Sprachlos

Gestern war ich schon wieder eiskalt neidisch. Wenn ich mir vorstelle, welch einen Aufwand ein grenzüberschreitendes Europaprojekt bedeutet, selbst in der Umsetzungsphase von Gesagtem! Da muss Text für zwei Kulturen und Lesementalitäten konzipiert werden, von Menschen, die bikulturell denken können, Übersetzer müssen ran, schließlich Grafiker, Layouter, ein Lektorat. Dabei habe ich die zahlreichen Diskussionen über das Gesagte selbst noch gar nicht erwähnt, bis es denn endlich gedruckt werden kann. Und der Mensch mit einer dritten Sprache hat Pech gehabt, wenn er die zwei verwendeten nicht versteht.

Gestern ging das ganz anders. Absolut gemischtes deutsch-französisches Publikum in einem elsässischen Städtchen. Auf die Bühne setzten sich ein französisches und ein russisches Streichquartett kunterbunt gemischt zusammen. Ein paar Augenbewegungen, gemeinschaftliches Einatmen und es erklang ein traumhaft gespielter Mendelssohn-Bartholdy, für den das Publikum dann nur noch ein einziges international verständliches Wort fand: Bravo!

In solchen Momenten fühle ich mich als Schreibende behindert, fast amputiert. Man stelle sich vor: Ein Franzose und ein Russe beträten die Bühne, um gemeinsam aus einem deutschen Buch vorzulesen. Und das Schreiben erst! Richtig gut schreiben kann ich nur in einer einzigen Sprache - denn mit "gut" meine ich, dass die Qualität für meine Ansprüche in Sachen Buch reicht. Steige ich dann auf eine Bühne für eine Lesung, kann ich bereits vorher wetten, dass selbst die Menschen, die dieser Sprache mächtig sind, nicht alles verstehen werden oder wollen. Auf der Bühne in einem anderen Land sitzen? Klingt fast zu verrückt, diese Vorstellung... Gibt es Literatursimultandolmetscher?

Unsere Kunst ist gemein zu ihren Künstlern. Was rackert man sich ab, um den Leser zu entführen, um diese Magie zu schaffen, bei der er vergisst, Papier oder einen Reader in Händen zu halten! Und wie winzig, wie klein, in welch engen Räumen kann man sich nur verständlich machen...

Zum Glück bin ich nicht die Einzige, die unter diesem Dilemma leidet. Mark Twain hat das mit der deutschen Sprache mal am eigenen Leib getestet und ausführlich seine Leiden daran beschrieben. Immerhin hat er für Bücher eine noch wohlwollende Anleitung gefunden:
"Deutsche Bücher sind recht einfach zu lesen, wenn man sie vor einen Spiegel hält oder sich auf den Kopf stellt, um die Konstruktion herumzudrehen..."
Wenn er dann auch noch anfängt, "Frau Marlitt" ins Englische zu radebrechen, wird endgültig klar: Er warnt zu Recht, dass das Experiment in Gehirnerweichung oder Gehirnversteinerung enden könnte. Sprache macht eben manchmal einfach sprachlos.

(Ich empfehle dringend, sich den herrlichen Text von Mark Twain in Gänze zu gönnen!)

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