Nicolai Lilin: Sibirische Erziehung

"Sibirische Erziehung" von Nicolai Lilin ist ein Buch, dessen Rezension ich vor mir her schob, weil es unbequem ist - dessen Rezension ich aber jetzt schreiben muss, weil es wie kaum ein anderes Buch in die Zeit passt: Stichwort "Angst vor Gewalt". Die Klappentexterin hatte mich mit ihrer Rezension auf das Buch aufmerksam gemacht. Und obwohl ich heftige Widerstände beim Lesen empfand, verschlang ich es in anderthalb Tagen.

Exotisch genug ist die Konstellation: Nicolai Lilin stammt aus dem im Westen ziemlich unbekannten Transnistrien, einem Teil Moldawiens, der sich 1992 ohne internationale Anerkennung unabhängig erklärt hat und nach einem Bürgerkrieg unter einer Schutztruppe aus Transnistrien, Moldawien und Russland steht. In diesem problematischen Durcheinander lebte Lilin als Abkömmling der Urki, die in sich ein Phänomen sind, das kaum einer kennt. In den stalinistischen Gefangenenlagern in Sibirien hatten sich bereits früh eigene Überlebensmechanismen und Clans gebildet, die beim Zusammenbruch der Sowjetunion nahtlos in Verbrecherkreise übergingen. Die einstigen Herrscher der Gefängnisse führten fortan Diebesgruppen an (davon handelt auch Eduard Kotschergins "Die Engelspuppe") und infiltrierten mafiöse Kreise. 1938 wurden Teile dieser Clans von Stalin aus Sibirien nach Transnistrien zwangsumgesiedelt, die Urki waren einer davon.

Lilin erzählt in seinem Buch die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im kriminellen Clan der Sibirer bis zu dem Zeitpunkt, als der junge Soldat aus dem Tschetschenienkrieg nach Italien flüchten kann. Sein Buch, das als Roman gehandelt wird, hat jedoch absolut nichts Literarisches an sich, sondern ist lediglich ein Stück Selbsterfahrungsbiografie, die an Authentizität jedoch nichts zu wünschen übrig lässt. Wenn man sich das klar macht, liest sich das Kaleidoskop aus Erinnerungen erstaunlich unterhaltsam und erschreckend bunt. Dass Sprache und Komposition öfter zu wünschen übrig lassen, vergisst man schnell angesichts der plastischen und genau beschriebenen Figuren und Anekdoten um den kleinen Nikolai, der auch Kolima oder Barfuß genannt wird.

Und genau das ist es auch, was einen beim Lesen diesen Widerstand empfinden lässt. Dadurch, dass man in den Kopf der Ich-Figur eintaucht, wird man gezwungen, den strengen - und ziemlich oft tödlichen - Ehrenkodex der Sibirer so vertraut wie ein eigenes Familienumfeld zu erleben. Wenn das kleine Kind sein erstes Schnappmesser zur Ikone legt, wenn die Alten geachtet und die Behinderten beschützt werden, die Freunde zusammenhalten und der Clan ein Überleben im Jugendgefängnis garantiert, dann wirkt das fast idyllisch, sicher und gerecht. Denn Lilin lebt im Grunde in einer Gesellschaft, wie sie sich manche Menschen im Westen herbeisehnen: Da herrscht klare Ordnung, jeder kennt seinen Platz, die Einhaltung von Regeln und Ehrenkodex sorgen für Sicherheit. Lilin erzählt unprätentiös knapp und klar, wenn es um Gewalthandlungen geht - und hart an der Begeisterung, wenn er sich an dieses vermeintlich warme Nest des Clans erinnert.

