Der Kampf mit der Größe

Menschen, die ihr Schreiben vervollkommnen wollen, empfehle ich nie Schreibratgeber, sondern Lesen, Lesen, Lesen - über den eigenen Horizont hinaus, möglichst vielseitig und mit dem Bleistift in der Hand (und natürlich Schreiben, Schreiben, Schreiben - Kunst kommt bekanntlich von Können, also auch von Übung).

Ich selbst mache das außer beim entspannenden Schmökern oder Erstlesen auch. Ein Autor fasziniert mich mit seinen rasanten Dialogen? Also lese ich die besten Dialoge mehrmals und schaue mir genau an, wie er sie aufbaut. Einmal wollte ich dahinterkommen, wie es Jonathan Safran Foer in seinem ersten Roman "Alles ist erleuchtet" schafft, mir das Gefühl zu vermitteln, dass dieses Buch vor lauter Geschichten, Leben und Personen zu kochen scheint. Ein Traum, scheinbar vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen und ein Buch so voll Leben zu stopfen, dass es zu explodieren scheint. Wie macht der das?

Viele Blatt Papier später war ich um einige Analysen seines Texts reicher, staunte aber vor allem ein Blatt an. Dort hatte ich versucht, eine Art Plotschema zu erstellen, herauszufinden, wann welche Zeitebene "dran" ist, wann er wohin wechselt. Und siehe da, ein Mister Frey hätte dem Mister Foer wahrscheinlich seinen Ratgeber um die Ohren geschlagen, denn der Mister Foer machte gar nichts "richtig"! Das war das reine Chaos. Der Mann bricht seine eigenen Linien, bringt genau das Unerwartete, manchmal sogar genau das, was sonst keiner machen würde aus Furcht vor Langeweile. Sobald ein Schema auch nur erkennbar wird, bricht er es durch Chaos auf - was natürlich in sich eine wunderschöne Ordnung ergibt und das Gefühl, man lese Leben - und nicht ein Buch.

Das nur als kleines Beispiel, was man alles von guten Büchern lernen kann. Auch besonders schlechte Bücher sollte man sich hin und wieder gönnen - hier lernt man nämlich fein, wie man es nicht machen sollte und wo die Fallstricke liegen. Wenn wir bei einem grottenschlechten Text lachen müssen, empfiehlt es sich, einmal genau hinzuschauen, was einen zum Lachen bingt und diesen Effekt verursacht. Nicht selten fühlt man sich dann bei eigenen Marotten ertappt, die man künftig noch besser im Zaum hält. Allerdings schaffe ich solche Quälerei dann wirklich nur zur kurzen Analyse...

Meine Lernmethode hat allerdings einen großen Nachteil. Sie verhagelt mir nämlich auch schon mal das eigene Schreiben. Es gibt da eine Szene, in der jemand ausgerechnet am Lido in Venedig stirbt, ausgerechnet etwa zur gleichen Zeit wie ein Herr Aschenbach - und das Schlimmste ist, dieser Sterbende inszenierte sich selbst noch zu Lebzeiten als Aschenbach, war ganz verliebt in Thomas Manns "Tod in Venedig".
Mein Problem: Auch ich bin zeitlebens verliebt gewesen in diese Novelle, kenne sie fast auswendig, habe inzwischen zwei Ausgaben zerfleddert vom vielen Lesen, Hinschauen, Genießen. Mit achtzehn Jahren habe ich eine größere Arbeit darüber geschrieben. Für mich ein grandioser Text (ob man ihn mag oder nicht), ein ganz großer Text.

