Lektorenrache, Killerargumente, Franzenfreude

Heute wird mal wieder quergelesen.
Das Blog des Oreilly-Verlags bringt einen Beitrag mit dem Titel "Killerargument: Dafür haben wir keine Zeit", der sich zwar an Verlage richtet, aber durchaus Lesewert für andere Menschen ohne Zeit hat. Und Autoren können so erfahren, dass dieses Argument, wenn es überstrapaziert wird, nicht von gesunder Unternehmenskultur spricht. Meine subversive Idee für die Branche: Warum nicht vor dem Social-Media-Betreuer mal einen Autorenbetreuer einstellen?

In "A Touch of Franzenfreude" geht Katha Pollitt im Guardian der Frage nach, ob Schriftsteller vom Feuilleton anders behandelt werden als Schriftstellerinnen. Auch wenn Feuilleton in unterschiedlichen Ländern sehr unterschiedlich tickt, darf man hierzulande die Frage ernst nehmen, warum es den Ausdruck "girl genius" nicht gibt. In deutschsprachigen Landen sprach das Feuilleton vor Jahren lieber vom "Fräuleinwunder" und tat so, als eroberten Frauen die bisher männliche Domäne der Hochliteratur hauptsächlich deshalb, weil sie jung und hübsch waren. Was sie danach auch zu sein hatten.

Tatsache ist: Etwa in der New York Times bekommen Autoren mehr Rezensionen als Autorinnen - und das ist nicht nur dort so. Wenn Männer über Familie schreiben, frohlocke das Feuilleton über ein Buch, das sich mit dem Land und großen menschlichen Themen beschäftige, wenn Frauen über große Themen schreiben, werfe man ihnen emotionale Befindlichkeiten vor. Und schließlich spiele es immer noch eine eklatante Rolle, ob der Autorenname oder das Pseudonym als männlich oder weiblich erkannt werde.

Nun ist der amerikanische Buchmarkt ganz und gar nicht mit unserem zu vergleichen. Nachdenken und vielleicht endlich einmal Studien zum Thema lohnen sich jedoch. Im deutschen Buchmarkt stellt das Heer der Frauen vor allem Autorinnen in der Unterhaltungsbranche und Auftragsschreiberinnen, während das, was man gerne als "E" oder Literatur bezeichnet, Frauen noch nicht so lange offensteht. Ein Blick auf die Geschlechterverteilung bei den großen Stipendien und Literaturpreisen des Landes lohnt ebenfalls. Aber genau diese Literatur wird von den Feuilletons bedient, die andere eher ironisch belächelt. In der deutschen Buchbranche findet man männliche Lektoren in nennenswerter Zahl noch in Sachbuchverlagen und Literaturverlagen - das Gros der Unterhaltungsliteratur wird von Lektorinnen ausgewählt und bearbeitet. Genderfragen ließen sich auch beim Betrachten von Verlagshierarchien stellen und beim Heer der Billigarbeiter im Outsourcing.

Ich habe vor vielen Jahren einmal die Frage mit Kolleginnen diskutiert, warum Frauen so selten die Härten auf sich nehmen, "richtig Kunst zu machen", warum viele von ihnen sich als Lohnschreiberinnen verdingen oder "Leichtes" schreiben, obwohl es sie nach eigener Aussage unzufrieden macht. Interessant, dass die meisten der Autorinnen nicht die Branche als Verhinderungsgrund angaben, sondern den Wunsch nach einem "normalen Familienleben". Die Rolle, die man von Partnerinnen vieler großer Künstler kennt, diese bedingungslose Unterstützung der Arbeit und Karriere, das Freihalten vom Alltag und womöglich Zuarbeiten bei der Kunst - ist beim anderen Geschlecht noch nicht überall angelangt. Oder brauchen wir vielleicht völlig neue Rollen? In jener ganz und gar nicht repräsentativen Diskussion klagten einige Autorinnen, sie müssten sich irgendwann zwischen Ehe und Kunst entscheiden, bräuchten jedoch die Ehe, um sich die Kunst leisten zu können. Das kann es irgendwie nicht sein...

Hier würde ich mir eine Studie wünschen, die einmal eruiert, ob Frauen tatsächlich anders schreiben als Männer - und das nur, weil sie Frauen sind - oder ob es womöglich eher an den Lebensbedingungen liegt, wie jemand schreibt. Denn diejenigen, die wirklich wollen, beißen sich auch durch, egal welchen Geschlechts sie sind. Was aber, wenn das Feuilleton als zu einseitiger Filter dann tatsächlich versagt und eine Hälfte der Menschheit übermäßig aussortiert?

Dafür habe ich noch zwei Herren der Schöpfung, die uns zeigen, dass zumindest beim Buch noch nicht alles verloren ist: Umberto Eco und Jean Claude Carrière haben nämlich ein faszinierendes Buch mit dem Titel "Die große Zukunft des Buches" geschrieben, das bei Hanser erschienen ist. Der NDR hat es gelesen.