Das Schlimme ist: Er macht dies so überzeugend, dass selbst der kritischste Leser sich immer wieder dabei ertappt, die eigenen ethischen Regeln in Frage zu stellen. War das nun wirklich so schlimm, dass die Jungs ihren jüdischen Freund rächten, dem eine Gang aus der Nachbarstadt das Briefmarkenalbum gestohlen hatte? Kann man nicht stellenweise den Jugendlichen nachfühlen, als sie ausziehen, um den Vergewaltiger aufzuspüren, der sich an einem behinderten Mädchen vergangen hat? Schon sitzen wir in der von Lilin immer wieder ausgelegten Falle. Und lesen im gleichen Atemzug von eiskalter, selbstgerechter Gewalt, die wir uns in unseren Breiten gar nicht vorstellen wollen.

Nein, diese bunten sorglosen und menschennahen Geschichten sind nicht Ausdruck einer Welt, die in sich geordnet scheint - das ist pure Selbstjustiz, brutalste Gewalt, ethische Verlotterung. Lilin steht auf der anderen Seite: in einer Welt, in der die Polizisten nur Köter genannt werden und ein Rechtssystem als Unrechtssystem gilt. Aber hat er nicht ein kleines bißchen recht, wenn doch dieses Rechtssystem in Russland noch gar nicht richtig funktioniert und selbst korrupt ist? Lilin redet von selbstgemachten Werten des Clans, der mit seinen Machtstrukturen alles unterwandert und die Welt außerhalb verachtet. Aber ist es nicht auch ein wenig tröstlich, dass im Clan Schwache beschützt werden und mit Geld und Besitz nicht geprotzt werden darf? Egal, was Lilin erzählt, er packt uns bei unserem eigenen inneren Schweinehund, der sich zeitweise vorstellen könnte, dass es auch andere Auffassungen von Gesellschaft gibt. Verbrecher, Mafia, Terroristen - sie alle sind irgendwo auch Menschen - und meist gibt es einen vernünftigen Grund, warum sie so geworden sind.

Wenn da nicht diese eiskalte Gewalt wäre. Diese absurde Spannung brachte mich dazu, ständig das Buch an die nächste Wand werfen zu wollen und doch weiterlesen zu müssen. Die Erkenntnis, dass in unseren Augen absolut gewissenlose und gefühllose Gewalt von Menschen ausgehen kann, die durchaus warmherzig sein können und sich ein eigenes System von Ethik und Moral gegeben haben, ist erschütternd. Die historischen Entwicklungen in der ehemaligen Sowjetunion auf diese Weise zu erfahren, macht so manches Unverständliche verständlich. Aber es wird dadurch nicht besser. Und genau an dieser Stelle versagt Lilin völlig. In seinem Erzählrausch des Insiders kommt ihm die Reflektion abhanden. er durchschaut sich selbst nicht.

Lilin lässt uns mit unseren Fragen im Regen stehen. Die spannendste Passage, nämlich den Tschetschenienkrieg und die Gründe für seine Flucht, verschweigt der Meister des Details derart gekonnt, dass man sich zwingend fragt, ob die Reise nach Italien, ins Traditionsland einer anderen Sorte Mafia, nicht auch nur das Ergebnis gesponnener Beziehungsfäden war. Spätestens hier erwarte ich von einem Autor Relativierung, Vergleich und Reflektion. Einer, der in der Freiheit des Westens so nah dem Kampf gegen die Mafia zuschauen kann, einer, den sogar der unter Polizeischutz lebende Autor Roberto Savino ("Gomorrha") erst bekannt gemacht hat, indem er ihn empfahl - der sollte die mafiösen Strukturen der Sibirer auch anders betrachten können als mit Verbrämung und Verbrecherromantik.

