Elfenbein-Boykott

Schreiben ist ein einsames Geschäft. Wer ein echter Autor sein will, der schließt sich bei Wasser, Brot und genügend Drogen in einen Elfenbeinturm ein und kommt erst wieder heraus, wenn ihm Rapunzels Zopf gewachsen ist. Unten steht Prinz oder Prinzessin Verleger und hängt einen Vertrag ans Zopfende. Nicht einmal dazu muss ein waschechter Autor sein Kämmerchen verlassen. Schreiben ist ein einsames Geschäft...

Es gibt da allerdings noch die vor Selbstbewusstsein strotzenden angelsächsisch- amerikanischen Kollegen, die in einer für uns manchmal fast komisch wirkenden Weise mit ihren Pfunden wuchern und die Buschtrommel fürs eigene Buch schlagen. Was so ein echter deutscher Elfenbeinturm ist, wissen sie wahrscheinlich gar nicht. Enthusiastisch klemmen sie Laptop und Schlafsack unter den Arm, verkaufen ihre Bücher in Highway-Raststätten oder schreiben in Cafés. Und wenn sie damit fertig sind, haben sie auch noch eine ganze Menge Ratschläge im Gepäck. Die Selfpublishingexperts gehören zu dieser Spezies. Eben empfehlen sie in ihrem Blog wieder einmal diese berühmten Punkte, mit denen alles leichter geht, vor allem das Bücherschreiben natürlich. Sie sagen aber selbstironisch, die Ratschäge seien einfach dumm. Der dritte jedenfalls lautet: accountability.

Gemeint ist eine Art "Verantwortlichkeit" fürs Schreiben des Buchs, die mit einer "Rechenschaftspflicht" einhergeht. Oder weniger wörterbuchdumm formuliert: Ein Buch schreibt sich schneller und leichter, wenn ich meinen Elfenturm dem nächstbesten Makler anvertraue und an die frische Luft gehe. Unter Leute, Kollegen. In dem Moment, in dem ich vorab über mein Projekt und dessen Fortschritte Austausch pflege, nehme ich mich selbst ganz stark in die Pflicht, übernehme Verantwortung für mein Projekt. Dann kann ich nämlich nicht mehr einfach nur herumtönen, sondern muss auch etwas vorweisen können. Nichts ist schließlich peinlicher als jemand, der Jahre über seinen großen Roman redet und ihn nie fertig schreibt.

Beim Lesen war auch ich zunächst geneigt, wie im Asterix-Comic zu stöhnen: "Die spinnen, die Römer!" Das geht doch nicht! Der schöpferische Akt, das literarische Ringen - das alles braucht Stille und Einsamkeit. Und außerdem schreiben die beiden Ratgeberbücher, absolut nicht zu vergleichen! Dann habe ich noch einmal genau hingelesen: Auch diese fröhlich palavernden Autorinnen haben ihre Stillephasen. Sie bleiben nur nicht im Kämmerchen. Und schließlich mache ich das doch genauso!

Ich weiß, dass auch die zurückgezogensten Einzelarbeiter unter den Kollegen, die niemanden an ihr Werk kommen lassen wollen, mindestens einen Vertrauten haben, mit dem sie mindestens über Fragen reden. Selbst der schlimmste Eigenbrödler des Metiers kann nur dann schreiben, wenn er sich irgendwie am Außen bedient. Wie viel Außen man zulässt, ist eine Frage der Persönlichkeit, der Art von Büchern - aber auch von Mut!

Vor einem Jahr hätte ich ohne zu zögern behauptet, Öffentlichkeit in der Entstehungsphase eines Buchs schade diesem. Ich habe geglaubt, dass nur sehr wenige Bücher von einer solchen Preisgabe profitierten. Und ich hätte viel zu viel Angst vor Ideenklau gehabt, zumal ich auch schon tatsächlich bei Sachbüchern von Verlagen beklaut worden bin. Warum aber starte dann ausgerechnet ich die Serie "Ich bastle ein Buch"? Das ist doch tödlich? Nach der Lektüre des amerikanischen Blogbeitrags fiel mir auf, dass ich genau mit dieser accountability spiele. Indem ich live über mein Buch berichte, gibt es keine Ausreden mehr. Ich kann nicht nur labern: Ich muss schaffen. Ich kann nicht nur planen: Ich muss es lernen und beherrschen.