Bücher wie diese brauchen die Buchschaffenden, um sich ihren Optimismus zu erhalten. Denn wenn man Buchtitel wie diesen auf den Büchertischen sieht, möchte man nur noch stöhnen: "Herr schmeiß Hirn ran!"

PS: Gerade vor Redaktionsschluss hereingeflattert: Publisher's Weekly: "Where Boys are not" über die Folgen einer überwiegend weiblichen Branche. Der Artikel befasst sich mit der guten alten Frage, warum Männer angeblich so wenig lesen - ob es nicht schlicht an Angeboten schon im Jungsalter fehle? Und es geht um die Frage, warum man sich darüber eigentlich einen Kopf mache, während man bei Krankenschwestern hinnehme, dass diesen Beruf mehr Frauen erlernen.
Meine Frage wäre eine ganz andere: Wenn Frauen tatsächlich so viel Macht in Verlagen haben, warum zementieren sie dann derart konsequent überkommene Rollenklischees?

PPS: Ein Blick in meine Empfehlungsliste feiner Verlage rechts im Menu lohnt sich. Da sind auch Verlegerinnen zu finden und ein ganz neuer Verlag, der zum Thema passt: die edition fünf

update
Das Thema "gender" liegt heute irgendwie in der Luft. Absolut druckfrisch will Der Freitag wissen, dass sich in der Musik Gleichberechtigung auch bei verbandelten Paaren breitmacht: 1+1=gleichberechtigt
Vorlaut habe ich bei Twitter nachgefragt, wie das bei Schriftstellern wäre. Aber dann fiel mir die Antwort in Form einer Gegenfrage gleich selbst ein: Vertragen sich denn überhaupt mehr als zwei Schriftsteller in einem Raum?

Kommentare:

  1. Liebe Petra,
    aus ihrem Artikel habe ich für meine Gedanken 2 Stichworte entnommen.

    Tim O'Reilly hat in einem Interview gesagt: "Die Nutzer entscheiden, was erscheinen soll"

    Ich glaube, das trifft auf diesen Fachbuchverlag wirklich zu und zwar nicht durch einen "Harry Potter Effekt", sondern eher durch einen Linus Torvalds Effekt oder andere Computertechnische Fortschritte, die nur wenige Menschen wirklich gut beschreiben können. Da gibt es dann nicht mehr viele Lektoren, die da überhaupt "reinreden" können.

    Wenn wir bei Fachbüchern bleiben. Zählen die denn nicht mit, wenn behauptet wird, Männer lesen nicht so viel. Klar, wir Fachidioten haben sicher mehr Programmier- und Computerbücher als Romane gelesen.

    Männer lesen eben andere "Literatur" ;)

    Gruß Heinrich

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  2. Lieber Heinrich,
    ich glaube das nicht mit den Männern und den Fachidioten!

    Meine These ist die, dass Publikum allgemein immer mehr für dumm verkauft wird, ähnlich wie zu den Zeiten, als das Privatfernsehen entstand. Und dann wird O'Reillys Aussage zur "selffullfilling prophecy": Verzichte ich darauf, mein Publikum (thematisch wie formal) zusätzlich immer wieder neu herauszufordern und zu fordern mit einer Lektüre abseits des Meistgeforderten, dann wird mein Publikum eines Tages nicht mehr in der Lage oder gar gewillt sein, diese "Abseitslektüre" überhaupt noch zu lesen. Das betrifft Frauen wie Männer.

    Beispiel aus der freien Wirtschaft: Die berühmte Firma Haarfein kann sich als Marktführer für Eishampoo nur eine Weile auf ihrem Trend und Ruf ausruhen. Irgendwann können die Leute entweder kein Eishampoo mehr sehen oder es bleiben nur noch die langsam alternden Eierfans übrig. Diese Firma muss sich also sehr viele Gedanken machen, um neue Produkte zu entwickeln, mit denen sie Kundenkreise gewinnt, die sie noch gar nicht hatte. Vielleicht kommt sie auch auf die Idee, all diejenigen anzusprechen, die sich bisher so gut wie nie die Haare wuschen. Und sie muss sih um den Kundennachwuchs kümmern.

    Ich denke, der Fachbuchmarkt ist ein besonderer, weil der Bedarf einfach automatisch da ist (es lesen auch Frauen Fachbücher). Wenn ich Programmieren oder Sprachen lernen will, brauche ich Fachbücher - einen Roman brauche ich nicht unbedingt. Darum findet dann die Werbung auch eher in der Fachpresse statt als im Feuilleton.

