Angst kann man wegklicken

Früher konnte man sein Hirn noch an der Garderobe abgeben. Oder Diktatoren zujubeln. Oder das Auto kaufen, das alle Nachbarn kauften. Dann hat man das Fernsehen erfunden und probt bis heute den kollektiven Lemmingegang an der Fernbedienung. Es ist so erschreckend einfach, Menschen zu manipulieren und es funktioniert umso besser, je perverser und verrückter der Manipulator agiert.

Gestern sah ich in 3sat wieder einmal einen der brillantesten Filme über dieses Phänomen, Network - mit einem unvergesslichen Peter Finch und einer ebensolchen Faye Dunawaye in den Hauptrollen. Es ist eine "Komödie", die durch ihre Wahrheiten tief ins Gebein beißt - und wer den Film nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen! Als ich ihn irgendwann in den Achtzigern als junge Journalistin zum ersten Mal sah, machte ich mir fieberhaft Notizen aus den Dialogen und wünschte mir, das Drehbuch wäre irgendwo zu lesen. Das war alles so durchgeknallt, so böse, dass es nur die Realität spiegeln konnte. Und wie ich damals vermutete, recht bald von echten Entwicklungen eingeholt würde.

Dreiunddreißig Jahre nach dem Fernsehpropheten Howard Beale alias Peter Finch brauchen wir zur Manipulation der Massen kein Fernsehen mehr. Hundertvierzig Zeichen genügen und eine globale Hammelherde tippt #FF in die Tastatur und vergleicht beim sogenannten "Followerfriday" Gefolgschaften; oft blind dafür, dass die meisten dieser "Anhänger" ihnen eigentlich nur etwas verkaufen wollen oder in Wirklichkeit Maschinen und Programme sind. Harmlos, wenn sich die gleiche Masse brav am Montag wie auf Befehl Musik um die Ohren dödelt? Wenn sie einen mit der Zeit schneidet, weil man Menschen lieber sonntags oder nach Gusto empfiehlt? Wenn man Ungläubigkeit bis Kopfschütteln erntet, weil man für 300 Qualitätsfollower 1000 Werbemüller rausschmeisst?

Die Online-Gemeinde verordnet sich selbst derart starre Rituale, dass sich manche Sekte ein Scheibchen abschneiden könnte. Denn wer sich nicht daran hält, im rechten Moment richtig PR-trächtig Danke zu sagen oder falsch zitiert, wird - übertragen gesprochen - mit Followerbann bis zu einem Jahr belegt. Man stelle sich solche Strafen einmal bei Zitatverstößen gegen das Urheberrecht vor - wie einfach wäre die Welt!

Je chaotischer und scheinbar unbeeinflussbarer die Welt um einen herum wirkt, desto anfälliger wird der verunsicherte Mensch für Ordnungs- und scheinbare Sicherheitsrituale. Gruppen bilden Zusammenhalt, indem sie sich gegen das Außen abgrenzen und eine interne Moral und Regelmäßigkeit einüben und einfordern. Denn der Blick über den Zaun macht Angst, verunsichert. Die Freiheit, das Andere, wird als Bedrohung erlebt, weil es das eigene kleinkarierte Weltbild zum Bröckeln bringen könnte. Diese Erkenntnisse sind uralt, jeder, der sich mit Sozialverbänden oder Religionen beschäftigt, kennt die Mechanismen.

Und jeder, der mit einigermaßen offenen Augen durch die Welt geht, wird erkennen, dass die Rückkehr zu westlichen wie östlichen Fundamentalismen, zu Ordnungsbedürfnis und Sicherheitswahn ein Alarmzeichen für den Vormarsch von menschlicher Rigidität und Ausgrenzung ist. Howard Beale schrie es 1976 ins Publikum, dass sich die Menschheit zu austauschbaren glattgebügelten Humanoiden entwickle. Humanoide deshalb, weil ihnen die Ecken und Kanten, die Eigenheiten und die persönliche Freiheit fehlten, die das Faszinosum Mensch ausmachen. Bequeme manipulierbare Mainstreamer statt vor Leben sprühende Lebewesen.

Wir doch nicht, auch nicht 33 Jahre danach! Aber da gibt Twitter Listen heraus, in die man jetzt Menschen einordnen darf - und alle denken nur an ein wunderschönes kurzweiliges Spiel und spielen mit. Es lebe die PR, es lebe die Einschaltquote, pardon Followerzahl, der Mitmensch wird bald danach beurteilt, in wie vielen Listen man ihn führt. Währenddessen hängt das System öfter und dann kann man im Browser sehen, wie sich Gugl Analytics an all der Datenfülle fast verschluckt. Wie wunderbar. Sie ziehen sich noch nackter aus, die lieben dummen Menschlein. Gib ihnen ein neues Spielzeug und wir lernen, wie sie die Welt einteilen und wer mit wem, kommt, Freunde vom Geheimdienst, vergesst alles, was ihr gelernt habt, hier könnt ihr direkt absaugen, was euch weiterbringt.

