Disciplina, die peitschende...

Eigentlich war heute mein freier Tag und den wollte ich genau dort verbringen, wo Nijinsky und Diaghilew hinfuhren, wenn sie keine Zeit für Venedig hatten. Die habe ich nämlich auch nicht. Vierundzwanzig Grad im Schatten wären ideal gewesen. Und was macht die Autorin stattdessen? Sie ist wohl krank.

Sie setzt sich nämlich ins kälteste Nordzimmer (viel kälter als draußen), schaut sehnsüchtig über den glutenden Feuerdorn draußen auf den Azurhimmel über dem Bergkamm und stürzt sich so mir nichts dir nichts in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Während draußen das typische Leben des schulfreien Mittwochs quirlt und Kinder und Lehrer fröhliches Nichtstun feiern, kämpft sie mit der Dicken Bertha und Granaten und einer Munition, die man doch tatsächlich "Schei..eschachteln" nannte. Nur kurz flackert die Überlegung auf, noch sei es Zeit für eine Fahrt in die Sonne.

Aber dann kommt das Knattermoped der Briefträgerin, sie rennt hinaus, um einen gewissen Umschlag mit einem gewissen Ballett abzufangen, umsonst, denn die französische Post scheint wieder auf Pferdeboten umgestiegen zu sein, der Inlandsbrief im Kasten ist auch schon acht Tage alt. Doch jener Gang war entscheidend, denn neben dem Briefkasten steht Disciplina mit der Peitsche in der Hand. Süßlich verspricht sie, mit einem Verzicht auf einen freien Tag käme die Autorin schließlich der hochgeliebten Herzensarbeit ein Stückchen näher.

Also wird das Pensum noch ein wenig hochgeschraubt, die Granaten fallen nun im Turbotakt und ratzfatz ist ein Arm amputiert. Seltsam nur, wie eiskalt tippende Finger bei diesen Außentemperaturen werden können - ein paar Sonnenbäder zwischendurch und eine Handmassage am eigenen Leib müssen reichen. Was ich schaffen will, ist eigentlich nicht zu schaffen, aber ich werde. Im Oktober möchte ich mit diesem Text nichts mehr zu tun haben. Endlich schreiben... (als ob ich nichts anders täte).

Ausgerechnet jetzt kommt in der zu überarbeitenden Übersetzung etwas vor, was auch im Nijinsky vorkommt - das sind die Extraqualen, diese kleinen Erinnerungsstiche. Irgendwie fühlt man sich dabei falsch und wünscht sich woanders hin, in einen anderen Text: den eigenen.

Ich schaue wieder im Wörterbuch nach. L'obsession steht da. Im Französischen klingt es melodiös wie la passion, wie etwas, das man durchaus genießen kann. Doch wie unbarmherzig klingt's in Germanien, eine tobende Wagnertuba ist nichts dagegen: "dauernde Belästigung, Verfolgung, Zudringlichkeit, quälender Gedanke, medizinisch: Zwangsvorstellung, fixe Idee, theologisch: Besessenheit."

Ich habe also nur drei Möglichkeiten, um zu gesunden:
Den Psychiater, den Exorzisten oder das, was der Franzose "s'abandonner à la luxure" nennt und der Deutsche "sich ausleben": Sich an den Luxus verlieren ... hemmungslos schreiben, schöpfen, schreiben...

Deshalb gehen jetzt noch fünf Seiten Übersetzungsüberarbeitung. Statt freiem Abend vom freien Tag.

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