahineilenden in einer Fußgängerzone, alle gleich. Solche Bücher unterscheiden sich kaum mehr von Communitygeschwätz und Endlostwittern. Wie sollen sie noch diese Kraft der Manipulation entwickeln, mit der wir die Leser aus ihrem Alltag herausreißen?

Ausatmen.
Tief ausatmen.
Alles wegatmen, bis die Brust leer scheint.
Und dann ganz langsam und sanft und tief die frische Luft einatmen.
Jede Geschichte hat ihren eigenen Atem.

Kommentare:

  1. Vor 20 Jahren habe ich angefangen zu meditieren. Damals arbeitete ich in einem absoluten Stressjob. 13, 14 Stunden am Tag waren normal. Immer auf Achse. Ständig präsent. Meditation sollte mich beruhigen, vor dem Infarkt bewahren. Hat sie vielleicht auch. Aber erst jetzt, nachdem ich aus dem Hamsterrad ausgestiegen bin und als freier (euphemistisch, zugegeben) Autor arbeite, stelle ich fest, wie sehr ich diese tägliche Stunde der Stille, des einfach nur Daseins brauche. Früher half sie mir die Arbeit auszuhalten. Heute ist sie Voraussetzung für mein Schreiben.

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  2. Das ist schön gesagt!
    Ich selbst stelle gerade fest, wie wichtig es ist, sich Freiräume für das (wirkliche) Schreiben schaffen und finanzieren zu können. Und da gehört diese Ruhe unbedingt dazu. Vielleicht sollte ich einen meiner drei Schreibberufe hinwerfen und lieber Meditationslehrer werden? ;-)

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