Nachdem ich das Buch mit dieser Mischung aus Faszination und Unmut gelesen habe, suchte ich nach Material über Lilin. Vielleicht tat ich ihm ja Unrecht? Leider ist das einzige deutschsprachige Interview, das hier Aufschluss gibt, nur noch im Google Cache zu finden. Aber es spricht Bände. Nicolai Lilin ist keineswegs ein Geläuterter. Er blickt - nicht nur in diesem Interview - zurück in Begeisterung und in Trauer, dass es die Clanwelt so intakt nicht mehr gibt. Er inszeniert sich als finsterer Schönling und spricht von einer "ehrlichen humanen Botschaft" seines Verbrecherclans, redet der Diktatur das Wort, die für ihn die einzig gangbare Staatsform für das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sei. So spricht keiner, der begriffen hat. So spricht keiner, der einsieht, wie menschen- und lebensverachtend mafiöse Strukturen sind - egal, wo auf der Welt und aus welch ach so hehren Gründen sie einst entstanden sein mögen. Ein Gegenkonzept kann uns Lilin nicht bieten.

Aber genau deshalb sollte man sein Buch gelesen haben. Es lässt uns das Unbegreifliche begreifen und verstehen, wie leicht sich Recht und Gerechtigkeit beugen lassen. Ethik im Sinne des Lebens sieht anders aus - und woraus sie sich nähren könnte, das lernen wir eindrücklich an den Fehlstellen dieses Erfahrungsberichts.
Ich fand mich ganz am Anfang, als ich Lilins Buch noch nicht gelesen hatte, vom Thema her an Eduard Kotschergins "Die Engelspuppe" (meine Rezension / über den Autor) erinnert. Doch Kotschergin ist das volle Gegenprogramm zu Lilin. Kotschergins romanhafte Erzählungssammlung ist Literatur und erzählerisches Können. Vor allem aber ist Kotschergin einer, der seine Kindheit in Diebeskreisen hinterfragt, durchdenkt und relativiert. Der Petersburger hat es geschafft, ohne Hass, mit viel menschlichem Mitgefühl, seine Vergangenheit zu verstehen und hinter sich zu lassen. Und deshalb schafft es sein Buch auch ganz im Gegensatz zu dem von Lilin, Perspektiven für eine Zukunft aufzuzeigen. Die mag schwierig sein und allzu oft an den eiskalten Gewaltstrukturen und gewissenlosen Gegnern zu scheitern drohen, aber sie ist im Kern menschenwarm und voller Liebe.

Ich empfehle unbedingt die Lektüre beider Bücher. Denn in der Gesamtschau geben sie eine Facette wieder, warum unsere Welt so zerrissen ist, warum es kein eindeutiges Böses und eindeutiges Gutes gibt - und da trotzdem so viel Zukunft ist.

Nikolai Lilin: Sibirische Erziehung. Suhrkamp Verlag
Eduard Kotschergin: Die Engelspuppe. Persona Verlag (meine Rezension)

Kommentare:

  1. Liebe Petra,

    interessant finde ich aber, dass Nicolai Lilin sich selbst als Italiener sieht und damit die Kritik seiner Landsleute riskiert. Aber er ist trotzdem eine faszinierende Persönlichkeit - ein literarischer Tätowierer!
    Der Stolz und die Ehre, die solchen Clans innewohnt, ist etwas, dass mir wohl immer fremd sein wird. Einerseits liebevoll und verantwortungsbewusst, andererseits so menschenverachtend. Jeder Gruppe ist sich selbst die nächste. Die Gleichen Anwandlungen lernt man auch hier in Deutschland kennen, wenn man sich bestimmte "Randgruppen" ansieht. Das habe ich schon am eigenen Leib erfahren müssen.

    "Das Schlimme ist: Er macht dies so überzeugend, dass selbst der kritischste Leser sich immer wieder dabei ertappt, die eigenen ethischen Regeln in Frage zu stellen."

    Dabei musste ich sofort an den "Paten" denken. Auch Mario Puzo schaffte es, ganz am Beginn, den Paten als Heilsbringer darzustellen, der einzige Mensch, der denen Gerechtigkeit bringt, die vom staatlichen Recht enttäuscht wurden.
    Die fehlende Reflexion, die Du bemängelst, wäre für mich deshalb auch ein Grund, erst einmal mit der "Engelspuppe" zu starten. Denn mich interessiert dieses Thema sehr. Seit dem Film "Tödliche Versprechen" mit Viggo Mortensen habe ich ein morbides Interesse an der russischen Mafia, ihrer Tätowierkunst und allgemein an der regierenden Oligarchie in diesem Land.
    Vielen Dank für diese ausführliche Rezension!

