Zwischen Werbung und Wahrheit

Klappern gehört zum Handwerk - und es ist heutzutage nun einmal so: Ohne Werbung wird auch Kunst nur noch bedingt wahrgenommen. Nur ist dann gerade in diesen Kreisen das Heulen und Zähneklappern groß: Werbung sei doch etwas Dreckiges, habe mit Kommerz zu tun; nein, das könne man seinem genialen Werk nicht antun; nur nicht sich selbst die Finger schmutzig machen. Der Klischees gibt es viele, aber Selbstverhinderung führt nicht unbedingt zum besseren Wahrgenommenwerden.

In der Realität kommen die wenigsten Autoren zu Werbung. Um teure Anzeigen zu schalten oder gar zu entwerfen, muss das Buch potentiell genug abwerfen. Fernsehspots für Bücher gibt es nur im Ausland. Und es ist durchaus verständlich, dass sich nicht gern jeder Autor als Unterhosen-Model verkauft, obwohl das Geschäft lohnender als jeder Buchabverkauf sein könnte. Dafür gibt es die "freundlichere" Variante von Werbung, die wir als unaufdringlicher und informativer wahrnehmen: die PR. Public Relations bedeutet vom Wort her schlicht, dass da jemand öffentliche Beziehungen knüpft - für ein Produkt oder eine Person: Öffentlichkeitsarbeit.  Erfolgreiche PR muss man zwar gelernt haben und Erfahrungen schaden ganz bestimmt nicht, aber moderne technische Hilfsmittel geben auch Autoren die Möglichkeit in die Hand, etwas Werbung zu machen, ohne aufdringlich in die Welt zu brüllen: "Seht das Werk meiner Genialität! Kauft sofort!" (Übrigens tödlich in Social Media).

Kürzlich bin ich über einige Autorenwebsites gesurft und habe festgestellt: Bei den meisten werden nicht einmal die Chancen des Web 2.0 genutzt. Die Fans, die Leser, sind da oft schon weiter. Sicher muss man nicht alles selbst programmieren können, wenn man schreiben kann. Aber es gibt doch sehr viele Hilfsmittel.
Ich fasse mich an die eigene Nase: Meine Website gehört längst neu überarbeitet (wenn ich nicht so überarbeitet wäre). Im Idealfall schwebt mir Folgendes vor - vielleicht eine Anregung für andere:

Die Website als Portal zu beruflichen Tätigkeiten, Internettätigkeiten und Büchern

Was mir nicht behagt: Starre, sich nicht verändernde Websites schaut man einmal an, das war's. Man könnte aber Feeds einbauen, etwa von Twitter oder aus dem Blog, der ja gerade durch seine Aktualität mehr Menschen anzieht. So eine Art vollkommen klares, übersichtliches, aber eben lebendes Eingangstor.

Was mir nicht behagt: Längst ist die Welt multimedial. Meine Arbeit ist das Schreiben, aber muss ich deshalb wie eine Schreibmaschine wirken? Zuerst einmal müssen neue, professionelle Fotos her - und zwar auch gleich zum bequemen Download für die Presse. Aber es gibt mehr Sinne als nur das Auge.

Auf meiner Wunschliste stehen mp3-Downloads mit unterschiedlichen Möglichkeiten: Ich kann aus meinen Büchern lesen, ich kann aber auch über Themen wie im Blog plaudern. Ich könnte mich sogar interviewen lassen. Warum ich's noch nicht getan habe? Bitte nicht lachen: Ein Freund hat mir eine Software geschenkt, die ein Hörbuchstudio ersetzt, superfein! Aber ich fürchte, ich muss eine Woche Urlaub nehmen, um mich als Tontechniker einlernen zu lassen...

Weiter auf der Wunschliste: Videos. Youtube ist ein feines, einfaches und kostenfreies Werbemedium, wenn man es richtig vernetzt. Aber so ein Video steht und fällt mit der Kreativität. Buch-Trailer haben sich bisher nur in bestimmten Genres durchgesetzt und wie einfallslos lesende oder sprechende Autoren vor Bücherwänden wirken, kann man sich in der ZEIT anschauen. Videos sind etwas aufwändiger als Tonaufnahmen: Man braucht einen Filmer oder wenigstens ein Stativ und eine Kamera. Vor allem aber braucht man gut Ideen, die einen unterscheiden, die Lust machen - und die kann man sich bei youtube aus anderen Sparten reichlich holen.

