Die Kraft der Kunst

Eigentlich geht es in dem Film, den ich jetzt empfehlen will, schon wieder um Musik. Aber die Dokumentation ist so exemplarisch, dass man viele der Erkenntnisse und Erlebnisse so oder so ähnlich in allen Künsten wiederfinden kann:
"Musik, mon amour", eine Doku von Daniela Schmidt-Langels, auf ARTE Wiederholung am 20.9.2010 um 10:40 Uhr und derzeit online ebenfalls dort anzusehen.
Aus der Programmvorschau:
"Musik, mon amour" ist ein Film über drei außergewöhnliche und äußerst unterschiedliche Musiker und Musikerinnen, für die die Macht der Töne zum Schlüssel ihrer Existenz wurde. Ein Jahr lang haben Daniela Schmidt-Langels und Günther Huesmann die Geigerin Midori, den Komponisten Helmut Oehring und die Sängerin Yasmin Levy bei ihrer künstlerischen Arbeit begleitet."

Dieses Jahr Arbeit hat sich gelohnt - nicht nur, weil dadurch eine oft fast intim scheinende Nähe zu den Musikern aufgebaut werden konnte. Ich empfand die Doku als eine Art "Schlüssel" zu tiefgehenden Fragen, die nicht nur Künstler umtreiben, sondern die vor allem Laien immer wieder stellen.

Was macht jemanden zum Künstler? Kann man das beschließen wie eine Berufswahl? Was unterscheidet den Künstler vom Kunsthandwerker? Was bedeutet das für einen selbst, "Kunst zu machen", was fürs Leben? Warum kann man sich über viele Dinge, die einem da "passieren", nicht mit allen Menschen austauschen?

Dadurch, dass die drei Künstlerpersönlichkeiten so unterschiedlich gewählt waren, wurde das breite individuelle Spektrum im Künstlerdasein deutlich. Die Geigerin Midori fing im frühen Kleinkindalter an, war schon als Kind berühmt und erzählt, wie sie ihr Perfektionismus und der Selbstanspruch in die Magersucht trieben. Yasmin Lévy sang zuerst aus Lust mit der Mutter in der Küche und bewahrt nun das Erbe ihres Musikervaters, indem sie sich der Erhaltung sephardischer Gesänge widmet. Und Helmut Oehring musste Jahre der Ausgrenzung und Schulprobleme erleben und unter seinem "Anderssein" leiden, bis er mehr oder weniger durch Zufall entdeckte, dass er Künstler war und Komponist sein musste.

Allen dreien gemeinsam ist das "Mysterium Kunst", das auch nach der Doku grandios bleibt und nicht wirklich zu definieren ist. Es packt einen, auch wenn man sich wehrt - und dann kann es einen bis zur Krankheit "schlagen", bis man aufwacht und sich "ergibt". Es ist von frühen Kindesbeinen an erkennbar und kann gefördert werden, aber auch unterdrückt - und doch bricht es sich Bahn selbst unter den schwierigsten Bedingungen. Es ist existentiell, fast gleichgesetzt mit dem Leben. Es gibt Tage ohne Konzerte oder Übungen, ohne Anhören, aber es gibt keine Minute ohne den Musiker im Menschen.

Und weil es alles verlangt, mit Haut und Haar, führt es den Künstler stellvertretend dorthin, wo sich der Mensch normalerweise gern drückt: in die inneren Abgründe, ins Angesicht des Todes, in die eigenen inneren Verletzungen, die Trauer, aber auch das Glück. Kunst als Therapie macht keine Künstler, aber Künstler benutzen ihre Kunst auch als Schutzraum, als Stabilität gebende Orientierung und Fest des Lebens. Wird der Künstler am Ausüben seiner Kunst gehindert oder hindert er sich gar selbst an der letzten Konsequenz, wird er unweigerlich krank. Aber - das zeigt Midori sehr deutlich - er wird auch krank, wenn die Kunst der Perfektion zum Opfer fällt, dem Erfolg geopfert wird, wenn immer die gleichen Fragen sich im Kreis drehen.

Kunst ist nicht ohne Leben denkbar und Leben nicht ohne Kunst - so einfach ist das für Künstler und so brutal hoch ist der Preis, den sie freudig dafür zahlen. Was es wirklich bedeutet, hat diese Doku ein wenig erhellen können, aber sie hat auch deutlich gezeigt: Es ist furchtbar einsam in letzter Konsequenz. Irgendwann gibt es nur noch zwei unterschiedliche Mitteilungsebenen. Über das, was die Kunst mit einem macht, über künstlerische Fragen kann man fast nur noch mit denen sprechen, die es ebenfalls kennen. Die anderen - das ist das Publikum. Gibt man sich mit Haut und Haar, kann das Publikum manchmal die Magie erspüren, kann sich bewegen zwischen Todesnähe und überschäumendem Leben, erfährt einen Horizont, der so weit wird wie die letzten großen Fragen.

Und deshalb ist Künstlersein auch eine der schönsten Berufungen der Welt - wer sonst hat so viel Zeit und Energie, sich mit dem Woher, Wohin und Warum zu beschäftigen - und diesen Zauber auf andere zu übertragen?

Erschütternd fand ich an dem Film, welch existentielle Wunden dann ein kunstfeindliches Umfeld schlagen kann, obwohl es so leicht wäre, Kreativität früh zu fördern - und wie viel Lebenszeit dagegen verloren geht, wenn Talente nicht entdeckt oder missdeutet werden. Dann wird "Anderssein" zum Stigma statt zur Chance. Und schnell ist dann das dumme Klischee vom "verrückten" Künstler zur Hand. Die drei Musiker waren ein schönes Beispiel dafür, dass Künstler genauso beschädigt und verletzt sind wie andere Menschen, aber ihre unwahrscheinliche Kraft unter anderem daraus ziehen, dass sie offenen Auges ins Dunkel schauen. Weil es dazugehört.


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