    Liebe Grüße
    Nikola

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  2. Liebe Nikola,
    danke dir für die weitere Inspiration! Du hast das gut beschrieben, was für eine Art Faszination auch in diesem Buch greift. Ich nenne es die Verführbarkeit des Menschen zu totalitärem Gedankengut.

    Diesen Ruf nach einer Ordnung hört man ja nicht nur an Stammtischen, sondern auch bei Champagnerempfängen von Topmanagern. Und Blutrachesysteme haben auch in Westeuropa lange Tradition, s. Korsika und Italien. Vergessen wir den Faschismus nicht (da gibt es sogar Verflechtungen).

    Gestern kam ein TV-Beitrag darüber, wie sich Deutsche, die im Leben gestrauchelt sind und keinen Fuß fassen können - aus welchen Gründen auch immer - in Terrorcamps in Pakistan ausbilden lassen. Angefangen hat das mit der Sehnsucht, ein "diszipliniertes" System zu finden, das ihnen einfache Antworten gibt. Wenn man erst mal tief "drin" ist, merkt man nicht mehr, dass das Scheinantworten sind, Scheinsicherheit. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Menschen, die nach Sicherheit lechzen, lassen sich dazu ausbilden, Sicherheit abzuschaffen!

    Aus Theologensicht betrachtet funktionieren mafiöse Systeme wie Sekten - und sind nicht umsonst immer mit Pseudoreligion und strengen Ritualen verbunden. Innerhalb des Systems scheint alles zum Wohl der Mitglieder zu sein. Was für einem Irrtum man aufsitzt, kann man nicht feststellen, weil jeder Kontakt mit der Außenwelt kleingehalten wird. Die Außenstehenden sind die "Köter" (Ratten, Schmeißfliegen etc.), das Böse, das es zu bekämpfen gilt. Ausbrechen wird bestraft. (Das alles natürlich verkürzt dargestellt). Und "drinnen" sind natürlich alle auch Menschen, Familienväter, Mütter, nette Opas...

    Aber funktionieren nicht auch so Nachbarschaftssysteme, in denen jeder eine Thujahecke schneiden muss, ein Eigenheim und Auto haben? Wo fängt Abgrenzung nach außen an?

    Der größte Gewinn des Buchs war für mich diese Frage: Wie verführbar bin ich selbst? Könnte ich einen dieser Schritte gut heißen? Wo liegen die Fallen, bei denen ich meine eigenen Überzeugungen vergessen könnte?

    Für dein morbides Interesse kann ich dir ein paar richtig ekelhafte russische Krimis empfehlen, die eigentlich Gesellschaftsromane sind. Auf die Schnelle fällt mir erst einmal Polina Daschkowa ein (Aufbau), deren Bücher teilweise von der tollen Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt übersetzt wurden, die auch an der "Engelspuppe" mitgearbeitet hat.

    Letzteres lege ich jedem wärmstens ans Herz, wobei es da weniger um Mafia geht, sondern um die kleinen Leute und deren Leben, um das Überleben in tiefster Misere und die Diskrepanz, auch beim Stehlen nicht das Menschsein zu verlieren. Wer russische Erzählfreude mag, wird dieses Buch lieben!