Bestimmt habe ich davon eine Menge gelernt. Aber das hilft mir in meinem Fall überhaupt nicht. Ich ertrage nämlich meinen eigenen Text nicht. Der Mann, der bei mir stirbt, gerät mir in meinen Augen lächerlich, nichtssagend, platt. Ich ertrage meinen eigenen Text kaum drei Zeilen weit. Ich lache über jede einzelne Zeile: grottenschlecht. Ich versuche, es ganz anders zu machen, mich völlig zu entfernen, aber es geht nicht. Der Schatten des Meisters schwebt über jeder kleinen Badehütte. Zu dumm, dass der Mensch, über den ich schreiben muss, ausgerechnet diesen Tod an diesem Ort zu dieser Zeit tatsächlich starb. Meine Rettung ist der Sachtext: Ich kann mich drücken. Ich kann feige ausblenden und so tun, als sei ich Nachrichtensprecher. Sache, mehr nicht. Aber ich habe klein beigegeben.

Im Moment lese ich noch so ein ganz persönliches "Lähmungsbuch". Einer der großen Erzähler ist für mich Colum MacCann, wobei mir seine Bücher allerdings sehr unterschiedlich gefallen - das letzte z.B. trotz brillanter Schreibe gar nicht. Aber das, womit ich ihn entdeckt habe, war auch nach dem zweiten Lesen noch so grandios, dass es mir Schauer über den Rücken jagte: "Der Tänzer". Eine Roman, eine Fiktion über ein Leben, das es wirklich gegeben hat - und trotzdem ist es keine Biografie von Nurejew. Im Moment lese ich es zum dritten Mal, weil ich herausfinden will, woher die Gänsehaut kommt.

Aber je mehr ich analysiere (so langsam kenne ich einige seiner in allen Büchern wiederkehrenden "Techniken"), desto mehr wird mir wieder klar, welche Welten zwischen analysierbarem Handwerkswissen und unbewusst arbeitendem schöpferischem Talent liegen. Was er macht, kann man nicht nachbauen. Man hat es oder man hat es nicht. Weil es zur unverwechselbaren Persönlichkeit eines Autors gehört. Natürlich kann man es nachträglich untersuchen und benennen. Aber es ist eben kein Bausatz, sondern "typisch MacCann". Es sind diese Feinheiten, an denen man auch einen Thomas Mann sofort aus hundert Texten heraus erkennt.

Ich habe einmal einem Kollegen gesagt, ich würde nie einen Roman über Nijinsky schreiben können, weil meiner Meinung nach "Der Tänzer" jeden weiteren - schwächeren - Roman über einen Tänzer unmöglich gemacht hat. Genauso, wie ein Sterben am Lido in Venedig nur immer ein Abklatsch im Schatten des Meisters sein kann. Manche Verlage denken oft anders. Sie machen Bestseller zu Steinbrüchen, schlachten erfolgreiche Bücher aus, kopieren endlos, solange ein Trend trägt. Es ist egal, wenn dann nur noch rostige Karkassen oder Fleischfetzen und Gebeine einer einst perfekten Gestalt geschaffen werden; Hauptsache, man kann aufs Buch drucken: "der zweite Thomas Mann" - "schreibt wie Foer und MacCann im Venedigrausch". Und es ist auch nicht weiter traurig, wenn es einen Vampirroman trifft, den in fünf Jahren vielleicht sowieso keiner mehr liest. Aber wie weit ist ein Autor bereit zu gehen bei solcher Leichenfledderei? Die Freude, in einem Trend mitzuschwimmen, kann böse in ihr Gegenteil umschlagen: Wer Schreiben als Epigonentum begreift, wird vergleichbar, muss sich am Vorbild messen lassen.

Obwohl die bewusste Sterbeszene nie Eingang in meinen Text gefunden hat, habe ich noch fünf Fassungen davon geschrieben und immer wieder überarbeitet. Nicht etwa, weil ich glaube, an irgendein Vorbild je heranreichen zu können. Ich benutze diesen Text, um mich kennenzulernen. Wenn ich nämlich analysieren kann, was typisch Mann, Foer oder MacCann ist, dann kann ich gerade an solchen "zu nahen" vergleichbaren Texten herausfinden, was typisch für mein eigenes Schreiben ist. Wenn ich hier den selbstkritischen Blick schaffe, geht mir auf, wo meine Stärken liegen, wo ich nur nachahme oder wo ich bis zur Lächerlichkeit versage. Und das lehrt mich sehr individuell, vielleicht eines Tages noch bessere Texte zu schaffen.