Und da bin ich schon bei einer ganz anderen Werbung als der für Bücher. Ich organisiere nämlich meine Veranstaltungen und Auftritte meist selbst.  Der häufigste Hemmschuh bei Veranstaltern ist eine Frage, die sie nur ungern aussprechen, aber man fühlt das, wenn man wieder gebucht wird, weil man professionell ist: Kann die was? Wer hochberühmt ist, kann nuscheln und sich beim Lesen ständig in der Backe bohren, der Veranstalter wird es stöhnend ertragen. Aber die Konkurrenz ist groß. Wie kann ich potentiellen Veranstaltern - und auch dem Publikum - zeigen, was ich kann und nicht kann? Mit einem Video. Solche Vorab-Einblicke in ein Programm machen bestimmt auch die Honorarverhandlungen einfacher.

Und da haben wir das zweite Manko der Website: Ich spreche ja nicht nur Leser an, sondern eben auch Veranstalter, andere Kunden und - die Presse. Die wird immer sträflich vernachlässigt, obwohl Autoren von den Medien gern am meisten hätten. Auch das muss her: Ein Servicebereich für die Presse, mit allem, was dazu gehört. Nützlich: Sich einmal mit Medienmenschen beraten, was sie wirklich brauchen. Denn es nützt das schönste Foto nichts, wenn es vom Format her nicht zum Abdruck taugt oder nur hochkompliziert zu besorgen ist. Und Achtung bei den Rezensionen: Die stehen auch unter Urheberrecht - wer mehr als Zitate übernehmen will, muss um Erlaubnis fragen. Aber wer macht sich schon die Mühe, elend lang ladende, unleserliche Scans zu Gemüte zu führen, wenn er stattdessen die knackigsten Sätze haben könnte.

Bleiben die Social Media, die beim Blog anfangen und bei Facebook, Xing & Co. aufhören. Hier kann man eine Menge Zeit investieren und Kilometer labern - ohne jeden Effekt, wenn das ganze zum Wohnzimmertalk verkommt oder in Nabelschau endet. Mehr noch als in jedem Buch muss ich überlegen: Was könnte mein Publikum interessieren - und was interessiert das Publikum, das ich noch nicht habe?

Diese Überlegung führt noch einen Schritt weiter, weil Social Media im Idealfall Netzwerken bedeutet: Mit wem will ich mich eigentlich vernetzen? Wen will ich ansprechen, womöglich näher kennenlernen? Die eigenen Kollegen? Leute aus Verlagen, aus der Branche? Potentielle Leser? Oder brauche ich vielleicht für ein abseitiges Thema Fachleute für die Recherche?

Genau deshalb sollte man sich vor Beginn der Internettätigkeiten ein Konzept machen und die unterschiedlichen Plattformaktivitäten darauf abstimmen. Nur allzu schnell arbeitet man hier ins Blaue hinein und das endet im schlimmsten Fall in Blogs, die ich für mich "Couch-Blogs" nenne, weil sich der Betreffende vor aller Öffentlichkeit erschreckend bis in kleinste psychische Details auszieht und Partner oder Kinder gleich einlädt. Viele merken gar nicht mehr, wenn sie nackt auf dem Marktplatz über Eingemachtes reden, weltweit sichtbar und auf viele Jahrzehnte, wenn nicht länger, in den Caches der Suchmaschinen und Archivdienste konserviert.

Denn auch das ist PR: Die Spaltung zwischen meiner Privatperson und der öffentlichen Person. Letztere wirkt zwar dann am besten, wenn sie authentisch und ansprechbar ist, das heißt aber noch lange nicht, dass sie dadurch den Vorhang zur Intimität lüften muss. Man hält dies nur dann konsequent durch, wenn auch hier ein Konzept besteht, das klare Grenzen zieht: Was darf die Öffentlichkeit von mir wissen und was möchte ich als Privatbereich schützen? Dazu gehören niedliche Gartenfotos genauso wie die schnelle Notiz, der Ehemann sei gerade mit einer Schachtel Pralinen zur Tür hereingekommen. Gehört der Ehemann unbedingt zur öffentlichen Selbstdarstellung, darf er in mehr Anekdoten auftauchen - andernfalls geht er die Öffentlichkeit eigentlich nichts an. Einmal mit Pralinen ins Netz gestellt, ist er auch nach der Scheidung nicht mehr aus dem Web zu löschen.

Zwei Gedanken noch. Die Versuchung bei Social media ist groß, Menschen auf immer mehr Fremdserver zu verteilen. Dadurch sinkt natürlich der Besucherstrom auf der eigenen Website und womöglich deren Platzierung. Hier sollte man immer wieder die eigene Website vernetzen. Einen kleinen Tipp nicht nur für Buchwerbung, sondern auch für die Rückleitung von Facebook auf die eigene Seite habe ich im Upload Magazin gefunden.

