Das prägendste Buch

Aus dem dumpfen Hören heraus erwuchs das Wort. Die Form wurde einleuchtend durch das unvergessliche Wort. Caspar schmeckt das Wort auf der Zunge, er spürt es bitter oder süß, es sättigt ihn oder lässt ihn unzufrieden. Auch hatten viele Worte Gesichter; oder sie tönten wie Glockenschläge aus der Dunkelheit; oder sie standen wie Flammen in einem Nebel.
Diese Worte stammen aus meiner derzeitigen Bettlektüre, einem der bedeutsamsten Bücher in meinem Leben. Der Buchdeckel hat eine Art Salamimuster, weiß geprägt stehen Titel und Autor in einer Jugendstil-Vignette, das Vorsatzpapier zeigt stilisierte weiße Blumen auf schilfgrünem Grund, die ich als Kind "wollige bollige Maiglöckchen" nannte. Denn als Kind hielt ich dieses Buch zum ersten Mal in Händen. Erschienen ist meine Ausgabe 1908 in der Deutschen Verlags Anstalt: Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens von Jakob Wassermann.

Als Schriftsteller kommt man nicht zwingend aus belesenen Familien. Meine Eltern besaßen so gut wie keine Bücher. Zu den Bändchen mit Lederrücken, die der Buchclub seinen Mitgliedern anbot, kamen ein paar uralte Schmöker, die mein Vater vor dem Müll rettete, aber sichtlich nie las. Es gab ein verbotenes Regal, in dem ich besonders gern heimlich schmökerte (Diderot: Die Nonne) und ein Regal namens "dafür bist du noch nicht alt genug." Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, als mir Wassermanns Roman in die Hände fiel, auf alle Fälle erntete ich ein "das kannst du unmöglich schon verstehen und lesen auch nicht." Bei Letzerem irrten sie sich - Frakturschrift mussten wir zu meiner Zeit noch an der Bibel lernen und ich hatte sie an den "Müllbüchern" geübt.

Wie viel ich von dem Roman verstand, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich genau an das Gefühl einer völlig unerwarteten Erfahrung: Dieser Roman weitete das kleine Regal meiner Eltern hinaus in eine fremde Welt voller Geheimnisse und unendlich vieler begehbarer Räume. Ich fühlte mich wie der Caspar Hauser, der aus seinem dunklen, sinnesarmen Verlies plötzlich hinauskommt in eine Welt, die durch ihre Buntheit und Lebendigkeit zunächst verschreckt und einen doch wie ein Sog immer weiter hinauszieht in dieses Land des Wissenwollens. Dieser Roman hat mich die Wunder einer Bibliothek spüren lassen, hat mir verraten, dass in Büchern ganze Kosmen versteckt sind, dass darin das Leben tobt, dass ich darin Menschen begleiten kann, von deren Existenz ich nichts ahnte. Dieses Buch mit den "wolligen bolligen Maiglöckchen" ließ mich den Büchern mit Haut und Haaren verfallen. Auch dieses Buch las ich heimlich, oft mühsam im Stehen, damit ich es bei sich nähernden Schritten schnell ins Regal zurückschieben konnte.

Sicher war dieses heimliche Lesen auch ein Faktor, warum ich büchersüchtig wurde. Es war schon ein wohliges, manchmal triumphales Gefühl, wenn man sich durch Welten kämpfte, die angeblich noch nichts für kleine Kinder waren. Wenn man Jahre später in diesen noch unverstandenen Welten neue Welten entdeckte, diesmal vielleicht mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, weil man nachts gefälligst zu schlafen und nicht zu lesen hatte. Einige dieser "für Kinder verbotenen Schriftsteller" brachten mich zum wahren Lesen. Jakob Wassermann ist einer der wenigen, den ich nie vergaß, den ich mehrmals gelesen habe und nun mit völlig anderen Augen wiederentdecke.

