Öffentlichkeitsverhinderungsabteilung

Jeder kennt das wahrscheinlich: Es gibt Abteilungen, die sich "PR (Public Relations) und Öffentlichkeitsarbeit" auf die Fahnen geschrieben haben. Sprich, die Herren und Damen, die dort angestellt sind, empfangen ihren Monatslohn dafür, Mittler und Bindeglied zwischen ihrem Auftraggeber und der Öffentlichkeit oder deren Vertretern zu sein - etwa den Journalisten. Deshalb sind die Presse- und Öffentlichkeitsabteilungen normalerweise auch die offenste und ansprechbarste Stelle in einem Unternehmen, einer Organisation etc. Auch wenn der Chef ein derart Unnahbarer sein sollte, dass kaum einer seinen Namen kennt - seine Pressefrau darf man freundlich ansprechen. Und in der Regel redet sie auch mit einem. Denn Presse- und Öffentlichkeitsarbeiter werden, pardon, wurden, nach dem Kriterium der Kommunikationsfähigkeit angestellt.

Ich spreche in der Vergangenheit, weil mir im Brotberuf immer öfter ein Phänomen begegnet (zum Glück nicht überall), das ich an einem besonders saftigen Fall darstellen möchte. Der ist natürlich so weit anonymisiert und verändert, dass man die Unglücklichen nicht erkennen kann. Ich kann jetzt schon verraten: Auch die Pointe ist saftig.

Betrachten wir einen Journalisten. Das ist der Mensch, der die Öffentlichkeit informieren will und soll und muss. Unser Journalist brütet über einer Sonderausgabe seiner Zeitschrift, bei der sich diesmal alles um Wüstensand drehen wird. Die gesamte Zeitschrift steht bereits, der Redaktionsschluss naht, aber ausgerechnet beim Aufmacher klafft ein Loch. Unser Journalist braucht auf die Schnelle nicht nur das zündende Thema, das die gesamte Zeitschrift zusammenhält - er braucht auch ziemlich dringend Informanten.

Aus all den Ideen in der Redaktionskonferenz sind drei Wunschthemen übrig geblieben: Ein Interview mit dem weltweit größten Sandsammler, einem Geologen von Rang, der ein ganzes Museum mit seinen Sandproben bis unter die Decken bestückt hat und eben erst mit einer Probe mongolischen Flugsands aus dem 18. Jahrhundert Furore gemacht hat. Die gesamte Presse hatte berichtet, unter welchen Durstqualen er den Sand seinem Kamel anvertraut hatte. Alternative wäre der berühmte Notnagel, eine durchgeknallte Hausfrau aus Hinterbayern, die behauptet, von außerirdischen Sandkörnern auf drei Beinen entführt worden zu sein und inzwischen erfolgreich eine Pilgerstätte zum Sandkasten ihrer jüngsten Tochter betreibt. Idee drei ist nicht ohne: Hier geht es um den größten Konkurrenten des Geologen-Sandmanns, einen Meeresforscher, der sich gerade erfolgreich und mit viel Medienaufmerksamkeit mit Ölmultis kloppt. Der als egoman bekannte Geologe würde es wahrscheinlich ablehnen, die gleiche Luft zu atmen wie der Meeresforscher - aber beide werden nicht erfahren, dass beide gefragt wurden.

Unser Journalist ist zuversichtlich: Einer von den beiden Männern wird es also werden. Pressefreundlich scheinen beide zu sein, ihr Gesicht prangt in vielen Zeitungen und im Fernsehen. Er schreibt beider Abteilungen für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an, mit der Bitte um ein Interview zu den neuesten lila Quarzfunden in Südafrika. Insgeheim rechnet er mit dem Geologen, denn der wurde von seiner Zeitung bereits schon einmal kontaktiert und damals war ein künftiges Interview schon fast zugesagt worden.

Weil er weiß, wie überlastet die Kollegen in jenen Abteilungen sind, schickt der Journalist die Mail mit Anforderung einer Lesebestätigung ab. Das sind die Dinger, die das Mailprogramm automatisch zurücksendet, sobald der Empfänger die Mail geöffnet hat. Eine Art Einschreibebrief also, aber einer, bei dem der Empfänger keinen Finger krumm machen muss. Das Ding macht das nämlich von selbst und man weiß: Jetzt ist die Mail nicht nur angekommen, sondern geöffnet worden.

Nichts passiert beim Geologen. Am zweiten Tag: Schweigen. Die Pressefrau des Meeresforschers zeigt sich schon am selben Tag begeistert und schickt per Post Infomaterial. Unser Journalist ist schwer eingespannt und schreibt deshalb eine zweite Mail an die Presseabteilung des Geologen, in der er anfragt, ob die erste Anfrage hoffentlich nicht in einem Mailfilter steckengeblieben sei. Schließlich hat er eine andere Mailadresse als sein Kollege damals. Wieder will er eine Lesebestätigung. Wieder passiert nichts. Wieder Schweigen.