Früher, in der Schule, haben wir mit "Tod in Venedig" herrlich respektlos gespielt. Eine Woche lang mussten wir den Plot jeden Tag neu als Kurzgeschichte schreiben und dabei absichtlich und möglichst nahe große Schriftsteller nachäffen. So entstanden Thomas-Mann-Kopien von Möchtegern-Brechts, falschen Goethes, Schillers und Tucholskys. Sogar Theodor Storm oder Peter Weiss mussten ran. In der Woche darauf verwandelten wir uns in Kritiker eben dieser Texte. Aber nicht etwa in objektive, wohlerzogene Kritiker! Jeden Tag waren wir jemand anders: Die Hausfrau und Mutter, die ihre pubertären Söhne bedroht sah, der Psychoanalytiker, der Pfarrer oder auch mal Reich-Ranicki.

Wir haben kopiert, getan als ob, Theater gespielt. Mehrere Wochen lang. Der Text führte längst ein Eigenleben. Dabei haben wir nicht nur viel über den Originaltext und die verwursteten Schriftsteller gelernt. Man lernt sich vor allem selbst kennen bei solchen Rollenspielen, bis zum Erschrecken sogar. Der eigene Horizont weitet sich. Wir wurden schreibwütig, aber diesmal ohne Rücksicht auf Verluste. Wir hatten die Nase voll, ein anderer zu sein und Menschen nachzuäffen. Wir wollten nur noch etwas sehr Eigenes schaffen. Zur Nachahmung - nicht nur in Schulen - dringend empfohlen!

Kommentare:

  1. Lesen und die Analyse des Gelesenen sind für mich Grundvoraussetzungen jedes Schreibens - mit den geschilderten Gefahren. Weil ich mich aber immer noch nach dem Leserausch sehne, der leider immer seltener eintritt, lese ich Bücher meistens zwei Mal. Zunächst als "normaler" Leser in einem Rutsch. Am Ende frage ich mich: Was hat dir gefallen, was nicht? Dann suche ich nach den Gründen. Im Moment zum Beispiel lese ich gerade "Cash" von Richard Price und bewundere seine Dialoge. Wie macht er das nur, dass so buntes Kopfkino entsteht? Ich finde es heraus. Hoffentlich.

    P.S. Was für einen wunderbaren Deutschunterricht Sie hatten, Madame! Beneidenswert!

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  2. Geht mir genauso mit dem Leserausch (bei meinen Lieblingsbüchern in einem früheren Beitrag hatte ich ihn). Es gibt ihn noch, aber ich werde immer verwöhnter...

    Mein Deutschunterricht war wohl nicht ganz normal, trotz Leistungskurs. Unser Lehrer, ein herrlich querköpfiger und leicht genialischer Hugenotte, riskierte mehrfach Verwarnungen, dass man ihn der Schule verweisen würde, weil er seinen Lehrplan selbst schrieb. Dazu gehörten dann auch Gastbesuche bei den Germanisten an der Uni, die uns fürs fünfte Semester hielten. Parallel in Geschichte lasen wir zwei Jahre lang alle wichtigen Originalquellen der Französischen Revolution.

    Zum Glück blieb er dickköpfig und gab nur den Rotwein und die Gauloises auf, die er während des Unterrichts konsumierte.
    Ich vergesse ihn nie. Als ich von meinem Studienwunsch erzählte, schaute er mich ernst an und sagte: "Machen Sie von mir aus jeden Quatsch im Leben, den Sie meinen, machen zu müssen. Aber versprechen Sie mir, nie mit dem Schreiben aufzuhören."

