Alles nur Casting?

Es soll schon vorgekommen sein, dass ein junger Mensch auf die Frage, was er mal werden wolle, herausplatzte: "Ganz schnell reich und berühmt mit ganz wenig Arbeit." Und das ist sicher ein effektiver Weg in die Frustration oder die Mafiakarriere. Dumm, dass nicht jedes Mädchen als Paris Hilton geboren wird - Fußball ist fürs Berühmtwerden vielleicht nicht so der große Bringer, solange Frauenfußball nicht ebenso gefeiert wird wie Männerfußball. Und nicht jeder Junge lechzt danach, ausgerechnet in die Politik zu gehen und Skandale zu fabrizieren. Also bleibt neben der Mafia nur noch der Beruf des Stars. Und Stars, das lernen wir in glitterbunten Castingshows, sind so ähnlich wie Barbie und Ken: Man kann sie überall kaufen.

Gewiss, auch früher wollten junge Leute als Tänzer, Maler, Sänger, Schriftsteller, Schauspieler oder Musiker berühmt werden. Aber im Unterschied zu der Quälerei in alten Zeiten wünscht man sich das heute am liebsten im Wochenendseminar inklusive Rundumerleuchtung, ohne viel Schmerzen, Leiden und vor allem - ohne langes Warten. Ohne Geduld und Hartnäckigkeit. Ohne Disziplin und Maloche. Das sind aber gar nicht die Kids, denen die Realität in dieser Hinsicht verlorengeht - es sind die Erwachsenen, die ihnen vormachen, große Künstler würden genial geboren und müssten nur noch entdeckt und gehypt werden.

Ähnlich reißerisch - das Publikum schreit ja danach - war die dreiteilige Miniserie "Meisterklasse. Die Opernprofis von morgen" auf 3sat angekündigt worden, die gestern abend anlief. Ihr Anspruch: Die raue Wirklichkeit zu zeigen, die harte Auswahl und Arbeit der jungen Sänger, die uns die Castingwelt wohlweislich verschweigt. Olivia Hagemann begleitete dafür sieben junge Opernsänger aus ebenso vielen Nationen, die eine große Hürde bereits geschafft haben: Sie sind in die Meisterklasse von Laurent Pillot im Opernstudio der Bayrischen Staatsoper ausgewählt worden. Jeder von ihnen weiß, dass sich hier ihre Wege trennen könnten: vom völligen Scheitern bis zum Einstieg in eine Solistenkarriere ist alles möglich. Sie alle sind mit Mitte Zwanzig schon weit auf ihrem Weg gegangen, aber jetzt lasten auf ihnen der Druck der erlesenen Talentschmiede und die Realität der Bühnenauftritte mit den wirklich Großen.

Für Laien und Kunstinteressierte, vor allem junge Leute, ist die Dokumentation reich an Einblicken. Denn wer weiß schon, dass ein Sänger nicht einfach dasteht und singt, sondern auch Schauspieltechniken, Körpertechniken und vor allem Sprachen lernen muss? Wer macht sich im normalen Leben schon Gedanken darum, wie das ist, wenn man wild zusammengewürfelt aus allen Ecken und Enden der Welt, auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen, auf der Bühne Höchstleistungen vollbringen soll? Wie das ist, wenn man auch das Privatleben miteinander teilt, weil man aus dem Leben der "Normalen" herausfällt und weil Familie und Freunde weit weg sind? Was ist das eigentlich, "Künstler" zu sein, warum ist man da "anders", was ist "anders" - und was wird von einem verlangt? Was sind das für Menschen, die sagen, sie könnten nicht anders, sie müssten einfach singen, müssten einfach für die Bühne leben? Und warum wird in der Meisterklasse nicht einfach nur Handwerk und Können entwickelt, sondern vor allem die Persönlichkeit - mit allen Härten, die das mit sich bringt?

Nicht nur für Opernfreunde ist die Serie empfehlenswert. Das Handwerk mag von Kunst zu Kunst völlig unterschiedlich sein, die Entwicklung von Künstlern jedoch ist universell. Es gibt eine Menge auf andere Künste übertragbare Mechanismen, vor allem, was die Ausbildung einer "Künstlerpersönlichkeit" betrifft. Genau deshalb beschäftige ich mich ausgiebig und gern mit solchen Seitenblicken. Denn wir Schriftsteller kranken wohl als eine der wenigen Sparten daran, dass es weder eine fundierte Ausbildung gibt, noch das obligate Üben und Trainieren von Kindesbeinen an. Was ich persönlich aber am meisten vermisse: Wir haben keine Meisterklassen. Als glaubte man, in unserem Beruf, der noch nicht einmal als einer anerkannt ist, falle man fertig vom Himmel und habe mit der Veröffentlichung die höchste Weihe erhalten. Als müsse man sich nach ein paar Büchern nicht mehr entwickeln. Die wenigsten, heute oft viel zu jungen und unerfahrenen Lektoren sind noch befähigt, einen Schriftsteller als Künstlerpersönlichkeit zu entwickeln. Im Tagesgeschäft ist das gar nicht mehr vorgesehen.

