Lebenslänglich lernen

Eben hatten wir es im Blog noch von Meisterklassen und ein Leser hat mir den Link zu einer kleinen Videoperle geschickt: Lotte Lehmann zeigt in ihrer Meisterklasse 1961, wie man den Monolog der Marschallin im Rosenkavalier auch ganz ohne Stimme geben kann - sie ist zu dem Zeitpunkt 73 Jahre alt:



Leo Slezak schrieb über sie:
„Sie besaß das Geheimnis, das einzige Geheimnis, das wir haben: Herz. Ein Ton, der aus dem Herzen kommt, geht dem Hörer zu Herzen, vielleicht weiß er nicht einmal, was eigentlich ihm solche Freude bereitet, was ihn so zufrieden und glücklich macht.“
Ich denke, das ist eines der Geheimnisse von Kunst überhaupt - und durchaus auf das Schreiben anwendbar.

Fast lächerlich nehmen sich dagegen all die Schreibratgeber und Medienbeiträge aus, die angehenden Autoren so etwas wie eine Bestsellerformel aufschwatzen wollen und allerlei Checklisten verkaufen, womit man denn nun den großen Erfolg erreichen könne. Das SZ Magazin schlägt nun in die gleiche Kerbe, dreht aber den Spieß um: Während die großtönenden Ratgebertypen ja in den seltensten Fällen außer ihrem Ratgeber tatsächlich einen Bestseller geschafft haben, geschweige denn einen erfolgreichen Roman, befragt die Zeitung lieber gleich erfolgreiche Autoren.

Und siehe da, die Ratschläge der großen Kolleginnen und Kollegen sind so ganz anders! Natürlich ist da viel Unsinn dabei; etwa, dass man abends Schokolade für den Bestseller bräuchte oder dass beim Überarbeiten des Buchs Blut fließen müsse. Aber der Rest der Ratschläge von Leuten wie Margaret Atwood, Jonathan Franzen oder Joyce Carol Oates zeigt doch, wie einfach es im Grunde ist, ein richtig gutes Buch zu schreiben, wenn man denn...

Mein Favorit ist Margaret Atwood. Besser noch als ihr titelgebendes "Zur Not schreiben Sie auf den eigenen Arm" finde ich die herrlichen Ratschläge zum richtigen Verwenden von Stiften. Überhaupt scheinen mir die englischsprachigen Autoren in dem Beitrag sehr viel humorvoller als ihre deutschen Kollegen - und mit diesem berühmten Lachen über sich selbst - ans Werk zu gehen. Vielleicht liegt auch darin ein Geheimnis für gute Bücher: Sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, locker zu bleiben. Und womöglich zu leben, was Jonathan Franzen sagt: "Man muss erst lieben, bevor man unnachgiebig sein kann."

Eben erhalte ich per Twitter (aufmerksame Mitleser!) den Hinweis, dass die SZ einige der Beiträge ohne Quellenangabe beim Guardian geholt hat, der die Serie schon im Februar brachte. Das wurde dann mit den deutschen Autoren aufgehübscht. Selbst wenn man Fremdartikel einkaufen sollte, sollte eine Quellenangabe nicht fehlen: Qualitätsjournalismus 2.0...

Immer wieder dazulernen kann man auch als Leser. Etwa, wie man schöne Bücherperlen im Dschungel der Neuerscheinungen aufspüren kann, den ja selbst Insider kaum noch durchdringen. Matthias Brömmelhaus zeigt in seinem Blogbeitrag "Das Lob der Unabhängigen", wie so ein Weg aussehen mag. Und passend zu seinem Ratschlag, sich öfter einmal die Websites der Independents anzuschauen, verweise ich auf meine eigene Blogliste "Feine Verlage entdecken" (rechts im Menu), die immer mal wieder Zuwachs bekommt.

Kommentare:

  1. Die Dichtkunsthinweise gelten ja auch irgendwie für Sachbücher.

    Leider gibt Frau Atwood keine Hinweise, wie man das Brainstorming auf Papier bringt, das einen unter der Dusche ereilt. Mir fielen da immer wunderbare, bis in letzte Komma ausformulierte, logisch unbestechlich aufgebaute Absätze ein.

    Sobald das Wasser ausgemacht und ich halbwegs trocken war, war alles weg. :-)

    Ob mir da jemand helfen kann?

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  2. Korretur:

    3.Absatz, 2te Zeile:

    statt ":-)" ":-("!

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  3. "Sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, locker zu bleiben."

    Mein Motto :-)

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  4. Ach. Wieso bin ich denn jetzt anonym ... ?

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  5. Ach die Dusche... statistisch soll es ja bei Autoren ein ganz anderes kleines Örtchen sein, wo einem die besten Ideen kämen...

    Hmmm... es gibt wasserfeste Radios, vielleicht mal im Fachhandel fragen, ob es auch wasserfeste Diktiergeräte gibt?
    Ansonsten wäre der direkt vor der Dusche platzierte Privatsekretär mit gespitzten Ohren vielleicht eine Alternative?

    Ich hab ein ganz anderes Problem: Wie bekomme ich meinen Hund zum Sprechen? Der musste sich unterwegs beim Wandern nämlich schon die bestsellerverdächtigsten Ideen anhören. Aber wenn ich verlange, dass er sie mir wieder einflüstert, grinst er nur höhnisch über beide Lefzen!
    Falls ich keinen Bestseller lande, so ist nur dieser Hund schuld. Jawoll.

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  6. Peuchère!

    Womit ich Rocco meine :)

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  7. Öhm... du bringst mich jetzt selbst als Übersetzerin an Sprachgrenzen... ;-)?

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  8. peuchère = exclamation provençale exprimant la commisération.

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