    Schöne Grüße,
    Petra

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  3. Noch ein Sachbuch-Tipp, obwohl ich es selbst nicht gelesen habe. Nicht speziell zum Thema Mafiastrukturen, sondern zum damit in Osteuropa oft verbundenen Rechtsradikalismus und Neofaschismus:
    Gregor Mayer + Bernhard Odehnal: Aufmarsch. Die rechte Gefahr aus Osteuropa. Residenz Verlag

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  4. Danke für den Tipp! Polina Daschkowa werde ich mir mal genauer ansehen. Obwohl ich eigentlich zart besaitet bin. Zu ekelhaft darf es nicht werden.;-)

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  5. Sie schreibt eigentlich sogar sehr unterhaltsam (und schrecklich spannend), zumal sie in den neueren Romanen immer ein wenig in Kolportage-Stil abrutscht. Aber dadurch, dass ihre Stories so nah und lebensecht sind (zwar fiktiv, aber irgendwie auch Alltag), kann man ziemlich gut verstehen, dass manche Leute eine Wodkadepression bekommen. Nach einem solchen Roman brauche ich immer etwas anderes, fröhlicheres...
    Schöne Grüße,
    Petra

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  6. Ich habe das Buch nicht gelesen, empfehle aber allen, die die Wahrheit über das "Sibirische Volk" der Urki etwas erfahren möchten, die Erzählungen von Schalamov. Er stellt auch die weinerliche Selbstromantisierung der Urki zur Schau.

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  7. Ja, und man soll bitte Belletristik nicht mit der Wirklichkeit verwechseln.

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  8. Wahrheit - aus Erzählungen? Wo man Belletristik nicht mit der Wirklichkeit verwechseln soll?
    Wir werden wohl nie erfahren, wie "wahr" so ein biografisches Schreiben wirklich ist...

    Übrigens, Anonymus, keiner muss sich hier scheuen, mit Namen aufzutreten, sprich, den kann man auch ans Ende des Kommentars setzen, um es persönlicher zu machen. Die Beiträge klingen dann weniger aus dem Nichts gebellt und fallen vor allem seltener dem Spamfilter zum Opfer...

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  9. Ich bin's wieder, Anonymus, Tatjana mit dem Namen, bin einfach unerfahren in Blog-Sachen.

    Schade, dass man meine Mitteilung als Gebelle vesteht. Zu Warlaam Schalamow: Sein Werk wurde wissenschaftlich analysiert. (Es gibt auch Deutschsprachiges zu ihm.) Man hat nichts Widersprüchliches darin entdeckt. Das unterscheidet echte Memoiren von reiner Belletristik. Romane von Lilin sind bisher nicht ins Russische übersetzt worden. Man rätselt nur, warum. Meine Antwort ist: Jeder, der sich mit der Relität/Geschichte in der ehmaligen Sowjetunion ein wenig auskennt, würde sofort die Widersprüchlichkeiten entdecken können.

    Ich habe gerade ein paar Absätze aus dem Buch von Lilin gelesen. Wie kann ich es ausdrücken: Als würde ein Ausländer einem Deutschen erzählen, dass in Berlin sich die Beamten mit Hitlergruß begrüßen und an jedem Sonntag nach dem Gottesdienst Massenjagd auf Ausländer veranstalten. Der Wahrheitsgehalt ist dasselbe. Man braucht kein Beamte zu sein, um die Phantasterei zu erkennen und man braucht auch kein Urke zu sein, um die Phantasterei im Lilin's Werk zu erkennen.

    Es ist einfach so grotesk, dass man kaum Worte findet. Abgesehen von den historischen Tatsachen, dass Stalin nie jemand von Sibirien in den Westteil deportiert hat, sondern umgekehrt. Dass die Stadt Bendera vor 1940 nicht zur Sowjetunion gehört hat. Dass die Urken keine Familientraditionen pflegen, sondern ein reiner "Berufsverband" von professionellen Dieben und Räubern sind. Ich habe auch nie von sibirischen Urki-Märchen gehört. Es gibt nur die Gefängnis-Romantik, die man natürlich unter Umständen auch der Volklöre des "Berufsverbandes" zurechnen kann. Und ich habe noch nie einen Normalbürger ein gutes Wort über die Urki sagen hören. Das sie Robin Hoods sein sollen schon gar nicht.