Die Öffentlichkeit herzustellen, bevor ein Buch fertig ist, hat aber noch ganz andere, ungeahnte Effekte auf meine Arbeit.

Vor dem Buch ist es höchste Zeit.
Herkömmliche Öffentlichkeitsarbeit für ein Buch setzt mit dem Abdruck im Katalog ein, also dann, wenn Buchhändler bereits bestellen sollen und das Publikum vom Buch erfährt. Das ist, von der PR her betrachtet, eigentlich viel zu spät - und kann nur greifen, wenn das Buch auch andersweitig stark gepuscht wird oder wenn das Feuilleton danach giert. All die "langsameren" Bücher, die das Zeug zum Longseller haben, fallen bei dieser Werbemethode schlicht hinten runter. Denn vier Wochen nach Erscheinen werden längst andere Titel lautstark beworben. Gute Öffentlichkeitskampagnen brauchen ihre Zeit (mit Social Media vernetzt bei kleinem Budget ist ein halbes Jahr sehr wenig). Marken etabliert man nicht in einem Monat, sondern durch Nachhaltigkeit. Warum soll das bei Büchern anders sein?

Publikum will ernst genommen werden.
Ich bin nicht der Typ billiger Jakob, der sich auf den Marktplatz stellt und schreit: Kauft mein Buch, heute in Scheiben und alles noch bunter, noch schöner! Ich glaube auch nicht daran, dass mein Publikum so dumm ist, sich etwas vormachen zu lassen und akzeptiert, derart angeschrieen zu werden. Ich glaube aber an die menschliche Neugier (die ich selbst im Übermaß besitze) und an die Freude der Kommunikation. Wenn ich bei Lesungen mit den Lesern ins Gespräch komme, ist das wahrscheinlich nicht nur für mich der schönste Teil. Wie gern wollte ich schon bei anderen Mäuschen spielen! Warum sollen andere nicht einmal bei mir Mäuschen spielen dürfen? Sie werden auf alle Fälle nachher nicht die Katze im Sack kaufen müssen. Sie werden ein Buch in Händen halten, dessen Entstehungsgeschichte sie nicht nur kennen, sondern miterlebt haben. Wunderbare Technik.

Geschützter Verkehr
Nein, es ist nicht gefährlich, vorab über ein Projekt zu sprechen. Man braucht nur unbedingt Disziplin und eine gute Strategie. Zum Schutz für die eigenen kreativen Empfindsamkeiten sollte man sehr selbstbestimmt seine Auszeiten und Aufenthalte im stillen Kämmerchen nehmen. Auch ich schreibe meine Texte zurückgezogen und muss mir ein Umfeld schaffen, in dem ich in andere Welten tauchen kann, ohne durch die lärmende Welt draußen behelligt zu werden. Ich muss wissen und entscheiden, wann ich das brauche und wann ich Nähe zulassen kann. Die Fäden habe ich in der Hand, nicht das Publikum. Und wer die Fäden in der Hand hält, hat in der Regel auch genügend Distanz, sich nicht von allen möglichen Einwürfen, Eventualitäten und Meinungen vom eigenen Weg abbringen zu lassen, sondern zu entscheiden, wann sie fruchtbar oder hilfreich sind.

Ich muss mir vor der Aktion eine Strategie zurechtlegen, worüber ich reden kann, ohne dass es dem Projekt schadet. Wenn ich mir das erst beim Reden überlege, ist es zu spät. In meinem Fall, einem Sachbuch, ist die Gefahr von Klau natürlich besonders groß. Ein gewisser Verlagsscout, mit dem ich bereits ein unliebsames Erlebnis dieser Art hatte, liest fleißig bei der Serie mit. Aber was soll er damit anfangen? Es gibt schon so viele Bücher zum Thema, dass es auf eines mehr nicht ankommt. Und was ich im Blog schreibe, findet sich an hundert anderen Stellen im Internet auch. Was ich nicht schreibe, wird entscheidend sein. Manchmal führe ich solche ideenlosen Selbstbediener auch vorsätzlich an der Nase herum. Es ist zu schön, im Laden auf Bücher zu stoßen, bei denen Billig-Hausautoren ohne Recherche absichtlich platzierten Humbug abschreiben.