Es ist kaum zu glauben, welchen Bestseller ich da in Händen halte. Jakob Wassermann (1873-1934), der mit Kollegen wie Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal oder Arthur Schnitzler befreundet war, zählte zu den erfolgreichsten und meistgelesenen Schriftstellern seiner Zeit. Zeitweise soll er sich besser verkauft haben als Thomas Mann. Er galt als ein großer Erzähler mit seinen historischen Romanen und Biografien, aber auch als wichtiger Essayist mit seinen Themen wie Judentum, Antrirassismus und Kampf gegen den Antisemitismus. Deshalb teilte er das furchtbare Schicksal vieler jüdischer Schriftsteller. Seine Werke wurden 1933 verboten. Wassermann starb bereits im Jahr darauf, seelisch gebrochen und völlig verarmt. Ihm blieb das Schlimmste erspart, aber sein Werk fiel nach dem Krieg umso mehr in völlige Vergessenheit.

Als man es schließlich wiederbeleben wollte, scheiterten die Neuauflagen an einem Zeitphänomen. Ohne die Kenntnisse der Epoche und entsprechende Vorbildung empfanden die modernen Leser seine Bücher als zu exaltiert oder moralisierend. Nur noch wenige Menschen sind heute bereit, sich in den Stil einer anderen Zeit einzulesen und die Größe der Geschichten dahinter zu entdecken. Wer sich auf Wassermanns faszinierende historische Romane einlässt und diese mit den Büchern vergleicht, die sich heute so nennen, wird verstehen, welch kosmisch tiefe Abgründe da in den Leserköpfen klaffen.

Da ich in meiner Jugend viele Romane aus dem 19. Jahrhundert und dem beginnenden zwanzigsten gelesen habe, ist "Caspar Hauser" trotz Frakturschrift und trotz vielleicht aus der Mode geratenen Stilismen immer noch das gleiche Faszinosum wie in Kinderzeiten. Das ist nicht nur ein historischer Roman, das ist ein psychologischer obendrein, eine feinsinnige Charakterzeichnung ohnehin - vor allem aber auch ein ungeheuer philosophisches Buch. Wassermann schafft es, in einer Geschichte, die zuweilen krimihafte Züge hat und mit Sensationslust spielt, über das Wesen des Menschen nachzudenken. Caspar ist nicht nur der geheimnisvolle Fremde, der die Bürgerlichen zwingt, mit Fremdheit und Anderssein umzugehen - er ist auch die menschliche Unschuld, nach der sich die anderen Protagonisten sehnen, die ihnen Angst macht, die sie bekämpfen oder zu erhalten suchen. Das ist ein großer Roman über die Conditio humana.

Wenn ich den Roman heute mit Schriftstelleraugen lese, lerne ich wieder von Neuem davon. Ich erkenne, wie wir uns zweifach von unseren eigenen erzählerischen Wurzeln abgeschnitten haben und abschneiden. Das größte Verbrechen war zweifelsohne das Bücherverbot durch die Nazis, das so unselig viele Jahrzehnte nach 1945 nachwirkte. Die deutschsprachige jüdische Literatur war einer der größten Kulturschätze und eines der wichtigsten Fundamente unserer Sprache. Wenn wir heute darüber jammern, dass die Amerikaner so vieles so viel erfolgreicher schreiben, sollten wir innehalten und daran denken, dass dort nahtlos an die Emigrantenliteratur angeschlossen werden konnte. Dort haben die Migranten die Literatur in den schlimmsten Zeiten befruchtet. Dieser Bruch lässt sich nicht mehr kitten und nur noch mühsam aufarbeiten.

Aber da ist noch ein zweiter Bruch, der aus dem ersten folgt. In den Elternhäusern, den Schulen im deutschsprachigen Raum lernen wir keine Kontinuität der literarischen Traditionen. Immer weniger Leserinnen und Leser sind bereit oder überhaupt genügend gebildet, um sich auf ältere Literatur und Sprache einzulassen, auf ungewöhnliche und sehr individuelle Bücher. In einem Massenmarkt, in dem man sogar Stilistik und Formen zu handlichen Baukastensteinchen plattklopft, ist wenig Raum für Versuche. Und so entgeht einem manche spannende Geschichte, die auch heutige Autoren wieder befruchten könnte. Und sei es nur dadurch, dass sie sich daran reiben. Dabei gab es den historischen Roman schon einmal - und er war so ganz anders. Wer in diesem Zusammenhang Namen wie Thomas Mann, Lion Feuchtwanger oder Leo Perutz nennt, sollte Jakob Wassermann nicht vergessen.

Lesetipps:
Anm.: Der einstige Caspar schreibt sich in neueren Texten mit K. und hat sich heute als Kaspar eingebürgert.

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