Das "Authentisch-Sein" in der PR hat manchmal einen seltsamen Preis, den ich gerade hier im Blog feststelle. Je authentischer man sich gibt, je freundlicher und offener man auf Menschen zugeht, desto eher verwechseln die Leser die öffentliche Figur mit einem Bild, das sie sich selbst vom Privatmenschen machen. Das ist so ähnlich, wie wenn Leser in Romane unbedingt autobiografische Züge des Autors hineinlesen wollen. Vor allem, wenn man über Gefühle oder Psychologisches schreibt, ist die Versuchung beim Leser groß, einem ein passendes Daueretikett auf die Stirn zu kleben. Selten wird abstrahiert, dass ein Autor ein Gefühl "aufblasen" kann, um exemplarisch darüber zu schreiben, dass er dramatisiert und inszeniert, um Aussagen zu transportieren.
Da ist die Gratwanderung im Internet schwierig. Ich beobachte, dass es nur zwei Alternativen gibt: Entweder wird man zum Rührmichnichtan und bleibt auf Distanz, womöglich eine reine Werbefigur - oder man lernt, mit solchen Verwechslungen und Projektionen zu leben. Letzteres ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber Menschen und Beziehungen zu Menschen sind ja eigentlich auch in unserem Beruf faszinierend und bereichernd?

Das waren also lückenhafte, oft viel zu pauschal und verkürzt wiedergegebene Beispiele, was mir an meinem Webauftritt nicht passt und wie er idealerweise aussehen würde. Zur Anstiftung oder Anregung. Aber Vorsicht, falls jemand jetzt jammervolle Selbstzweifel oder nagende Unzufriedenheit bei der Autorin vermuten will: Auch dies ist eine perspektivische Technik, die rein dramaturgische Gründe hat. Indem ich mich selbst kritisiere, spare ich es mir, besonders schauerliche Beispiele im Web zu suchen und kritisieren zu müssen. Und indem ich Identifikation schaffe, fällt mein schulmeisterlicher Zeigefinger weniger auf. Kurzum: So wie man im Buch Handwerk anwendet, sollte man auch im Web das Handwerk nicht scheuen.

Kommentare:

  1. Um Himmels Willen sagte mir eine Fernsehfachfrau, mach bloß kein Video selbst. Was ich gar nicht vorhatte, aber mal laut gedacht hatte. Recht hat sie damit. Wie du nämlich ansprichst (und ich neulich auch drüber gelästert habe) diese unendlich öden Rezensionsvideos vor Bücherwänden sind einfallslos und lassen mich höchstens gähnen. Manchmal fremdschämen.

    Wie viel man von sich preisgibt, ist sicherlich immer wieder eine Gratwanderung. Ich habe eher weniger Probleme auch über privates zu plaudern und persönlich sind mir Blogs, die nicht nur auf Autor getrimmt sind ganz lieb. Ich erzähle aber auch nichts, wozu ich nicht in der realen Welt - Auge zu Auge - nicht auch stehen würde.

    Podcasts, finde ich, kommt wirklich immer auf die Stimme an. Ich glaube so mal schnell lässt sich da nichts aufnehmen, was sich hinterher gut anhören soll.

    Auf sämtlichen social media Plattformen zu "tanzen" halte ich für wenig sinnvoll - für mich hat das etwas von überall präsent sein (wollen) an sich und das empfinde ich eher als aufdringlich und negativ (als Werbung). Dann lieber wirklich nur wenige, aber ausgesuchte Präsenz.

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  2. Da sprichst du Wichtiges an: die Professionalität - die gar nicht mal teuer sein muss. Schlimm ist allerdings bei den Videos, dass die durchaus für Geld von Firmen verbrochen wurden...

    "So mal schnell" geht das alles wirklich nicht - der Grund, warum es auf meiner Website immer noch fehlt. Ich benutze auch lieber ein älteres Foto vom Fotografen als ein "geknipstes" und warte, bis ich mir wieder einen leisten kann. Vielleicht bin ich zu eitel, aber mit einem schlechten Autorenfoto kann man sich alles zerschießen, finde ich.

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  3. Ja, ordentliches Foto muss sein, keine Frage. Neulich habe ich allerdings mal ein Foto einer amerikanischen Schriftstellerin aus dem Fotostudio gesehen und das war dermaßen gephotoshopped worden, das sah nur noch künstlich lächerlich aus. Richtig peinlich.Gruselig.

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  4. Wird aber billiger alsein Lifting gewesen sein ;-)

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  5. Haha, nee soo alt ist die Frau noch gar nicht, das gesamte Bild - nicht nur das Gesicht - war geshopped, dass der Anblick weh tat.
    Beinahe habe ich geweint. So etwas hat ein Fotograf verbrochen, der (die?) damit den Lebensunterhalt verdient.
    Tsetsetse - das Geld liegt auf der Straße, man muss es nur aufheben. Alte Madam-Weisheit.

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