Kaffeesatzleserei

Welche Autorin, welcher Autor kennt das nicht: Kaum ist die erste Sexszene geschrieben und das Buch veröffentlicht, bekommt Tante Erna diesen entsetzten Blick und haucht: "Schämst du dich denn gar nicht!?" Und je nach Art des Romans kann es passieren, dass Tante Erna nur noch japst, rot anläuft oder einen enterbt. Die Versuchung, den Schriftsteller mit seinem Werk zu verwechseln, ist allerdings auch bei fremden Lesern enorm. Irgendwie geht zunehmend die Abstraktionfähigkeit in dieser Hinsicht verloren...

Ich habe das manchmal bei Lesungen erlebt. Wie oft musste ich versichern, dass ich, würde ich "Stechapfel und Belladonna" am eigenen Leib genau so erfahren haben, zu diesem Zeitpunkt im Sanatorium und nicht vor Publikum sitzen würde. "Aber der Roman ist doch in Ich-Form geschrieben!" Nun, es gibt auch KollegInnen, die in Ichform Serienmorde auf dem Papier begehen und nachher ihren kleinen Kindern den verschmierten Marmeladenmund abwischen.

Zum Glück passieren solche Deutungs-Ausrutscher bei Leuten vom Fach eher selten. Um so entsetzter war ich eben bei der Lektüre eines NZZ-Artikels, der in abenteuerlicher Feld- Wald- und Wiesenpsychologie versucht, Roman Polanskis Taten und Leben aus seinen Filmen herauszustochern. "Dennoch führt ein vordergründiges Psychologisieren nur dazu, dass ein hochkomplexes Schaffen auf biografische Spuren abgeklopft und reduziert wird", schreibt Susanne Ostwald in der NZZ, um dann leider genau das zu bieten.
Wohlgemerkt: Ich will hier absolut nicht das Thema Roman Polanski diskutieren (auch nicht in den Kommentaren)!

Mir geht es um die Attitude, fiktive Werke grobschlächtig als Schablone für ein Autorenleben zurechtzuschneiden, ohne Rücksicht auf all die anderen Einflüsse, die eine Geschichte im Kopf formen (etwa die Tatsache, dass in der polnischen Literatur- und Filmkunst schwarzer Humor und Absurdität schon immer Spezialität waren). Die NZZ macht es sich leicht, sie zieht ihre Mutmaßungen über die Kunst aus einer bereits erfolgten rechtlichen Feststellung, ein Leben, nicht die Kunst, betreffend. Denken wir diese Methode aber konsequent weiter!

Wie schnell sind wir von der Nachinterpretation "auffallender" Werke bei der Vorverurteilung von Kunst? Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, nicht dem Mainstream oder der gerade herrschenden Political Correctness entsprechende Kunst auszusortieren und ihre Schöpfer... - hatten wir so etwas Ähnliches nicht schon einmal? Regen wir uns nicht ständig darüber auf, dass Künstlern in Diktaturen ähnliche Verdächtigungen aus dem Werk heraus geschehen? Wie gefährlich fanden es Fans von Harry Potter, als fundamentalistisch religiöse Gruppen Werk und Autorin Unmoral und Übleres vorwarfen? Und jetzt plötzlich lesen wir aus Werken heraus, was der Künstler wohl psychologisch gesehen für einer sei?

An folgenden Autoren und ihren Werken könnten solche Küchenpsychologen ihre helle Freude haben:
  • Johann Wolfgang von Goethe: Seltsamer Teufelspakt und Verführung Gretchens
  • John Irving: Enge Beziehungen zu einem Bären unklarer sexueller Orientierung
  • Donna Cross: Hosenrolle in zölibatärer Kutte
  • Dan Brown: Die Sache mit der Weltverschwörung - alle verfolgen einen
  • Steffenie Meyer: Kannibalistische Rituale zur Triebsublimation
  • Frank Schätzing: Sex in Schwerelosigkeit
  • Joanne K. Rowling: Minderjährige, nur Minderjährige, bis zum Todeskampf
Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Wie man unschwer erkennen kann, müssen auch Millionen von LeserInnen tickende Zeitbomben sein - denn das hier ist keine Nischenliteratur!

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