Begegnungen

Ab nächster Woche werden hier vielleicht wieder vernünftigere Beiträge erscheinen. Nein, ich bin nicht auf der Buchmesse. Dass man als Buchschaffender unabdingbar dort anwesend sein müsse, ist nämlich ein Märchen. Die Geschäfte in Frankfurt erledigen ohnehin Verlage und Agenturen. Und als Autor hat man nur zwei Möglichkeiten: Das Konterfei in die Kamera hängen (Promi) oder sich die Füße in den Bauch stehen (Spitzentitel des Monats) oder sich selbige platt laufen (Noname). Ja, ich weiß, das macht drei, aber unter Spitzentitelniveau wird man heutzutage eh nicht mehr mitgezählt. Ich bin nicht dort. Ich lasse laufen...

Ich bin aber auch nicht ganz da. Die letzten Tage sind ein paar (positive) Wirbelstürme durch mein Berufsleben gerast, von der Sorte: Man träumt sowas heimlich, schämt sich dann ein wenig für den verwegenen Größenwahn, beruhigt sich mit der schnöden Alltagswelt und fällt dann aus allen Wolken, wenn einen hinterrücks der eigene Traum erwischt. Dann wischt man sich die Augen, wird ein wenig hysterisch, wischt wieder, trinkt besseren Sekt und wundert sich, warum es einem immer noch nicht gelingt, aufzuwachen. Plötzlich hat irgendwer die Realitäten ausgewechselt.

Glaubte man vorher noch, zwanzig, dreißig Jahre ein falsches Leben gelebt zu haben, erweisen sich die verrücktesten Ausrutscher als unabdingbar fürs Neue. Und dann kommt Staunen auf: Hätte ich auf meine Eltern, auf grundvernünftige Leute, auf bodenständige Kollegen, auf ordentliche Verwandte, auf marktorientierte Lektorinnen, auf Statistiken, Gurus, Berater und sonstige Besserwisser gehört, die mich immer wieder vor Leuten wie mir gewarnt haben - dann säße ich heute wahrscheinlich in einer grundordentlichen, erzvernünftigen, erholsam langweiligen Realität. Und müsste mich heute nicht wundern, wie das alles gekommen ist.

Es sind manchmal Begegnungen der besonderen Art, manche kurz, manche länger. Gestern haben wir darüber gesprochen, wie es dazu kommen kann. Denn so oft läuft man blind an ihnen vorbei. Wir standen auf einer Wiese, von der aus man ins andere Land hüpfen kann, und ich hatte eben gelernt, dass "borné" im Französischen doppeldeutig ist: Es ist wie im Deutschen ein bornierter Mensch, aber im eigentlichen Wortsinn auch die Grenzlinie, die mit "bornes", festen Grenzmarkierungen, gekennzeichnet ist.

Und dann gibt es diese besonderen Begegnungen in den Zwischenräumen, quasi auf neutralem Boden zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, mit Menschen, die wie "bornes", wie Markierungen zwischen den beiden Welten, aufragen. Die eine Möglichkeit ist einfach: Man kann "borniert" sein, in den Grenzen seiner Vernünftigkeit, von Konventionen oder Erwartungen anderer gefangen. Dann merkt man nichts. Nichts tut weh, nichts verändert sich. Da war einfach jemand, Hallo und Guten Tag, und ich muss weiterziehen.

Wir haben uns lange Gedanken gemacht, wie man diese besonderen Begegnungen erkennen kann - und wie es kommt, dass sie sich manchmal zu häufen scheinen. Manchmal können Menschen sogar miteinander ihre Begegnungen austauschen, die besonderen Menschen miteinander bekannt machen. Eine Lösung der Frage haben wir nicht gefunden. Mir fiel ein Gedanke aus meiner Schulzeit ein: Ich stellte mich mir als sehr alte Frau vor, die einen riesigen Schatz hütete, den sie wie Pippi Langstrumpf beim Sachensuchen gesammelt hatte. Eine Traumschatzkiste voller besonderer Begegnungen. So wollte ich älter werden. Und fing schon einmal an, aus einem Kiesweg glitzernde Quarzsteinchen in den Sandeleimer zu sortieren. Ich sammle heute noch besondere stinknormale Steine. Ist es das? Braucht man den Sammlerblick?