    Ich bin mal gespannt auf die Dialogtricks!

    PS: Waren wir nicht schon mal beim internetten Du? Dieses "Madame" klingt immer so bourgeois-amtlich ;-)

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  3. Ja, wir waren schon beim Du und sollten dabei bleiben. Ich duze nette Menschen gerne.
    Habe mich nur von dem Wort Madame zum Sie verführen lassen. Es kling so schön ...

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  4. Ich habe schon oft versucht, meinen geliebten Nesser zu analysieren. Manchmal schaffe ich es sogar, ein paar Seiten lang. Doch irgendwann kommt dieser frische elegante Wind und zieht mich mit, und plötzlich, ein paar Seiten später, denke ich, Mist, du wolltest doch...
    Also noch mal lesen.
    Es gelingt ihm immer wieder, diesem Kerl, und dafür liebe ich ihn.

    Neulich half er mir aus der Klemme. Ich war unsicher, wie ich die Perspektiven mischen kann, ohne zu irritieren, außerdem hatte ich im Schreibratgeber gelesen, man mache das nicht.

    Nesser machte es.

    Was ein Trost, auch wenn ich gegen diesen Achttausender nicht mal ein Kieselstein bin.

    Auf der anderen Seite – wenn man hinunterschaut, wird man sehr viele kleine Sandkörner finden. Also Nase runter und entspannen ;)

    PS: Auch ich beneide dich um deinen Deutschunterricht

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  5. Apropos Deutschunterricht, da fällt mir was ein. Wir hatten einen
    in den letzten drei Klassen, der ist mit uns ins Café gegangen, um Homo Faber von Max Frisch zu lesen. Dessen Stil tauchte dann zeitweise in meinem Tagebuch auf ...aber demonstrieren gehen wollte der Deutschlehrer nicht mit uns, er hatte Familie.
    Eine Text in verschiedenen Stilen zu schreiben, finde ich genial!
    Zum Lesen: Ich bin auch sehr anspruchsvoll gworden. Bei mir ist immer ein innerer Lektor tätig, und nur bei wenigen Büchern schaltet er sich ab. (zum Beispiel Füllwörter und wenn alles noch mal erklärt wird, nachdem der Dialog oder der Satz schon alles beinhaltet.) Auch fallen mir Satzstellungen auf, die mein voriger Lektor bei mir immer angestrichen hat. Spontan fällt mir Hans-Josef Ortheil ein-bei dem habe ich zum Beispiel alles beim Lesen vergessen.

    Herzlichst
    Christa

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  6. Die Sache mit dem inneren Lektor habe ich zeitweise ganz schlimm erlebt, ich war ja jahrelang Kritikerin im Feuilleton für Literatur, Musik und Film. Was hatte ich Angst, all das eines Tages nicht mehr unvoreingenommen genießen zu können!

    Es geht trotzdem! Im Gegenteil, ich habe sogar vieles, vor allem mir vorher Fremdes, stärker genießen können, was mir vorher vielleicht ein wenig verschlossen war. Man kann z.B. Klassik oder indische Tablamusik zwar rein emotional aufnehmen, wenn man aber mehr darüber erfährt, genießt man ganz andere Feinheiten oder hört Dinge, die vorher nur wie Brei klangen. Das ist bei Literatur nicht anders.

    Dadurch, dass man aber Schund und Stuss sehr viel schneller erkennt, wirft man es auch schneller in die Ecke. Nur - ist das so schlecht? Es erspart einem doch Zeit - für die Dinge, die einem wirklich gefallen.

    Was ich liebe: Bücher, die ich extrem langsam lesen mag, weil ich mir jedes einzelne Wort, jeden Satz auf der Zunge zergehen lassen möchte.
    Es ist nicht so, dass es weniger davon gibt, sie sind nur leider immer schwerer zu finden.

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