Unser Journalist ist nicht faul und hängt sich ans Telefon. Eine überaus freundliche Praktikantin gesteht ihm, noch nicht lange in der Abteilung zu sein, sich also überhaupt nicht auszukennen, aber zu wissen, dass die angemailte Frau gerade unterwegs sei. Ob eine Mail angekommen sei, könne sie nicht überprüfen, der Computer von Frau Dingens sei tabu für die anderen. Ja, sie hinterlasse ihr eine Nachricht.

Kürzen wir den Schrecken ab: Natürlich ist Frau Dingens bei jedem Telefonat außer Haus, irgendwoanders im Haus, zu Tisch und sonstwo. Und natürlich meldet sich Frau Dingens auch nach dringenden Bitten nicht zurück, weder telefonisch noch per Mail. Inzwischen hat der Geologe seinen beiden Lieblingszeitungen schon wieder ein Interview gegeben und sich abfotografieren lassen. Unserem Journalisten fährt ein unfeiner Fluch von den Lippen. Plötzlich klingelt das Telefon. Am Apparat ist der Meeresforscher persönlich. Seine Pressefrau habe ihn sofort informiert und er finde, man könne doch gleich direkt miteinander sprechen. Für das Thema der Zeitschrift habe er sogar noch eine bisher unveröffentlichte Sensation.

Der Geologe wird wahrscheinlich nie erfahren, warum er gegen seinen schlimmsten Konkurrenten verloren hat. Seine Pressefrau wird ihm auch nicht verraten, dass sie nie Lesebestätigungen durchlässt, denn sie ist gerade außer Haus.

Drum, liebe Presse- und Öffentlichkeitsarbeiter, merkt euch folgende sieben Erfolgsbringer, um mehr Öffentlichkeit für eure Auftraggeber zu verhindern:
  • Lasst niemanden wissen, ob eine Mail je ankam oder im Spamfilter hängt.
  • Lasst euch ähnlich wie der Chef dauerverleugnen und geht nicht ans Telefon.
  • Informiert eure Mitarbeiter nicht und werft deren Nachrichten ungelesen weg.
  • Schirmt abteilungsrelevante Informationen völlig von den Mitarbeitern ab.
  • Ruft oder mailt nie zurück.
  • Macht euch unnahbar und geheimnisvoll.
  • Sagt nie Danke und schon gar nicht Guten Tag. Schweigt!

Kommentare:

  1. Ein schöner Artikel, hat Spaß gemacht ihn zu lesen. Für eMails sollten die gleichen Umgangsformen gelten wie für jede andere Art der Kommunikation. Eine freundliche Absage, wäre hier das mindeste gewesen.

    Aber eine kleine Kritik zum Thema moderne eMail-Kommunikation am Rande: Automatische Lese-Bestätigungen sind "bäh", hinterlassen das der Gefühl kontrolliert zu werden und es besteht kein Zusammenhang zwischen Mail empfangen und Mail gelesen. Mails die nicht ankommen sind ein Gerücht. Mails die im Spamfilter landen sind ein Problem des Empfängers. Ich persönlich lasse meinen eMail-Client die Anforderung von automatischen Lesebestätigungen ignorieren und bevorzuge es eine echte und persönliche Empfangsbestätigung zu senden.
    Frohes Bloggen :-)

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  2. Danke für das Feedback, das mit dem "bäh" war mir hier in Frankreich nicht bewusst. Zumal ich mir die Lesebestätigungen erst in einem anderen Beruf bei wichtigen Unterlagen (sonst nicht) angewöhnt habe, weil angeblich Mails nie ankamen. Ich weiß, das ist technisch ein Witz, aber immer wieder eine beliebte Ausrede.

    Ich sehe das wie Sie: Ein Klick auf "Antworten" mit einem kurzen "Danke" oder "ich melde mich später" überfordert niemanden. Zumal man solche Mails im Baukastensystem vorfabrizieren kann und nicht einmal tippen muss.

    Ich beobachte in den letzten Jahren wirklich den Verlust sämtlicher Höflichkeiten. Ganz besonders liebe ich auch Kunden, die einen gaaaaanz dringenden Auftrag hätten, der am besten gestern erledigt werden sollte. Sie lassen sich - am besten noch über Nacht - einen detaillierten Kostenvoranschlag ausarbeiten und melden sich dann nie wieder. Tut es so weh, sich auch dann für die Extraarbeit zu bedanken, wenn man nicht zusagen möchte?

    Auch im Verlagsgeschäft ein riesiges Problem, Agenturen können ein Lied davon singen.

    Umso lieber arbeitet man dann mit Meeresforschern zusammen. ;-)

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  3. Ich habe mal herumgefragt: Die Lesebestätigungen sind offensichtlich in Deutschland tatsächlich absolutes "bäh" und ein Faux Pas (s. Theos Beitrag). Da habe ich interkulturell wieder etwas dazugelernt!

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