    Vor allem wundert es mich, dass es in der (westlichen) Presse ungeprüft so viel Quark durchgehen kann. In der russischsprachigen Presse wird über Lilin nur gelacht, egal, ob im Westen oder im Osten. Mich ärgert's aber, dass die Urken, die den Normalbürger "Freier" nennen und für sein Leben für wertlos halten, jetzt zu Ruhm und Ehre kommen. Sie haben den Gulag mitverwaltet, waren drinnen (im Gefängis) wie draußen für unendliches Mitleid verantwortlich und jetzt plötzlich das...

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  10. Und ich beanstande ja nicht die Möglichkeit eines Autoren, eigene Biografie zu erdichten. Soll man doch Tausend Geschichten über sich erfinden und sie als wahr verkaufen. Wenn es sich gut liest, fein ist's. Nur wie würden Sie reagieren, wenn man z.B. die SS als eine Art Wohlfahrtsverband darstellt, der zum Wohle des Volkes agiert hat?

    Ich denke, das ist schon keine harmlose Moralverdrehung im Sinne der Humanisierung eines Verbrechers (was die Kritiker von Lilin's Buch so begeistert), sondern eine Vergewaltigung des Humanen. Das gehört gerügt, nicht belohnt werden.

    Tatjana

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  11. Hallo Tatjana,
    nein, du klingst nicht gebellt, ich hab derzeit das Problem, dass jemand mein Blog zuspammt und war mir nicht sicher, ob das derjenige war. Deine Kommentare finde ich höchst interessant - ich werde sie morgen in Ruhe lesen! Beim Überfliegen wird mir schon klar, warum ich solches Unbehagen bei diesem Buch habe...
    Schöne Grüße!

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  12. Tatjana, da bin ich endlich ... Ich freue mich sehr, dass du einen ganz anderen Blick auf das Buch gewährst, der mir so einiges erklärt, wo ich ein ungutes Gefühl hatte.

    Lilin wird hierzulande ja nicht als Fiktion oder Roman verkauft, man tut so, als sei das nicht nur sein authentisches Leben, sondern allgemeine "Wahrheit". Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass einer der größten Kämpfer gegen die Mafia in Italien unter den Autoren sein Buch überhaupt erst empfohlen und damit groß gemacht hat. Das gibt ihm diesen "anständigen" Nimbus. Der Presse, die das unterstützt (nicht alle), ist vorzuwerfen, dass sie sich nicht gut auskennt, aber leider auch kaum mehr nachrecherchiert... Was du schreibst, habe ich auch nie gelernt, müsste ich nachprüfen. Aber ich würde mir die Arbeit machen. Die machen sich viele Journalisten bei Büchern nicht.

    Nun habe ich lange genug in Osteuropa gelebt, um zu wissen, dass nicht alles bei ihm so ordentlich gelaufen sein kann, wie vorgegeben. Ich möchte den russischen Soldaten sehen, der sich so einfach mal schnell aus dem Tschetschenienkrieg ins sonnige Italien abseilen kann ohne Seilschaften. Schon da stößt es einem übel auf, dass er genau diese Passagen verschweigt. Warum wohl.

    Auf der anderen Seite darf ich das als Autor einer Autobiografie. Ich darf mir mein Leben sogar zusammenlügen, ich darf Erinnerungen verfälschen, ich darf Wahrheiten weglassen und kleine Dinge aufbauschen. Eine Autobiografie ist nämlich kein Geschichtssachbuch. Es ist die völlig subjektive Sicht eines Individuums, das schlecht und gut machen kann, wen es will! Ich kann so ein Buch nicht als journalistischen oder gesellschaftspolitischen Tatsachenbericht lesen. Ich kann aber als Leser in diese Falle tappen, wenn ich es zu sehr für bare Münze nehme.

    Fortsetzung...

