Die wilde "Krankheit" Schreiben

Sich leer schreiben - geht das? Wenn man nicht mit seinen kreativen Kräften haushaltet, ist dieser Punkt tatsächlich  manchmal schnell erreicht. Und dann hilft nur noch das Abschalten und die Rückkehr ins Leben. Die Krimiautorin Friederike Schmöe schreibt in ihrem Blog unter dem Titel "Nicht blutig kratzen!" einen lesenswerten Beitrag über die Symptome, wenn Autoren zu schnell zu viel wollen. Im gestern von mir empfohlenen Film erzählt die Geigerin Midori von einer ähnlichen Selbstüberforderung, die bei ihr dort endete, wo Friederike Schmöes Überschrift anfängt: Midori peitschte sich selbst derart zur Perfektion, dass sie sich irgendwann nur noch spürte, wenn sie den Schmerz empfand, den sie sich in ihre Arme ritzte

Das Problem ist nur: Wenn man es nicht richtig macht, kann es auch wehtun! Wenn man das Schreiben zu sehr vermeidet, kann es sogar krank machen. Diese wunderliche Erfahrung habe ich gerade hinter mir. Die ersten Symptome rechnete ich einer völlig logisch erklärbaren Erschöpfung zu, die zwangsläufig kommen musste bei meinem verrückten Arbeitspensum. Doch letzte Woche wurden die Symptome massiver. Ich wachte morgens so erschöpft auf wie noch nie. Nichts ging mehr, alles war mir zuviel, Telefonate bedeuteten einen Kraftaufwand - aber das Schlimmste war: Ich konnte mich absolut nicht mehr konzentrieren. Ich war "Gemüse", wie man so schön sagt.

Also habe ich brav Leben und Muße eingeschaltet, mir gesagt, ich sei einfach gefährlich überarbeitet und dagegen helfe nur Faulenzia und Wohlleben. Ich verdödelte gezielt meine Tage mit Freunden, schönen Dingen - und fühlte mich nur noch schlechter. Ich konnte nicht mehr denken. Das Überarbeiten der Übersetzung in Miniportionen war eine Qual. Nach einem weiteren sonnigen Tag auf der faulen Haut wachte ich mit einem steifen Hals und schmerzendem Genick auf. Na, fein, dachte ich, jetzt hast du nicht aufgepasst und Zug abbekommen, komisch gelegen vielleicht. Ausgerechnet das auch noch! Aber dagegen gibt es ja zum Glück Salben. Die jedoch überhaupt nichts ausrichteten...

Ich wurde unleidlich. Fühlte mich innerlich irgendwie unbeschreiblich schlecht. Als auch noch die Zähne anfingen zu schmerzen und ich das Gefühl hatte, Fieberschübe zu bekommen, die seltsamerweise nicht messbar waren, beschloss ich brav, in den nächsten Tagen zum Arzt zu gehen. Ich hoffte nur inständig, nicht von irgendeinem dummen Virus an den noch anstehenden Konzertbesuchen gehindert zu werden. Um diese Hoffnung zu verstärken und mich ein wenig abzulenken, legte ich eine CD mit Schostakowitsch ein, von einem der Pianisten, die ich gerade live gehört hatte.

Was dann kam, hielt ich zunächst für eine Fieberattacke. Ich schien nämlich nicht mehr klar zu denken. Fing plötzlich an, meine Wohnung umzuräumen, um Platz für den "Winterschreibtisch" zu schaffen. Der steht im Winter vor einem Südfenster, um möglichst viel Licht zu tanken. Zwischendurch sagte ich mir, es sei verrückt, mit einem solch schmerzenden Genick zu putzen und Möbel zu rücken, aber ich hörte nur noch die Musik und war wie in Trance.

Als Laptop und Lampe auf dem neuen Tisch standen, setzte ich mich hin, fuhr den Computer hoch und bekam einen schrecklichen Anfall. Anders kann man das nicht beschreiben. Da waren nur noch diese Musik und eine andere Welt und ich hackte in die Tasten wie eine Verrückte. Ich schrieb genau das, was ich seit Jahren erfolgreich zu verhindern versuchte, was ich mir nicht zutraute, was mir nicht "vernünftig" genug erschien. Ich schrieb, was ich mir seit Monaten versage, weil es nicht in mein ohnehin dichtes Arbeitspensum passte. Ich schrieb wie im Traum, war ganz drinnen und erschrak beim Lesen dann über das, was ich zustande gebracht hatte. Es war gut, richtig gut. Und diese Welt war mir so nahe, dass ich glaubte, sie berühren zu können. Noch mehr aber erschrak ich über meinen "Virus".

Der hatte sich nämlich völlig verabschiedet, schlagartig. Obwohl ich alles dafür getan hatte, meinen Hals noch mehr zu belasten, drehte sich der Kopf plötzlich wieder frei, waren die Schmerzen auf einen Schlag verschwunden. Keine ominösen, nicht messbaren Fieberschübe mehr. Dafür trieb mich großer Appetit in die Küche, zahnschmerzfrei. Und heute könnte ich Bäume ausreißen, voller Schaffenskraft - geheilt von sieben Seiten Rohtext...

Mir fiel dann auf, dass die seltsame Krankheit im letzten Konzert angefangen hatte, als mir schlagartig klar wurde, mit welch eiserner Konsequenz so ein Musiker seinen Weg geht. Richtig ausgebrochen war sie, als mir ein Kollege zu einer meiner Lesungsideen, die ich selbst für völlig verrückt halte, folgende Sätze schrieb:
"Und daß du eines Tages ..., glaub ich sofort! Weißt du, warum? Weil wir verrückt sind, und nur die Verrückten glauben an ihre Träume und verwirklichen sie! Die anderen suchen sich bequeme Nischen. Und bereuen es dann irgendwann."
 Ich hoffe, er hält es aus, dass ich das frech zitiere. Als ich dies las, wusste ich, die Sätze sind für mich wichtig. Ich wollte nur noch nicht glauben, dass ich trotz meiner Idee immer noch auf der Seite der Feigheit stand, in Angst vor der letzten Konsequenz. Ich traute mich schlicht nicht, in eine andere Richtung zu blicken - bis mir der Hals im wahrsten Sinne des Wortes steif wurde.

Tja, lieber Kollege - die Lektion kam an. Ich habe - steif und feige und ängstlich - einen heilsamen Virus gehabt, der mir das ach so vernünftige Denken ausschaltete. Und da ist es dann passiert. - Ich habe "Es" geschrieben und "Es" ist so gut und so zwingend und natürlich und faszinierend, dass es nun endgültig kein Zurück mehr gibt. Ja ja, lach du nur! Ich lache nämlich auch über mich selbst, wie begriffsstutzig und selbstverhindernd man werden kann. Aber zum Glück wird man auch krank, wenn man das Schreiben unterdrückt. Und zum Glück gibt es Kollegen, die wissen, was solchen Kranken hilft: Der Tritt in den Allerwertesten, der einen aus der sicheren Nische herausfliegen lässt.

Kommentare:

  1. Hallo Petra, danke schön fürs Anstecken. Wer braucht schon Masernpartys, wenn es so heilsame Blogs wie dieses gibt.

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  2. So etwas habe ich auch schon erlebt, Petra. Im Moment bin ich mehr in der schon etwas losgelösten Phase ...

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  3. Dass der Virus hochansteckend ist, erschreckt mich. ;-)
    Wo werde ich mir den bloß geholt haben?

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