Die Lust am Labern

Ich habe eine Freundin ohne Computer. Ich habe übrigens einige Freunde, die nicht ständig im Internet hängen und die ein Handy allenfalls für Notfälle bei sich führen: ausgeschaltet natürlich. Auch ich besitze ein Handy, dessen Nummer keiner kennen muss, weil es nur im Falle einer Panne oder eines Unfalls herhalten soll, also am besten gar nicht. Wenn ich arbeite, lasse ich unerbittlich alle Anrufe auf den Anrufbeantworter auflaufen, Kunden sind erfolgreich an enge Bürozeiten gewöhnt. Während ich arbeite, würde ich auch für den Papst oder Obama keinen Hörer abnehmen. Und wenn mich deshalb jemand anschaut, als sei ich ein Alien, habe ich die beste Ausrede der Welt: Ich bin Autorin. Die dürfen das.

Ich höre neuerdings wieder Wortsendungen im Radio - beim Kochen. Mein Fernseher gibt seit etwa einem Jahr den Geist auf, zeigt nur noch einen schmalen Streifen Bild, ist also eher ein Hörgerät mit Lichteffekten. Parallel zum Zusammenschrumpfen der Bilder fiel mir auf, dass die sowieso immer unwichtiger werden. Die meisten Drehbücher sind längst für Blinde geschrieben, keiner gibt sich mehr Mühe, die wahren Stärken des Mediums auszunutzen. Dialogdreschen, Dauergelaber. Oft erklären sie einem sogar, was ich nicht mehr sehe: "Meinst du, der Mörder ist durch dieses versiffte Gebüsch mit diesem Matsch gestiefelt?" Nur ganz selten herrscht Schweigen und es flackert nicht so wild. Dann habe ich "Neues Kino" oder "Independent Filme" erwischt.

Der Haufen Geld, den ich mühsam für ein neues Gerät sparen müsste, fließt ständig in Bücher. Die sehr viel besseren Nachrichten im Radio, die internationalen Informationen im Internet und die Filme aus der Mediathek lassen mich bereits überlegen, was ich in Sachen Alternativmöblierung mit der Ecke anstellen könnte, die jetzt vom Fernseher verunziert wird. Ich muss nicht haben, was "alle" haben, nicht jedem Medientrend hinterherrennen - und bin auch ohne Handy und Facebook und 1000 Follower ein sehr kommunikativer Mensch.

Mit jener computerlosen Freundin bin ich jedoch kürzlich erschrocken. Weil sie mich so anstarrte, als mir herausrutschte: "Da hat einer getwittert, dass..." - Wie bitte was? - Und wie erklärt man dann Twitter für Leute ohne Computer? Hält der Vergleich mit den sms?
"Warum liest du hundert sms von hundert wildfremden Leuten? Hast du so viel übrige Zeit? Was bringt dir das?"

Gute Frage. Zuerst habe ich mal im Web nachgeschlagen, was es bringt:
"Twitter ist ein Werkzeug, das vor allem von jenen gebraucht wird, die selbstverständlich immer online sein wollen, ein Instrument für digitales Grundrauschen, für den Dauertratsch der immer Erreichbaren..."
Das schreibt ausgerechnet der Kommunikator Don Alphonso in der Blogbar. Das mit dem Dauertratsch hat mich angekratzt. Ausgerechnet ich, die nichts schlimmer hasst als den Tratsch beim Bäcker, die so gut wie nie sms verschickt, soll deshalb twittern?

Die Wahrheit ahnt Don Alphonso nicht einmal in seinen schlimmsten Alpträumen. Ziehen wir nämlich mal all den positiven Kram ab wie : Verlagsinfos, Ticker von Zeitungen und Sendern, Kollegen finden, sich mit Menschen unterhalten etc., bleibt unterm Strich Übles übrig:
  • Twitter ist mein Keks zum Kaffee, hält also schlank. Und Twitter kann ich leichter abschalten als meine Freundin.
  • Ich habe den Dorftratsch ums neueste Auto satt. Bei Twitter kann ich Leute abonnieren, die von Schweißfüßen oder Klospülungen tratschen.
  • Twitter hat was Religiöses. Ich kann jetzt sogar mit Listenfunktion Sekten bilden. Ich kann in die Wüste predigen. Und mich am Follower-Friday zum Guru hocharbeiten. Wozu habe ich Theologie studiert.
  • Autoren, die ständig über Literaten, Künstler und Intellektuelle schreiben, weil sie nichts anderes kennen, werden langweilig. Aber nicht immer hat man Lust und Kraft, sich recherchehalber in mafiöse oder sonstwie schlierige Milieus zu begeben. Twitter öffnet einem den Sumpf des Lebens. Voll dran an jammernden Hausfrauen, durchgeknallten Gymnasiallehrern und dauerfrustrierten Schornsteinfegern. Vom Pfeiferauchen im Kleiderschrank über Partnerwahlpartys bis zur digitalen Petze alles abonnierbar, studierbar.
  • Hier im Dorf gibt's einen Voyeur, der sich verdammt dämlich anstellt mit seinem Feldstecher und dem glänzenden Glatzkopf, der von weitem durchs Gebüsch spiegelt. Das ist eben einer, der nicht twittert. Ganz typisch. Nachrennen statt followen, wie blöde!
  • Es gibt Fototapeten. Es gibt DVDs mit künstlichem Kaminfeuer für den Bildschirm. Und es gibt das künstliche Großraumbüro für Einzelkämpfer. Twitter gibt einem das herrliche Gefühl, dass etwas passiert, dass man gefordert ist und jeden Moment der nicht vorhandene Chef reinkommen könnte.
  • Twitter gibt einem das herrliche Gefühl, dass sich die Welt auch ohne einen verdammt schnell weiterdreht. Dass die eigenen Worte gar nicht so schwer wiegen, wie man sich das immer einbildet. Dass es völlig wurscht ist, was man sagt, ob man was sagt oder ob man überhaupt dabei ist. Das gibt einem die Freiheit, wieder das zu sagen, was man zu sagen hat.
  • Ich gucke keinen Fußball. Ich putze nur selten Fenster. Ich hocke nicht in Kneipen herum. Ich rauche nicht. Ich lebe nach außen hin ein völlig langweiliges, unspektakuläres Leben (was machst du eigentlich den ganzen Tag, du schreibst doch nur?). Mit Twitter habe ich endlich ein Laster, über das sich andere das Maul zerreissen können. Das gibt mir einen Ruch, wie man so schön sagt.
Hand aufs Herz, warum tratschen Sie eigentlich ständig?

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