Mein Gegenüber widerlegte mich. Erzählte von schicksalhaften Veränderungen über Länder-, Zeit und Kriegsgrenzen hinweg. Plötzlich steht man irgendwoanders vor einem anderen Menschen, vielleicht entwurzelt, vielleicht längst umgetopft, das Klima noch nicht gewohnt - und der gießt das Pflänzchen. Einfach so. Passieren einem besondere Begegnungen vielleicht ständig? Und man bemerkt sie nur, wenn man die Poren öffnet? Poren wofür?

Es könnte auch alles Einbildung sein. Da kommt ein Wirbelsturm, verwandelt die schneeweiße Villa in einen Trümmerverschlag, jemand kommt gleichzeitig vorbei und man redet sich das alles schön: Hach, ein Zeichen! Esoterikseminare funktionieren oft so. Du bist an allem selbst schuld und das hat einen tieferen Sinn, kauf dir noch eine Begegnung am Samstag, Sonntag dazu und gehe in dich. Du bist dem Bauern, der seinen Mähdrescher über das Feld fuhr, nicht zufällig begegnet, was will dir dieses Schneidwerkzeug sagen? So kann man sich erfolgreich selbst bornieren, indem man alles und jeden zur "borne" macht, sehnsuchtsvoll ins andere Land schielend, ins unvernünftige - und dann doch lieber ordentlich vernünftig die Seminargebühr entrichtet, inklusive Zeitplan für die Erleuchtungen und Speiseplan zum Ankreuzen.

Und dann kommt mir noch so ein Verdacht. Das "Mord-in-der-Badewanne-Prinzip". Dorothy L. Sayers hat es meisterhaft in ihrer Erzählung "Der Mann, der Bescheid wusste" verwendet.
Ein Mann namens Pender fährt im Zug und ärgert sich über einen langweiligen Krimi. Kein Wunder, dass er sich von einem Mitreisenden ablenken lässt, den Krimis anöden. Es entspinnt sich ein Gespräch über schlecht gemachte Kriminalromane - und über den perfekten Mord. Mr Pender ist natürlich ganz der Skeptiker seiner Zeit und steigt irgendwann unbeeindruckt aus. Der Mitreisende hat ihn darauf hingewiesen, wie viele angeblich eines natürlichen Todes Gestorbene in Badewannen gefunden werden. Fortan kann der arme Pender nicht mehr normal in die Badewanne steigen - und es kommt noch härter... Ist es das?

Ich finde es schön, wenn man solche Rätsel nicht lösen kann. Ich mag nicht alle Geheimnisse wegerklären. Erzählen kann ich nur, was auf der "vernünftigen" Ebene zurückbleibt und das klingt platt wie Grenznägel:
  • Respektvoll, gespannt und freudig nähere ich mich gerade einem französischen Buch über ein Lieblingsthema meines Lebens. Ich darf es bis nächstes Jahr ins Deutsche übersetzen. (Schon seitenmäßig eine Mammutarbeit)
  • Da, wo andere Urlaub machen, kann ich im wundervollen Naturpark mit spannenden kreativen Köpfen an einem zweisprachigen grenzüberschreitenden Projekt arbeiten, das denen, die Urlaub machen, zugute kommt - und denen, die dort leben.
  • Mein Elsass-Buch ist (in deutscher Sprache) über die Grenze gehüpft, macht sich breit und gluckst nach Ideen.
  • Zwei ganz besondere Sachen sind noch nicht ganz spruchreif.
  • Und wenn ich in all dem Trubel (nebst Arbeitsaufwand) noch freien Kopf finde, schreibe ich meinen unvernünftigen Roman.
  • Die Achse Frankreich - Deutschland - Polen und im weitesten Sinne auch Russland begegnet mir neuerdings verdächtig oft... badewannenartig oft...

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