Ich spicke vor allem deshalb gierig von solchen Einblicken Wissen ab, weil ich am eigenen Leib erfahren habe, dass das Fehlen jeglicher Förderung (und Forderung), diese totale Freiheit, auch zu einer Menge Lebenszeitvergeudung führen kann. Natürlich lernt man am Leben, am eigenen Scheitern, an den Umständen, an genauer Beobachtung, durch Üben. Aber in dieser vermeintlichen Freiheit bleibt allzu oft die Entwicklung dessen auf der Strecke, was man "Künstlerpersönlichkeit" nennt. Meiner Meinung nach sagen uns zu früh zu viele Menschen, was sie erwarten, wie "man" etwas angeblich zu machen hat, wie "man" Erfolg haben könnte. Und so hilfreich Autorenforen in Fachfragen sein können - sie verschieben diese Einflussnahme auf einen noch gefährlicheren frühen Zeitpunkt, nämlich zu den blutigen Anfängern hin. Diese - für unsere Castinggesellschaft verständlich - suchen noch stärker als früher nach Patentrezepten und Handwerksformeln, nach Binsenweisheiten und Kollegentrost. Und sie vergessen dabei, dass sich Persönlichkeit vor dem Buch entwickeln muss - in einer sehr eigenen Weise.

Ich hätte gern in meinem Leben einen Maitre Pillot gehabt, der aus mir die Stärken herausgekitzelt hätte, der mich unerbittlich hinterfragt hätte und zu Höchstleistungen getrieben. Zum Glück sind mir immer wieder, oft nur punktuell, Menschen begegnet, die Ähnliches geleistet haben. Aber bis ich den süßen Sirenengesängen von Auflageversprechungen und Genremoden, von Handwerkskästen und Hammeltrieb widerstehen lernte, habe ich doch ziemlich viele Jahre verloren. So schön der technisch erleichterte Austausch unter Kollegen ist - im Ernstfall nützt es einem Lyriker nichts, wenn der Regiokrimi-Autor Ratschläge gibt. Im Ernstfall nützt es einer Autorin von Liebesromanen mit Mystery-Touch herzlich wenig, wenn die politische Literatin sich ihrer annähme. Man muss manchmal lange suchen, bis man Kollegen gefunden hat, die ähnlich arbeiten wie man selbst. Aber dazu muss man zuerst einmal sich selbst gefunden haben.

Ich wünsche mir Meisterklassen auch für Schriftsteller. Ein paar gute, punktuelle Ansätze gibt es ja bereits. Aber solange man glaubt, es könne doch sowieso jeder schreiben, weil man das in der Schule lerne; solange man glaubt, ernsthafte professionelle Schriftstellerei sei kein "richtiger" Beruf - solange wird sich nicht viel ändern. Es reicht eben nicht, ein paar Wochenendseminare bei etablierten Schriftstellern zu buchen und dabei auf Erleuchtung zu hoffen.

Gucktipp:
"Meisterklasse. Die Opernprofis von morgen" auf 3sat.
Fortsetzung am nächsten Samstag um 21:15 Uhr und am Samstag darauf um 21:40 Uhr
Lesetipp:
Das meiner Meinung nach beste Buch für Menschen, die sich mit dem Finden der eigenen Künstlerpersönlichkeit auseinandersetzen wollen und die über die Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz nachdenken - auch unabhängig von Musik:
Joe Jackson: Ein Mittel gegen die Schwerkraft, Satzwerk Verlag

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Kommentare:

  1. Ja ... hmm ... glaubt man denn auch als Erwachsene alles, was im Fernsehen gezeigt wird?

    Im Gegensatz zu früher, will "man" heute alles viel schneller ... sagst du sinngemäß - also die Kids von heute. Nö.

    Hast du als Eltern deinen Erziehungsauftrag einigermaßen erfüllt, weiß auch dein Kind schon sehr früh, dass du ohne Fleiß nichts werden wirst.

