Häutungen

Das muss ich jetzt noch erzählen. Eine gute Bekannte fragte mich nach der Bloglektüre, wie ich das denn aushielte mit der unsicheren Zukunft von Büchern. Schließlich sei das jetzt schon so ungefähr mein dritter Beruf, wenn sie recht mitgezählt habe. Also zuerst dieses komische Studium, das zu nichts geführt habe als zu einer journalistischen Ausbildung - und dann hätte ich Kurztexte gegen Ellenlangtexte getauscht. Ob ich in meinem Alter nicht langsam an ruhigeres Fahrwasser denken wolle. Mein erster spontaner Gedanke war, ich sollte wohl meine Antifaltencreme wechseln. Also endlich mal eine kaufen.

Was willst du morgen machen, wenn keiner mehr lesen mag oder kann, fragte sie. Ich überlegte nicht lange: Als fahrender Erzähler übers Land ziehen? Mich als Schreiber für Analphabeten verdingen? Aber ist nicht das Internet hauptsächlich ein Schriftmedium? Ist es nicht so, dass historisch gesehen noch nie so viele Menschen in Europa lesen und schreiben konnten wie heute? Haben die Leute nicht unendlichen Hunger nach guten Geschichten, egal in welcher Form?
Aber du kannst doch nicht ständig deinen Beruf anpassen wollen, sagte sie entsetzt. Willst du nicht irgendwann ankommen?

Ankommen? Wo? Warum eigentlich nicht flexibel bleiben? Ich kenne einen, der hat sich in den 1920ern vom Eintänzer, wie man damals die Gigolos nannte, zum Hoteldirektor hochgearbeitet. Als das Hotel enteignet wurde, fälschte er seine Zeugnisse und wurde Chemiker, schließlich Chefchemiker. Und irgendwann, in den Zeiten größter Arbeitslosigkeit, hat er für die Armen billige Seidenkrawatten genäht und für die Reichen Bilder gefälscht. So wollte ich als Kind auch immer werden. Nicht unbedingt Kunstfälscher, aber jemand, der immer wieder auf die Beine fällt und ein reiches, weil abwechslungsreiches Leben führt.

Später, während des Studiums, durfte ich noch so einen faszinierenden Menschen kennenlernen, der das Prinzip Häutung fest in sein Leben integriert hatte. Es war unser Jiddischlehrer, reich an Wissen und Kulturen und noch reicher an Leben und Menschsein. Statt an seine Rente zu denken, wie es die meisten in seinem Alter taten, erklärte er uns, dass wir bald auf ihn verzichten müssten. Es sei wieder an der Zeit, einen neuen Beruf zu lernen. Alle sieben Jahre häute sich der Mensch, sagte er. Und alle sieben Jahre, das war sein Lebensplan, wollte er etwas völlig Neues lernen. Dann setzte er sich mit Studenten oder Auszubildenden oder Umschülern wieder auf die Schulbank. Wie lange er das durchhalten wolle?

Auf diese Frage hatte er ein strahlendes Lächeln parat und meinte: Wenn ich mit dem Häuten aufhöre, ist die Zeit gekommen, dass ihr mir ein Steinchen aufs Grab legt. Und irgendwie waren wir uns sicher, dass er sich dann jeden Kiesel einzeln anschauen würde, wo er herkomme, welche Geschichten er erzähle und was man daraus wieder Neues lernen könnte.
(Der Mann erfreut sich übrigens bester Gesundheit und hat wieder die Tätigkeit gewechselt).

Kommentare:

  1. Glückwunsch Petra, abgesehen davon, dass das Nichtmehrhäuten und angstvolle berufliche Ankommen bzw Stillstehen sowieso nicht im Sinne einer Persönlichkeitsentwicklung ist, ist deiner Bekannten tatsächlich eine wesentliches Merkmal der heutigen Zeit entgangen: Menschen werden ins Zeitalter des lebenslangen Lernens einfach hineingeborenn können, kein Zwiebeloption. Zwiebeln als Begleiterscheinung der sich wandelnden Lebens. Was früher exotisch war, ist heute überlebensnotwendig.
    Nun ja. Vielleicht nicht für Bezieher einer unzeitgemäß hohen Pension. Liebe Grüße Andrea

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  2. Hallo Andrea,
    ich frage mich, ob sich da wirklich etwas grundlegend verändert hat. Oder ob man nicht einfach nur seit dem Wirtschaftswunder in einer Scheinwelt von Sicherheit, Kohärenz und Vorhersagbarkeit gelebt hat, bis die Illusion brach. Mich erinnert das ein wenig an das böse Erwachen bei einer Trennung, wenn man während der Ehe fest an den Märchenprinz glaubte und der sich dann als Frosch entpuppt.

    Ich habe in meiner Jugend noch viele Menschen gekannt, die drei Kriege erlebt hatten. Das waren Lebensläufe von ständigem Wechsel, von Einbrüchen der Geschichte, menschlicher Schicksale. Überleben durch Anpassung, Sich-Verändern. Das war die Norm. Ist es heute noch in weniger glücklichen Ländern - wie du das ja in deinem Blog oft beschreibst. Selbst die Evolution ist eine Geschichte von Anpassungen an neue Herausforderungen.

    Kann es nicht sein, dass wir einfach nur ganz schön lange geschlafen haben in unserer daunigen Dornröschenwestworld?

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