Und dann geben wir ihnen noch mehr Spielzeuge, bis sie nicht mehr wissen, wie fest wir sie am Faden haben. "Spooky things will happen when you use trick or treet in your tweet today", hauen sie dir um die Ohren und wie viele Erfüllungsgehilfen werden wohl heute die beiden Wörter wie auf Knopfdruck verwenden? Welche Wörter könnten wir ihnen noch eingeben? Von so viel Manipulationskraft können die Marketender nur träumen, die noch Gewinnspiele ausloben, damit einer endlich ihren Link klickt oder ihnen öffenlich die Füße küsst. Mach dies, mach das und die Lemminge folgen, sofern der Vorschlag eine gewisse Ordnungskraft hat.

Vor Datensammelei haben die Lemminge längst keine Angst mehr, seit sie offen daran beteiligt werden. Nur ein klitzekleines Beispiel von vielen: Im Netz kursieren Anleitungen, wie man in Social Media verdeckte Schwule und Lesben outet. Verdächtig macht sich, wer mindestens einem offen homosexuellen Menschen folgt oder gar dessen Inhalte zitiert. Was ist das für eine Welt? (Vor allem, was ist das für eine Welt, in der Heteros keinen Schwulen mehr folgen?)

Es ist eine Parallelwelt, in der Anderssein bald nicht mehr stattfinden wird. Der Kleinbürger des digitalen Zeitalters schafft sich seine Gartenzwerg-Liste, die Geht-an-Weihnachten-in-die-Kirche-Liste, die Trägt-karierte-Pantoffel-Liste und wenn er mutig ist, vielleicht noch eine Hasst-Gänseblümchen-Liste. Ähnlich wie beim Speed-Dating schafft er sich Freunde durch gegenseitigen Listencheck und kann wahrscheinlich irgendwann Kritereien abwählen: Gänseblümchenliebhaber nur zulassen, wenn sie in der CSU sind.

Wir stehen im Begriff, zumindest digital unsere Erfahrungshorizonte einzuengen und jede Berührung mit Neuem, mit Anderem zu vermeiden. All das Unbequeme, Herausfordernde, Ungewohnte, das für die Evolution des Menschen und seine Bewusstseinsentwicklung immer an erster Stelle stand, wird einfach weggefiltert. Beale's Humanoide sind vorstellbar wie nie zuvor. Denn das einzige Gegenmittel, die Subversivität, hat es schwer: sie ist maschinell nicht vorgesehen.

Dieser Tage habe ich versucht, eine Liste mit dem Namen "Zwiegespräch mit Spiegel" zu gründen. Ich wollte als einziges Mitglied, mit dem ich dort kommuniziere, mich selbst zulassen. Das wäre der Endpunkt der wahlfeinen berührungssterilen Menschenauflisterei gewesen. Aber das System lässt es nicht zu, lässt nicht einmal mehr die Löschung der Listen zu. Auf Dauer bleibt eingebrannt und gespeichert, inzwischen schon vielfach im Internet verteilt, wie wir unsere kleine Welt hinterm Zaun einordnen.

Wie pervers das Ganze ist, sieht man daran, dass selbst meiner absolut leeren subversiven Liste namens "leerundnichtig" ein Mensch folgt. Das heißt, da hat jemand das pure Nichts abonniert; da ist jemand aus meiner "Gefolgschaft" bereit, mir sogar in offensichtlichen Irrsinn zu folgen.
Reaktion statt Aktion, Nachtrotteln und Followen statt Denken. Es war noch nie so einfach, Menschen am Marionettenfaden zu leiten und sich als Otto Normalverbraucher an diesem Wahnsystem zu beteiligen - und es wird immer schwerer, Systeme aufzubrechen und subversiv und eigen, vielleicht sogar anders zu sein. Manchmal, wenn der Mensch plötzlich er selbst ist, wird er nicht einmal mehr verstanden. Es ist so ungewohnt, dass jemand anders sein könnte als seine Kunstfigur im Internet. Anderssein macht Angst, aber diese Angst kann man jetzt wegklicken.

Tipps zum Thema:
Network - Film von Sidney Lumet
Julie Zeh und Ilija Trojanow: Angriff auf die Freiheit, Hanser Verlag

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