Die richtige Leserin

Nennen wir sie Dagmar. Dagmar ist eine gebildete, kunst- und kulturbegeisterte Buchliebhaberin, der ich über Projekte mehr erzählen kann als anderen, weil sie obendrein wunderbar dicht hält. Solche Gespräche braucht man als Autorin hin und wieder, damit der Kopf in der Mitte des Halses zu sitzen kommt. Dann aber gibt es Dialoge, die mich ratlos zurücklassen - wie der folgende.

Es geht um das Nijinsky-Projekt und mögliche Lösungen im Layout.
"Du kannst aber nicht vom Leser verlangen, dass er im Buch herumspringt!"
"Ich hätte den eigentlichen Text gern als Fließtext, ununterbrochen. Man könnte das so lösen, dass er immer auf der rechten Seite steht."
"Wie soll das gehen, ein Buch muss man doch von vorne nach hinten lesen!"
"Kann man ja, aber eben immer auf den rechten Seiten. Links kämen dann die kleinen Geschichten."

Dagmar verschwindet und kommt mit einem gebundenen Buch von Suhrkamp wieder.
"Schau, der macht so einen Blödsinn auch nicht und das ist ein gutes Buch."
"Aber Dagmar, das ist etwas völlig anderes. Das ist ein Band mit Erzählungen."
"Aber du erzählst doch auch, hast du gesagt. Erzählungen müssen von vorn nach hinten laufen. Kein Leser wird herumblättern."

Ich habe das Gefühl, mich vielleicht nicht treffend ausgedrückt zu haben. Ohne Papier und Bleistift ist es schwer, solche Ideen zu beschreiben. Ich fange noch einmal von vorn an, dass der Text ja ursprünglich fürs Hören konzipiert war und schon von daher anders ist. Dagmar macht mich darauf aufmerksam, dass man auch von vorn nach hinten hört und nicht durcheinander. Recht hat sie. Aber dann bekommt sie einen misstrauischen Blick.

"Du erzählst doch, warum kannst du das nicht einfach aufblasen?"
"Weil der Text so wie er ist, perfekt ist, absolut geschliffen wurde."
Dagmar macht sehr große Augen und fragt zögernd: "Aber das ist doch kein Sachbuch, oder?"
"Naja, kein normales Sachbuch. Ein erzählendes Sachbuch."
"Also doch ein Roman mit Tatsachen?"
"Nein, ein erzählendes Sachbuch, Erzählpassagen und Fakten. Stell's dir vor wie ein Radiofeature, wo es zwischen der Handlung Informationen gibt."

Jetzt ist Dagmar vollkommen perplex und erschüttert.
"Du schreibst schon wieder kein richtiges Buch?!? Aber du hast doch gesagt, du erzählst!"
"Was ist ein richtiges Buch, Dagmar?"
"Sachbücher jedenfalls nicht. Das ist nur aufgeschriebenes Wissen. Richtige Bücher, das sind Romane. Schau mich an, ich bin eine richtige Leserin, ich lese nur Romane. Deshalb mag ich keine Biografien und keine Sachbücher, das sind keine richtigen Bücher."
Nun bin ich perplex.
"Dann bin ich auch keine richtige Autorin?"
"Nein, wenn du nicht bald einen Roman schreibst, bist du das nicht."
"Aha."
"Warum machst du so einen Quatsch? Schreib doch die Anekdoten und deine Artikel in den Text rein, richtig rein. Dann druck das von vorn bis hinten und dann hast du auch einen Roman."

"Liebe Dagmar ... Romane sind anders. An dem würde ich noch mindestens ein Jahr sitzen."
"Dann machst du was falsch."
"Naja, ich habe noch zwei Jobs nebenher."
"Die Ingrid Noll schreibt schneller und die ist gut. Du brauchst doch kein Jahr für einen Roman, die sind alle schneller!"
"Das kommt immer auf die Romane und die Autoren an. Ich wüsste nicht einmal, ob ich einen schaffen könnte, der in meinen Augen gut genug ist."
"Du musst doch nur erzählen, also so richtig von vorn bis hinten, dann ist das ein Roman. Und dann kriegst du auch endlich richtige Leser."

Kommentare:

  1. ""Du schreibst schon wieder kein richtiges Buch?!?"
    LOL!
    *Lachtränen wegputz*

    Ja, guck mal, dabei isses so einfach - bloß von vorn nach hinten schreiben und das möglichst schnell. :)))

    *plong* *plong* *plong*
    Das war die Tischplatte und mein Kopf.
    Ich muß hier weg, sonst platz ich

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  2. Gnädche frau,

    sagensema Dagma, se habe aba vaflixt wenich Fantasie, wennsese das nich voaschtelln kann. Wo soga ich das vaschteh, wasse da voageschlagn haaam!

    Hochachtungzfoll

    Sabine

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  3. Mehr von Dagmar!
    Ich wüsste gerne, welche Frisur sie hat, ob sie zum richtigen Frisör geht oder nur die Haare schneiden lässt. Ob sie richtig Auto fährt oder nur von A nach B kommt (per Abstand, nicht per Parabel).
    Liest sie Bedienungsanleitungen?
    Gib ihr bitte schnell ein gut geschriebenes Sachbuch. (Jetzt hatte ich gerade „Sachbauch“ geschrieben, auch schön, gib ihr einen Sachbauch!)

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  4. Ich mag das, wenn ich Leute mit Dingen zum Lachen bringe, die mich zum Heulen bringen.

    Was die fiktive Dagmar betrifft, so ist sie im Gegensatz zur fiktiven Tante Erna tatsächlich eine intelligente, patente, weltoffene und vielseitig interessierte Frau, mit der man sich sonst sehr gut über Bücher austauschen kann. Sonst.

    Das Problem von SachbuchautorInnen ist, dass da draußen verdammt viele Dagmars herumlaufen. Manche arbeiten sogar fürs Feuilleton.

    Sachbauch, ja. Nicht mal buchstabieren können die Leute diese Bücher zweiter Klasse. ;-))) Werde beim nächsten eine feine Marinade mitliefern, um den Sachbauch schön kross grillen zu können!

    Guten Appetit,
    die drittklassige Autorin zweiter Klasse

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  5. Comicleserin13/9/10 17:54

    Oje, da dachte ich, es käme eine Abhandlung über die "richtige Leserin", wie sie Autorinnen gerne hätten und dann...
    Andere Richtung, andere Geschichte.

    Aber nun hab ich diesen Blog in meinen Feedreader abbonnieren.
    Selbst schuld, weil ich bin Leserin.
    Ob eine Richtige, darüber dürfen sich Autorinnen auseinander setzen. Wenn sie es wollen.
    Aber das ist doch nicht wichtig. ;-)

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