Des Kaisers neue Kleider

Kürzlich scherzte ich wieder einmal mit einem Theologenfreund über das Zitat "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist...". Er meinte, man könne diesen Satz unmöglich auf den Buchmarkt beziehen, ich würde das völlig falsch verstehen. Ich konterte, in der PR würde man das so lesen: "Wenn jemand partout angelogen werden will, tu ihm den Gefallen (und schieb ihm damit die Wahrheit unter)." In konkreten Fall also etwa so: Verrate nie bereits im Exposé, dass in deinem Buch ein starker Mann vorkommt, wenn sie alle starke Frauen wollen. Stell um Himmels willen eine starke Nebenfrau in den Vordergrund, die das Vorkommen der noch ungenannten männlichen Figur erzwingt. Der Kaiser will das so, gib es ihm.

Es gibt in jedem Beruf Insidertipps, wie Entscheider betrogen werden wollen, weil sie die Wahrheit sofort ablehnen würden. Journalisten und leider auch immer häufiger Feuilletonisten fliegen z.B. noch vor allen Inhalten mit Vorliebe auf fette Jubiläen, Promis, Hochaktuelles und Skandalöses. Und wenn man das alles nicht bieten kann, biegt man die Pressemitteilung eben so lange zurecht, bis sie mindestens einen saftigen Punkt davon enthält. Deutschsprachige Verlage investieren immer noch lieber in teurere Lizenzen plus Übersetzung, wenn das ausländische Buch über gute Blurbs verfügt. Der deutschsprachige Autor, der in diesem Bereich nicht zitierfähig, also vermarktbar ist, kann noch so gut, noch so billig sein - keine Chance. Also - auch das ist kein Geheimnis mehr - werden Blurbs mit abenteuerlichsten Methoden "hergestellt". So manches auf Buchrücken gedruckte irische oder südfranzösische oder slowakische Provinzblatt entpuppt sich bei der Suchmaschinenanfrage als Fiktion. Der Fantasie im Aufputschen eines Buchprojekts sind keine Grenzen gesetzt - auch wenn ich hier natürlich maßlos übertreibe und die Wirklichkeit ganz hehr und seriös ist...

Wahr ist dagegen die Geschichte, die Andrea Costatine mit einem selbstverlegten Buch erlebt hat. Die Frau hat nämlich ein Problem: Sie ist in der PR tätig. Wie ich am eigenen Leib erfahren kann, hat dieser Beruf den Nachteil, dass man all die Kaiser so sieht wie die Könige in ihren neuen Kleidern. Je unlogischer und wahnwitziger die Absagen oder Kaufentscheidungen von Verlagen werden, desto irrsinniger werden die Ideen, die man als PR-Maxe und Autor bekommt. Bei Andrea Costatine kam die Idee mit einem Zeitungsauftrag, für den sie Agenten interviewen sollte. Was, wenn einer von denen ihr selbstverlegtes Buch an einen echten Verlag verkaufen könnte?

Die Voraussetzungen waren miserabel, das sieht man schon am Cover (Link oben). Trotzdem fragte sie frech alle Interviewpartner - und eine Agentin blieb schließlich übrig. Dumm nur, dass das Werk unverkäuflich war. Also schrieb sie das Buch noch einmal um, gewann ein paar regionale Preise - und hatte keine Lust mehr. Das würde nie etwas mit einem Verlag. Aber dann hat die PR-Frau etwas gemacht, was von der Frechheit im Ansatz her wahrscheinlich ziemlich amerikanisch ist - doch ich wette, die Dollarzeichen in den Augen hätten auch unsere Verleger. Kein Verlagsmensch kauft freiweillig ein selbstverlegtes Buch ein - die wenigen Märchengeschichten kommen etwa so häufig vor wie der Erfolg von Harry Potter & Co. Und sie haben eines gemeinsam: Diese Selbstverleger haben große Umsätze und Auflagen vorzuweisen. Natürlich verdienen Verleger gern mit am großen Kuchen, dachte sich unsere Amerikanerin.