    Kann man solche Sendungen verteufeln wie man will, sie scheinen einen Einblick zu geben u. vermutlich wollen sie auch nicht mehr, als das - einen Einblick geben. Kommt sicher darauf an, wie sie tatsächlich daher kommen. Da ich sehr wenig fernsehe - nicht aus Überzeugung oder um Fernsehen zu verteufeln, sondern weil so wenig angeboten wird, was mich interessiert, kann ich solche Sendungen nun eher nicht wirklich kommentieren.

    Zurück zum Anfang meines Kommentars. Ich möchte gerne mal meinen kleinen Sohn als Beispiel bringen.
    Was immer es ist, was er gerne lernen möchte, er übt so lange, bis er es kann. Ich glaube, dass es zum einen eine Charaktereigenschaft ist, zum anderen natürlich unsere Unterstützung als Eltern. Letztes Jahr hat er die Biografie von Ozzy Osborne gelesen, er musste zwar hier und da mal den Sinn von Wörtern erfragen, hat das Buch aber zu Ende gelesen. Da war er 10. Warum? Weil er selbst recht gut Schlagzeug spielt, von einer eigenen Band träumt und regelmäßig übt. Und instinktiv erfasst, dass Ozzy ein ganz besonderer Mensch ist, der (s)einen besonderen Weg gegangen ist und über Nacht gar nichts passiert.

    :-)

    Schön nicht? Und davon gibt es eine ganze Menge Kinder, man darf sie nur nicht unbedingt im Fernsehen suchen.

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  2. Nun, wenn man in einer Rezension etwas ironisch zuspitzt, heißt das ja nicht, dass es außer Barbie und Ken nichts anderes gibt. Ich bin um jedes Kind froh, das anders ist. Aber das liegt dann eben auch an der Erziehung und Unterstützung durch die Eltern. Und genau für diese ist ja der TV-Tipp und der Buchtipp gedacht - die anderen werden sich eh nicht interessieren und weiter Dieter Bohlen schauen.

    Leider sehe ich - selbst in meinem idyllischen Dorf - Kinder und Jugendliche, die bereits im Kleinkindalter schlicht ruhiggestellt und ansonsten vernachlässigt werden. Für die ist der Fernseher der früheste Kontakt zur Außenwelt, noch bevor sie sprechen lernen. Auch wenn wir uns selbst dieser Welt verweigern: die Rate von jungen Leuten, die sich für diese Castingshows und Aktionen manchmal fast kaputt machen, ist erschreckend. Nicht umsonst wird auch das Thema Schönheits-OPs plötzlich schon in der Pubertät eines...
    Das mag in Australien vielleicht anders sein?

    Und ja, es gibt diese Erwachsenen, die den Medien unreflektiert alles glauben, und es gibt immer mehr Menschen, die einfach überfordert sind, sie zu hinterfragen. Medienkompetenz ist immer noch kein Lehrfach in der Schule.
    Und ja, es gibt gestandene Erwachsene, die nicht wissen, dass Gerichstshows, Castingshows oder Realityshows künstlich inszeniert werden. Ich habe sogar eine Verwandte, ansonsten ganz schlau, die mir öfter ihr Leid mit einer ganz schrecklichen Frau klagt, die sich wieder unmöglich benommen habe, das mache sie ganz fertig. Ich habe lang gebraucht, um herauszufinden, dass sie von einer Figur aus einer Soap Opera sprach! ;-)

    Drum - diese wunderbaren Kinder und Erwachsenen kann man tatsächlich im Fernsehen auch finden. Die jungen Opernsänger in der Serie sind nämlich so welche.

    Wahrscheinlich habe ich auch aus Frankreich einen völlig anderen Blick, ich halte solche Sendungen für eminent wichtig, es gibt viel zu wenige davon. Und ich sehe durchaus mit Bedauern über die Grenze, wie wenig Förderung und Schulung es in den Künsten in Deutschland gibt. Bei uns fängt das bereits in der "Maternelle" mit drei bis fünf Jahren völlig spielerisch an. Eine Chance vor allem für die vielen Kinder, die zuhause vernachlässigt werden.

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  3. Nein, hier ist es ähnlich wie in Dland oder anderen Ländern, solche Eltern gibt es überall. Es sind auch nicht unbedingt dumme Eltern, die ihre Kinder nicht in irgendwelchen Künsten fördern.
    Ein Bekannter ist Programmierer, arbeitet von zuhause aus, damit er mehr Zeit für seine Kinder hat - hat aber in jedem Zimmer einen dicken Plasmafernseher. Die laufen und laufen, auch wenn niemand im Raum ist.
    Intelligenz und ein gutes Einkommen sind keine Garantie für Interesse an Kunst.