    Ich glaube übrigens auch nicht an das Märchen, Männer läsen weniger. Die Zahlen sind schon von daher verfälscht, weil die Frauen eher einkaufen, Bücher an Männer verschenken, die Männer sich auch mal den Roman vom Nachttisch der Liebsten schnappen und nicht offen zugeben, dass sie ihn mochten. Buchhändler können da einiges erzählen. Was Männer nur mit spitzen Fingern anfassen, fassen auch immer weniger Frauen gern an. Da fehlen einfach echte, unverfälschte Zahlen, mir erscheinen die meisten Statistiken nur zur Untermauerung der eigenen Meinung angefertig zu sein.

    Wenn aber Kinder- und Jugendbücher bis zum Ersticken nach Regeln der Political Correctness gebürstet werden und so gar nichts Ruppiges mehr haben dürfen, wenn stattdessen Rosa-Prinzessinnenbücher fröhlich Urständ feiern, dann muss man sich nicht wundern, wenn man damit sowohl die wilden Kerls als auch die wilden Mädels zu NichtleserInnen von morgen macht.

    Gut, das ist meine subjektive Meinung: Ich glaube, Geschlechtergrenzen sind auch im Buchmarkt sehr viel fließender, als wir das oft glauben wollen. Ich bemerke das bei Auftritten immer wieder: Natürlich sitzen bei einer Lesung eines Frauenromans vllt. nur 2,3, Alibimänner im Publikum. Aber der Männeranteil richtet sich erstaunlicherweise eher nach der Art der Veranstaltung als nach dem Buch. Und da muss man die Leute "abholen"...

    Sie lesen doch auch Bücher von Frauen - warum eigentlich? ;-) (Ich bin wirklich neugierig)
    Schöne Grüße,
    Petra

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  3. Wieso kam der Kommentar mit Falschschreibung durch, obwohl ich korrigiert hatte? Seltsam.
    Es muss natürlich heißen:
    self-fulfilling prophecy

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  4. Sie lesen doch auch Bücher von Frauen - warum eigentlich? ;-) (Ich bin wirklich neugierig)

    Oh, jetzt haben Sie mich auf dem kalten Fuß erwischt, weil ich mich nicht erinnern kann, darüber schon analytisch nachgedacht zu haben,

    Provokativ würde ich spontan sagen: Bücher, die Frauen nur für Frauen geschrieben haben, lese ich aus Trotz, oder weil ich verstehen will, warum einige Frauen die Kerle hassen. Da ich aber gut erzogen und höflich bin, betrachte ich solch eine Autorinnendirektive wie eine Nichteinladung und betrete nicht unaufgefordert das Heim der Dame.

    Wenn Frauen für alle Menschen schreiben, muss es mir nur gefallen, wie bei männlichen Autoren auch. Ich habe auch die ersten 3 Harry Potter gelesen, und wenn eines Tages bekannt würde, dass die Autorin ein Mann ist oder sich inzwischen hat umwandeln lassen, würde mich das in keiner Weise stören. Ich kenne eine Chefin einer großen Firma, die früher ein Mann war. Die hat ihre Qualifikation, ihre Fähigkeiten und Talente nicht vor dem OP-Saal abgegeben. Das Geschlecht spielt also immer nur eine Rolle, wenn es bei der Einsortierung von Vorurteilen benötigt wird, oder weil jemand sich nicht traut, ein Talent zu zeigen, welches von der Gesellschaft dem anderen Geschlecht zugeschrieben wird.

    Aber bei den meisten Büchern ist mir das Geschlecht des Autors oder der Autorin egal. Sie sollten sich beide nicht an Themen wagen, von denen sie nichts verstehen, oder sich gut beraten lassen.

    Woran es liegt, dass Frauen und Männer von einigen Themen nichts verstehen, wissen wir alle. Da man beim Bücherschreiben nicht 120 kg schwere Füller benötigt, ist die Muskelkraft auch nicht entscheidend.

    Aber wenn die Hormone einen Anteil an schriftstellerischen Talenten haben, kann man in einigen wenigen Büchern sicher durch aufmerksames Lesen das Autorengeschlecht erkennen?!

    Ich finde also spontan keinen expliziten Grund, warum ich Bücher von Frauen lese.

    Eine andere Sache:
    Mir fallen viele Autorengespanne ein (Ich las gerade Preston und Child - Riptide) Auch ein Buch von einer Frau und einem Mann geschrieben liegt noch auf meinem Nachttisch (Das Spiel - Eigen/Winkler), aber ein Buch von 2 Frauen geschrieben wüsste ich nicht auswendig. Vielleicht ist das doch ein Indiz, dass ich die Autorinnen vernachlässige, obwohl ich alle bekannten Krimiautorinnen kenne. ;)

    Gruß Heinrich

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  5. Kurz angebunden, weil ich Arbeit aufholen muss...
    Zwei Zitate von Ihnen gefallen mir besonders:
    "Wenn Frauen für alle Menschen schreiben, muss es mir nur gefallen, wie bei männlichen Autoren auch.
    Sie sollten sich beide nicht an Themen wagen, von denen sie nichts verstehen, oder sich gut beraten lassen."

    Schöne Grüße,
    Petra

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