Die armen Contentsäue

Zugegeben, die Schlagzeile ist reißerisch, unjournalistisch und blöd. Aber sie reicht noch lange nicht an das heran, was mir wirklich im Kopf herumschwirrt, wenn ich höre, dass jemand meine Arbeit als Produktion von "Content" bezeichnet. Ich kenne das Wort nämlich aus dem "Brotberuf" und da bedeutet es für mich, frech gesagt, dass man Füllstoff produziert, um Werbebotschaften angenehmer zu verkaufen (Geld vom Werbekunden) und Produkte "wertiger" aussehen zu lassen (Geld vom Verbraucher). Sprich, Content sieht oberflächlich aus wie Text und Fotos, also Inhalt. Nur wird er im Gegensatz zu wirklichen Inhalten am laufenden Meter produziert, möglichst schnell, möglichst billig.

Wirtschaftlich gesehen ist das schlau, weil man mit Produkten, die "Content" haben, richtig gut Geld verdienen kann, oft mehrfach. Und es verdienen all diejenigen fleißig daran, die das Produkt in die Welt setzen, umsetzen und damit handeln. Die eigentlichen "Contentlieferanten" sind meist arme Freiberuflersäue, die man sich mit Niedrighonoraren gleich im Schweinekoben hält. Denn wenn die eine arme Sau nicht mehr funktionieren will, beißt sie die Nachbarsau weg; hungrig müssen sie einfach nur sein, knapp gehalten und hungrig. Auf diese Weise ist ständig für ausreichend Fleisch, pardon "Content" gesorgt.

Die hehren Buchautoren und Schriftsteller werden sich jetzt die Hände reiben und sich womöglich freuen: Zum Glück bin ich nicht so eine arme Sau! Unsereins schöpft und schafft, echte Inhalte, womöglich Literatur. Und eigentlich haben sie sogar sozialpolitisch recht, denn z.B. in Frankreich, dem Kulturland (und sicher auch anderswo) wird bei der Sozialversicherung ein riesiger Unterschied gemacht zwischen Autoren, die wirkliche Inhalte schöpfen - und eben diesen Contenttypen.
Träumt weiter, liebe Besserschreiber!

Wer aufwachen möchte, dem empfehle ich, sich einmal den Spezialsprech aus der Buchbranche auf der Zunge zergehen zu lassen. Da geht es um "Strategien" an der "Front" (der vordersten natürlich); um "Ebook-Kuchen", die wer immer sich teilen kann, um "Player" und "Kannibalismus" und vollsaftige Sprüche wie "Content is king". In diesem Fall stammen die Worte vom Droemer-Chef Hans Peter Übleis im Buchreport - aber er ist da nur typisch für einen Marketingsprech, der überall kursiert. Kurzum: Man kann natürlich auch mit den armen Contents... pardon Autoren, in der Buchbranche Geld machen, in Zukunft immer mehr. Um was für Märkte es da geht, können sich Laien vielleicht ein wenig vorstellen, wenn sie lesen, dass jetzt zwei internationale Handelsketten um den Reader-Markt kämpfen: Thalia und Fnac.

Während wir in good old Europe noch mühsam im Schweinestall misten und den möglichen Untergang herkömmlicher Bauern beklagen, sind die Amerikaner bereits wacher und weiter. Sehr viel technikaffiner, natürlich auch mit unbegrenzteren Möglichkeiten, denken dort die Autoren nicht nur politisch über ihre künftige Rolle nach, sondern auch wirtschaftlich. Es gäbe ja Alternativen zum Billigschnitzel, es gäbe auch den Direktverkauf vom Hof und vielleicht sogar die Bildung ländlicher Kooperativen. Die arme Contentsau wird aus dem Stall getrieben und darf sich unters Volk mischen. Jedem sein Schwein, direkt gefüttert.

J.A. Konraths Beispiel, das in der Huffington Post vorgestellt wird, ist nur eines von vielen derzeit. Der Autor ist bereits ein alter Hase in Sachen Ebook und als etablierter Schriftsteller längst erfolgreich im Geschäft. Ebenfalls keine Newbies sind seine Autorenfreunde, die nun so eine Art Schreib-Kooperative gegründet haben. Ihre Idee: Für Ebooks braucht man theoretisch keinen Verlag, weil die Technik kinderleicht für jeden machbar ist und in den USA auch bestens zu vertreiben (das funktioniert hier noch nicht so ganz mit dem Vertrieb). Trotzdem braucht man einen Verlag, weil eine Menge Leistungen ums Buch schlicht professionell gemacht sein müssen: Korrektorat, Lektorat, Grafik etc. - ich habe mehrfach hier darüber berichtet.

Nun sagen sich Konrath und seine Mitautoren: Ein richtig guter, erfahrener Autor kann auch lektorieren, nur eben nicht sich selbst. Da hat er recht, wenn man bedenkt, wie viele Autoren auch hierzulande nebenbei mit Lektorat Geld verdienen. Konrath macht das im Tausch: Lektorierst du mich, lektorier ich dich. Professionelles Endergebnis bei null Kosten, Autoren haben ja bekanntlich nicht so viel Geld. Dafür investiert die Gruppe dort in Fachleute, wo es eminent wichtig ist: Covergrafik und Buchformatierung. Die Rechnung, wie sie trotz des Investments zu höheren Tantiemen als im Verlag kommen, ist umso erstaunlicher, als die Gruppe ihr Ebook zum Spottpreis von 2.99$ anbieten will. Denn sie meint, die Herstellung eines Ebooks koste in der Tat weniger als die von Papierbüchern - und diese Ersparnis solle man an den Kunden weitergeben.

Auch der Zeitfaktor spielte für die "Schreib-Kooperative" eine große Rolle. Was macht man mit einem Buch, dessen Manuskript erst im September fertiggestellt ist, das aber bereits an Halloween erscheinen soll? Kein Problem für flexible Menschen ohne trägen Apparat hinter sich, kein Problem bei Ebook-Technik. Und keinerlei Probleme mit Verramschung - das Buch wird weltweit und immer erhältlich sein. Wer sich für diesen Weg interessiert, der findet im Artikel außerdem Tipps zum Marketing solcher Bücher.

Irgendwie erinnert mich das alles an die Musikbranche. Der "Ebook-Kuchen" ist serviert und alle möglichen Leute wollen eine Menge Geld damit verdienen. Wer aber Autoren und Schriftsteller zu "Contentlieferanten" degradiert, muss sich nicht wundern, wenn die Indie-Szene wächst. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir die gleichen Möglichkeiten wie in den USA haben. Und - das zeigt der Konkurrenzkampf zwischen der deutschen Thalia und der französischen Fnac: Auch für uns Autoren werden sich künftig die internationalen Märkte überschneiden. Vorbei die Zeiten, als Bücher nur im eigenen Land zu lesen waren.

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