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  13. Ich glaube aber auch nicht, dass man so ein Buch lachend abtun sollte. Das halte ich sogar für gefährlich, zumindest kurzsichtig.

    Denn so unbequem und abstrus das Buch vielleicht wirken mag, in einem ist es absolut authentisch: Hier spricht ein Schwerverbrecher, einer aus den mafiösen Strukturen. Er erlebt, wie viele dieser Leute erleben, wenn sie eiskalt Menschen fertig machen, ohne jede Moral morden und sich zu Herrschern über Leben und Tod aufspielen. Diese Typen sind unter uns, auch hier in Westeuropa. Egal, wie all die Clans und Mafiaarten heißen mögen, strukturell kann man sehr gut Parallelen ziehen ("familia" / pseudoreligiöse Rituale / Schweigen - ital. omerta) Inzwischen arbeiten die ja auch zusammen...

    Lilins Buch kann erläutern, wie diese Leute ticken. Es zeigt, dass dem nicht mit normalen Argumenten beizukommen ist. Nein, das sind keine Familien, aber "familia" im italienischen Mafia- und Camorrha-Sinn. Kunstfamilien mit einer künstlichen Pseudomoral, mit eigenen Riten. Wenn wir unsere Gesellschaft vor solchen Leuten schützen wollen, müssen wir hinschauen, ganz genau hinschauen und nicht einfach alles mit einem Lachen abtun.

    Denn der Abgrund liegt in jedem von uns. Das ist es, was mich an diesem Buch so entsetzt hat: das Nachdenken über mich selbst. Was müsste mir geschehen, damit ich einen Schritt zu weit ginge? Einmal zu unachtsam wäre? Wann würde ich mich erpressbar machen? Wann würde ich schweigen und meine Haut retten wollen?

    Und von mir weg gedacht: Wie schmal ist dieser Grat zwischen Zivilisation und rein profitgieriger Lebensverachtung? Wann wird der Mensch schlimmer als ein Tier?

    Ich finde, da gibt Lilins Weltsicht tiefe Einblicke. Gerade WEIL er für den gesunden Menschenverstand so abstrus handelt und denkt. Deshalb finde ich in diesem Fall eine Autobiografie aufrüttelnder als jedes Fachbuch. Und allein dass das Buch solche Diskussionen provoziert, spricht für die Veröffentlichung! (Übrigens, wenn Russland ein Buch NICHT übersetzt und veröffentlicht, heißt das gar zunächst nichts über einen Text, manchmal sogar im Gegenteil).

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  14. Von Tatjana:

    Hallo Petra!
    Danke, dass du meine Mitteilung ernst genommen hast. Ich bin mit fast allem, was du schreibst, einverstanden. Nur zweifele ich eben daran, dass Lilin nur einen Bruchteil von dem, was er schreibt auch selbst erlebt, bzw. authentische Berichte von irgendjemand weiter gegeben hat... Ich zweifele daran, dass er irgendwann in seinem Leben jemand umgebracht, bzw. jemandem seriöse Verletzungen zugefügt hat oder sich in einer ähnlichen Situation befand. In der Musik existiert ja auch diesen Typus von Gangsta Rapper, von denen man später erfährt, dass sie wohl behütet aufgewachsen sind. Diese meine Meinung wurde hauptsächlich durch die Berichterstattung/Blogs im russischsprachigen Raum gebildet. Ist natürlich nicht die zuverlässigste Quelle, die Argumente scheinen mir jedoch plausibel zu sein. In einem englischsprachigen Lilin-Interview, das auf youtube zu finden ist, sehe ich auch jemand (Mimik), der seinen eigenen Worten nicht richtig glaubt (sehr subjektiv, ich weiß).

    Das kann ich natürlich ohne Weiteres nicht beweisen, sprich: Wenn wirklich "begründete Zweifel" bestehen, müsste sich Suhrkamp darum kümmern. Ich hoffe, sie haben auch ein Interesse daran, dass ihr Buch nicht fälschlicherweise als eins aus der Insider-Sicht geschriebenes positioniert wird, wenn es nicht so ist.