    Das Schulsystem gehört schon lange überholt. Mein Kind hasst die Schule vom ersten Tag an.
    Die 5. und 6. Klasse hat jetzt Fotografie und Film, da wurde das Drehbuch geschrieben usw. und hinterher - leider nicht in der Schule - sondern in einem extra dafür gemieteten Saal in einer anderen Stadt die Vorführung gegeben. Dafür mussten die Eltern Tickets kaufen, die haben das wie einen red carpet event vom Film aufgezogen und damit nerven sie mich schon wieder.
    Immer wird so übertrieben. Vieles ist hier dann nur noch Geldmacherei. Wieso geht so etwas nicht in der Sporthalle? Denn hier spielt dann sehr wohl das Einkommen eine Rolle. Warum muss man Eltern schon wieder nötigen, Geld auszugeben, was manche vielleicht grade nicht übrig haben?

    Ein eigenes Rundfunktstudio haben sie auch an der Schule. Können sie eine Stunde live Radio machen. Mit Computern haben sie von Anfang an zu tun gehabt. Wie das z. B. in Dland ist, weiß ich nicht. Ist sicherlich auch von Stadt zu Stadt verschieden.
    Einmal die Woche geht es in die hauseigene Bücherei, das ist ein eigenes Unterrichtsfach. Was daran so schwierig sein soll, sich ein Buch auszuleihen, verstehe ich nicht.

    In der Highschool gibt es dann jede Menge zusätzliche Fächer zu wählen, ich glaube, da findet jeder Schüler etwas.

    Erinnert sich eigentlich noch jemand an den Film Fame?

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  4. "Intelligenz und ein gutes Einkommen sind keine Garantie für Interesse an Kunst."
    Das kann ich nur unterschreiben, Madam, und möchte ergänzen: auch keine, die eigenen Kinder zu lieben und zu fördern.

    Übers dt. Schulsystem weiß ich auch nur, was ich in den Medien mitbekomme - ich persönlich halte es für sehr bedenklich, weil an den falschen Stellen übel gespart wird, weil es immer noch keine ausreichende Kinderbetreuung für die Familien gibt und weil es vor allem sehr stark sozial abhängig ist, welche Chancen die Kinder haben. Ich finde, Kinder sollten von Anfang an die gleichen Chancen bekommen.

    Was du über Australien berichtest, klingt in unseren Augen zunächst rosig, aber die finanziellen Hintergründe sieht man ja von außen nicht. In Frankreich läuft vieles ähnlich, aber ehrenamtlich (immer weniger wollen sich engagieren) oder es war bezuschusst (hat Sarkozy fast alles gestrichen).

    Gut finde ich, dass wir eine gesicherte staatl. Kinderbetreuung ab 3 Jahren haben. Das Wort "Rabenmutter" ist also ein Fremdwort aus D. und gerade die Kinder aus nachlässigeren Familien haben so eine Chance, früh gefördert zu werden. Außerdem gibt's keine sozialen Unterschiede in der Grundausbildung - später mit Privat- und Elitehochschulen schon, aber man kann alles auch auf staatl. Unis machen.

    Bei uns gehen die Künstler von sich aus in die Schulen, außerdem gibt es bei allem Kulturellen IMMER Kinderangebote und Jugendprogramme, Kinder gehören einfach zum Leben (deshalb hat F. wohl auch die höchste Geburtenrate). Comic-Künstler machen mit den Kids Comics, später können sie mit Schriftstellern ein eigenes Buch schreiben und herstellen oder mit Schauspielern Rollen lernen, sie können mit Archäologen im Museum Scherben aus dem Sand buddeln und putzen etc.pp.

    Clash of Cultures:
    Bei einer Kandinsky-Ausstellung in D. wurden die Kinder nur zu bestimmten Zeiten ins Museum gelassen, um nicht zu stören (!) und bekamen später in einem anderen Haus niedliche Bilderbüchlein zum Ausmalen. Bei einer Kandinsky-Ausstellung in F. saßen ihre Altersgenossen im Museum an PCs und komponierten mit einer eigens dafür entwickelten CD-ROM Musik aus Kandinskys Farben und Formen. Kostenlos für die Eltern, inklusive Betreuung. Die CD zum Mitnehmen kostete etwa 3 E - bezuschusst.

    Ich greif mir da immer an den Kopf, was man machen könnte und was tatsächlich geschieht...

    Fame? Na klar! Irene Cara's Stimme hab ich heut nch für eine bestimmte Zeit im Kopf...

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