Die Idee ist so frech wie einfach: Sie lancierte eine Buchpremiere fürs Selbstverlegte - im Internet. Und zwar richtig professionell aufgezogen bis hin zu den Werbegeschenken - so wie man das normalerweise für ein neues Haarspray oder den Designerföhn machen würde. Die PR-Aktion kostete sie fünf Monate Arbeit und ging für unsere Begriffe auch über Schmerzgrenzen, in den USA ist man da unempfindlicher. An einem festgesetzten Tag war es so weit: Das Buch hatte Premiere, die Käufer wurden belohnt.

Dann hat sie etwas gemacht, was man gar nicht machen darf. Sie hat etwas gemacht, von dem man glauben könnte, es würde ihr als Autorin für alle Zeiten den Hals brechen. Weil Agenten und Verlage nämlich gierig nach Profitmöglichkeiten und Auflagenhöhen schielen, hat sie eine Mailingliste mit einschlägigen Adressen den ganzen Tag mit Screenshots von Amazon genervt. Dort ging das Buch natürlich durch die lang vorbereitete Aktion ab wie eine Rakete. Natürlich waren einige Mailinglistenempfänger wütend. Aber genügend fragten das Buch an und sie bekam dadurch sowohl Agent als auch einen Verleger.

Costatines Fazit ist brutal: Von der Idee bis zum Verlag brauchte sie ganze zehn Jahre. In der Zeit hätte sie das Buch natürlich dreimal verlagsreif überarbeiten können und sich direkt bewerben. Der Aufwand wird sich kaum gelohnt haben, weder von der Energie her, noch finanziell. Vor allem aber waren ihre rasenden Abverkäufe ein Trick, eine gut geplante Manipulation des ohnehin nicht aussagekräftigen Amazonrangs. Sie hatte einfach darauf gesetzt, dass auch Verlage auf Amazon und Profitversprechen schielen, obwohl sie es besser wissen müssten. Im Grunde hat sie die Leute bei der Gier gepackt.

Nein, es ist nicht schön, sich ein wenig mit PR auszukennen und gleichzeitig Bücher zu schreiben. Man kommt dadurch auf immer abstrusere Ideen. Wenn Bücher einfach wie Zahnpasta auf den Markt gepfeffert werden, weil die Firma glaubt, Zahnpasta würde schon jeder automatisch kaufen, dann ist es manchmal Zeit, das eigene Projekt zum Zahnweißer zu tunen und mindestens ein gekauftes Hollywoodgebiss vorzuweisen. Wer so geil nach Dingen schielt, die mit Literatur nichts mehr zu tun haben, der verdient es nicht besser, wenn Autoren immer frecher tricksen... Gebt's dem Kaiser, wenn er es nicht anders will, sage ich mit frechem Grinsen in Richtung meines Theologen ;-) Aber schlecht wird mir bei solchen Stories trotzdem.

Kommentare:

  1. I find those kind of websites most annoying.
    Durchschaubar und schlicht peinlich, außer für Jane Average, die seit 35 Jahren für ihre Familie Kekse backt und endlich aus der Küche raus will. PR overkill mit schlechter Perücke. Wann sie wohl bei Oprah auftritt?

    Kann sein, dass ich gerade auf der Leitung stehe, aber verstanden habe ich nicht, wie man mit einem Buch, das nicht veröffentlich war, regionale Preise(welche? wofür? von wem verliehen?) gewinnen kann.

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  2. Herrlich, vor allem die Plätzchenbackerin! ;-)
    Ich lese sowas normalerweise ja auch nicht, aber wenn jemand ZEHN Jahre so verrückt daran herumrödelt, durch eine solche Methode zu einem Verlag zu kommen, dann find ich das schon preisverdächtig fürs Goldene Platzeplätzchen ;-)

    Preisverdächtig (Goldene Giertomate?) fand ich aber auch den Verlag (ich hoffe ja, es war wirklich einer), der auf so etwas hereinbrummt. Leider könnte ich auf Anhieb mindestens drei deutsche Verlage nennen, die ihre Autoren auch an Amazonrängen messen und damit sogar in Honorarverhandlungen argumentieren. Deshalb die Story...