    So oder so wird Lilin insgesamt bestimmt keinen Schaden aus der Geschichte nehmen, da wahrscheinlich alle diejenigen, die sich seine Bücher kaufen würden, dies schon gemacht haben. Andererseits ist es natürlich gut, wenn man zum Nachdenken gebracht wird, nur würde ich mir wünschen, dass ich dabei durch falschen Kontext nicht getäuscht werde...

    Ich hoffe, ich komme hier nicht allzu sehr als Querulantin oder als Spamerin weg. Auf jeden Fall danke ich dir, dass du meine Kommentare veröffentlichst. Suhrkamp hat meinen am 7. Oktober abgeschickten Kommentar gar nicht veröffentlicht. Ihr gutes Recht, natürlich...

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  15. Tatjana, das ist weder Spam noch Querulanz, wir führen eine völlig gesittete Diskussion :-) Und ich freu mich immer, auch andere Meinungen als die meine zu hören.

    Russische Blogs kann ich nicht lesen. Und wenn, würde ich sehr genau untersuchen, in wessen Interesse sie jeweils geschrieben sind. Man kennt die Techniken der Mafia aus Italien, Themen "kleinzureden"...

    Als Buchautorin kann ich mir vorstellen, Songtexte ganz übel zu verbrechen und mir ein cooles Image zu geben.
    Wenn ich aber einen längeren Text dieser intensiven Art als mein angeblich authentisches Leben verfasse, von mir erzähle, wie ich Menschen umbringe und quäle, dann muss ich arg bös eins an der Birne haben, um das so durchzustehen, um nachher zu sagen, Ätschebätsch, ich war's gar nicht.

    Es gab immer wieder gefälschte Lebensberichte, aber die sind alle eher von der esoterischen, positiven Sorte, wo sich die Betrüger als ganz besonders gute Menschen und Gurus hinstellen. Und die machten das, um mit Seminaren u.a. zum Buch viel Geld zu verdienen. Was aber soll einer davon haben, wenn er sich als brutaler menschenverachtender Drecksack inszeniert? Psychologisch funktionierte das meiner Meinung nach schwer, das hält ein Autor nicht durch. Genau weil Lilin nicht einsichtig ist und gar nicht wirklich kapiert, was er getan hat, kommt der Typ für mich echt rüber.

    Wir werden es nie erfahren. Aber bei allem, bei jeder Quelle, auch den russischen, frage ich immer eins: Cui bono? Wem nützt es wirklich?

    Was Suhrkamp betrifft, so können die jede Form einer Autobiografie veröffentlichen, die sie nur wollen.

    Autoren dürfen in ihren Autobiografien - solange sie keine Rechte gegen Dritte verletzen - das Blaue vom Himmel herunterlügen, sich lustig selbst inszenieren oder die Wahrheit erzählen (aber auch Wahrheit ist subjektiv). Es gibt keine Vorschriften, wie eine Autobiografie auszusehen hat. Das ist in Demokratie, Kunst und Meinungsfreiheit zum Glück garantiert!

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  16. Tatjana, weil du anonym bist, kann ich dir das leider nicht persönlich sagen, sondern muss es öffentlich machen: Deinen letzten Kommentar musste ich löschen, weil du darin rechtlich relevante Vorwürfe mit Namen koppelst. Da ich für mein Blog geradestehen muss, kann ich solche Vorwürfe nicht zulassen, schon gar nicht von Anonym. Und weil ich nicht in Texte anderer eingreife, habe ich alles gelöscht.

    Ich verstehe deine ganze Aufregung in meinem Blog auch nicht mehr. Lass einfach gut sein - du hast ja nun passendere Adressen als mich.

    Zum Buch ist alles gesagt und meinen Lesern traue ich genug Hirn zu beim Lesen.

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