Bereicherung
Natürlich ist so ein Öffentlichkeitsprojekt vor dem Buch zunächst einmal eine Investition: von Arbeitszeit und Energie. Ich könnte aber auch anders rechnen: Wenn ich mir PR-Honorare ansehe, spare ich doch beträchtlich Geld. Und dabei habe ich einen Effekt völlig vergessen, der mich eiskalt von hinten erwischt hat. Öffentlichkeit vor dem Buch kann nämlich äußerst bereichernd wirken. Vor allem hinter den Kulissen entstehen Kontakte, die man sonst so im Leben nicht hätte knüpfen können. Menschen mit gleichen Interessen und Fragestellungen finden sich - und was mich vor allem überrascht hat: Sie sind vom Fach.

Unter diesen Kontakten habe ich schon einmal alle Berufe, die ich im Notfall ansprechen müsste, wenn ich irgendeinen Profibereich nicht selbst abdecken kann. Keine Leute, die nur ihre Leistung verkaufen wollen, sondern Leute, die uneigennützig auch Tipps und Ratschläge geben, Sharing, wie es so schön heißt. Dann sind da die Ballettomanen, die nach der Fertigstellung gieren, genauso wie Menschen, die ihre Erfahrungen teilen oder mir beim Kontakten geholfen haben. Wahrscheinlich habe ich auf diese Art sogar den künftigen Hersteller kennengelernt. Mit einem Kollegen ist eine Idee geboren worden. Und im Idealfall kann ich vielleicht andere Menschen anregen, inspirieren, ihnen Mut machen oder Tipps geben.

Das ist das eigentlich Bereichernde an der Sache: In der kurzen Zeit, in der diese Serie läuft, habe ich über neue Techniken und Buchmarktumwälzungen so viel gelernt, wie mir das früher als Autorin im Kämmerchen nie möglich gewesen wäre. Ich bin im Gespräch mit anderen "Verrückten", die neue Ideen haben oder umsetzen. Es entsteht eine Art Brodelkessel voller Inspirationen. Ich lerne außerdem, wo die Fallstricke liegen und wer nur heiße Luft verpufft. Ein paar Menschen, die aus ganz anderen Bereichen kommen (Musikbiz, PR, Kulturmanagement etc.), haben mich so weit inspiriert und vielleicht auch aufgehetzt, dass ich wieder ein längst in der Schublade verschwundenes Projekt hervorgeholt habe. Es sollte einmal zum Buch werden, wenn ich Zeit und Geld genug haben würde, mir ein solches literarisches Projekt leisten zu können - wenn ich endlich die Muße hätte, dann konsequenterweise auf Nischenverlage mit Nischenauflagen zu bauen. Jahre würden vergehen, bis die Idee zum Buch werden würde und damit in die Hände des Nischenpublikums gelangen könnte.

Noch weiß ich nicht wie, aber ich bin mir sicher, dass ausgerechnet dieser Stoff sich für sehr viel mehr Publikum eignet - vorausgesetzt, er wird nicht nur zwischen zwei Buchdeckel eingeklemmt. Manche Möglichkeiten sind noch nicht spruchreif. Aber mein kleiner Finger sagt mir, dass diese Vision eine Möglichkeit wäre, all meine Berufe zusammenzulegen - und meine Kontakte obendrein. Eine Geschichte von vielen Menschen...

Aber das ist Zukunftsmusik, die mir im Moment einfach ein wunderbares Gefühl von Aufbruchstimmung gibt und die Sicherheit, dass ich auch in zehn Jahren noch Ideen haben werde. Jetzt geht es ganz konkret und vor allem ganztags an das Nijinsky-Projekt. Und wenn ich dann wieder einmal im stillen Kämmerchen sitze, könnte ich mich ohrfeigen, dass ich nicht viel früher viel zu früh über Bücher geredet habe. Nur - Verlage wollen das ja bekanntlich nicht.

PS: In dem Moment, in dem ich diesen Beitrag online stelle, vermeldet Buchreport, dass ich nicht die einzige mit komischen Visionen bin. Nur geht meine Idee weit über dieses bereits von Walt Disney praktizierte Multiple Choice-Verfahren hinaus...

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