    Och und den Gag mit den regionalen Preisen kann man ebenfalls hierzulande konstruieren (eine Hobbyausstellung macht da schon viel her). Solange Lokalpresse z.B. noch so doof ist, DKZV-Autoren als "großer Literat unserer Stadt" zu feiern, ist der Peh-Örr nix zu schwör für den Redaktör.

    Veröffentlicht muss man auch noch nicht sein, man kann z.B. mit Aufenthaltsstipendien für unfertige Manuskripte werben und aus Projekten lesen, die noch gar nicht gedruckt sind.

    Na, wie wär's mit ein paar australischen Blurbs und Dorfpreisen aus dem Busch? Geschäftsidee: Tauschbörse!

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  3. Nee, ich habe einfach nur zwei Stimmen aus meinem eigenen Buch (2 Sätze, die die Charaktere gesagt haben) unter den Klappentext gesetzt und außerdem den Jurypreis der Federwelt für eine Kurzgeschichte im Oktober gewonnen. Damit habe ich dann lange genug zeitgleich angegeben und jetzt endlich die Gelegenheit das nebenher auch hier mal zu erwähnen ;-)

    Natürlich ärgert man sich über Verlage, aber diese Frau ... also mein erster Gedanke war, wenn ich 10 Jahre lang so viel Energie auf ein (1) Buch verwende, möchte ich die Frau nicht zum Feind haben. In der Zeit hätte sie auch mindestens zwei andere Bücher schreiben können. Ich glaube ihr auch nicht. Kann man die 10 Jahre überhaupt recherchieren? Nö, kann man nicht.

    Das mit dem Amazonranking habe ich auch von einer Autorin hier bei mir gehört. Also, dass vom Verlag aus Wert darauf gelegt wird. Was will man erwarten in einer künstlichen "zweiten" Welt?

    Weißt du, ich habe mich damit angefreundet, dass sich mein Buch nicht gut verkaufen wird, weil ich dafür nicht aggressiv werbe, weil es nicht in Buchhandlungen ausliegt usw. Es ist okay für mich. Beim nächsten Buch wird alles anders :-)

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  4. Meine Glückwünsche nachträglich!
    Soll ich dir mal was verraten: Zwar noch nicht gleich, aber bei einer späteren Lieferung steht dein Buch auf meiner Liste. Gepackt hast du mich durchs Internet, durch den witzigen Titel mit den Dollars und den Cents, weil ich mir Zahlen grundsätzlich nicht merken kann ;-) (Leute, surft einfach Madam an) - und vor allem aber durch deinen Humor und die Schreibe, die ich aus kürzeren Beiträgen kenne. Letzteres ist eine sehr viel nachhaltigere Werbung als alles andere!

    Und was die Verkaufszahlen betrifft: Wenn ich sehe, wie ein Kollege mal bei Lübbe mit einem Krimi 250 Exemplare im Jahr verkaufte, weil er als "Altpapiertapete" eingekauft worden war, dann sag ich mir immer, DAS hätte der doch auch allein geschafft. Und das ist kein Einzelfall. Ebensowenig wie die Leute, aus denen ein Hype wird und Tausende kaufen das Buch, um dazu zu gehören, lesen es aber nicht oder lesen kein zweites. Ist immer alles so relativ mit den Zahlen udn dem, was man persönlich erreichen will...

    Zehn Jahre: Wenn ich irgendwann ein altes Projekt von mir aus der Schublade aufmöble, an dem ich vllt. 2001 zum ersten Mal geschrieben habe, bevor ich es weglegte, werden das auch zehn Jahre sein.

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  5. Oh, ich bin gerührt - danke.

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