alles controlletti mit dem Konfetti

Früher hat man Text geschrieben, gedruckt, gelesen, ins Regal gestellt, verschenkt, verkauft, verliehen und im Ernstfall nicht mehr wiederbekommen. Es gab wegen dieses unsittlichen Begehrens sogar den Spruch "Frauen und Bücher verleiht man nicht". Vorbei die Zeiten, als alles noch so schön übersichtlich war.

Heute lädt man Bücher auf einen Reader und falls der Akku durchhält, klaut sie diesmal nicht der beste Freund, sondern der Händler, der eben noch das Geld eingesackt hat. Andere klauen noch vor allen Lesern, pardon scannen, und sacken Geld ein, indem sie aus Texten Werbeträger generieren. So ähnlich wie die Suppenwerbung oder diese komischen Wertpapierwerbungen in Taschenbüchern damals, als Wertpapiere noch mehr wert waren als ein makuliertes Taschenbuch. Nur passiert das heute in viel größerem Stil. Also etwa so, wie wenn Scientology, die Mun-Sekte und die russische Mafia mit Schätzing den Mond übernähmen. Oder so ähnlich.

Man kann mit Büchern aber noch anderes machen. Vor allem, wenn man sie nicht mehr braucht oder brauchen darf. Früher hat man welche im Vatikan versteckt, was auf geschichtliche Dauer nicht sehr praktisch war. Verdammt viel Kirchensteuern muss nämlich das Scanprojekt von IBM verschlungen haben, nur um sagen zu können: Ätsch, nix mit geheim! Aber aus irgendeinem verschwörerischen Grund hat die Welt davon kaum etwas mitbekommen, Google könnte in Sachen Diskretion davon nur lernen. Zugegeben, eine Kleinigkeit war anders: Die betroffenen Autoren waren seit weit über 70 Jahren an natürlichen Todesursachen vermodert oder waren sogar effektiv verbrannt worden.

Gezündelt haben dann auch wieder die Nazis, Gasöfen für die Menschen und öffentliche Bücherverbrennungen. Wer konnte, floh und nahm seine subversiven Erzähltraditionen mit. Bis heute kaufen deutsche Verlage aus den USA in Lizenzen zurück, was sie versäumt haben, selbst aufzubauen. Und wer dann zu viel kauft und sich dabei übernimmt, verpartnert sich wiederum mit der neuen Weltmacht Google, um über Suppenwerbung und Pfandbriefobligationen - siehe oben.

Es geht aber auch anders. Weil das mit dem Untergang des Abendlandes trotz aller Terroristenbeschwörungen einfach nicht klappen will, kann man Kulturgüter auch verklappen. Der erste Großversuch düngte Leipziger Boden mit einer immensen Bücherdeponie. Wahrscheinlich hat man das machen müssen, damit später die kleinen Instituts-Literaten dort besser anwachsen können. Immerhin rotten nun unter der Oberfläche nicht nur die DDR, sondern auch Goethe und Schiller, die dieses Pech mit Weimar hatten. Bücher auf der Deponie, das war wohl ein Wiedervereinigungsunfall, eine kleine Verschmutzung im Überschwang einer freundlichen Übernahme.

Jetzt ist das vereinigte Deutschland aber ein geschichtsbewusstes, verantwortliches, ökologisches Land mit Qualitätsbewusstsein geworden. Bücherverbrennung geht nicht mehr, wegen des CO2-Ausstoßes und weil man nicht mit dem Gasbrenner nachhelfen darf. Das Zeug brennt ja leider erst ab Fahrenheit Irgendwas. Der Vatikan ist voll und hat keine Lust auf Pilgerinnen und Päpstinnen im Schmonzetten-Outfit. Leipzig winkt ab, wenn es um Sondermülltransporte in Entwicklungsländer geht. Die russische Mafia hat ihr Projekt "Bücher für Sibirien" kürzlich eingestellt. Google scannt nicht jeden Dreck und die großen Händler lachen sich eins: Was sollen sie noch mit Papier und Pappe, wie soll man da dem Kunden den Text weglöschen und Kundenstatistiken erheben können?

Genau. Richtig geraten. Die Verlage machen das, was große Konzerne mit unseren Kundendaten leider nicht tun: Sie schreddern. Also, sie lassen schreddern. Zwei Millionen Bücher jährlich werden laut FAZ in Eisenbahnwaggons zum Ort des Grauens gefahren, zwei bis drei Züge fahren monatlich dem sicheren Buchexitus entgegen. Industriell organisiert, umweltfreundlich. Damit wir ganz schnell und sauber auch morgen noch mit diesem eigentümlichen deutschen Recyclinggrau unsere Hintern abwischen können. Auch wer keine Bücher auf seinem Örtchen lagert - wir Autoren sind bei den intimsten Geschäften dabei!

Richtig so. Schließlich herrscht Bildungsnotstand in Deutschland und der ist sozial bedingt. Kinder, die sich keine Bücher kaufen können, lesen nicht. Erwachsene, die sich keine Bücher kaufen können, laden sich lieber kostenlos Musik und Filme aus dem Internet. Bibliotheken manövreieren sich ins Aus, weil sie immer weniger Bücher kaufen können. Es würde sich nicht rechnen, sie alle mit Büchern zu beschenken. Bücher-Happenings in Fußgängerzonen, statt Bücherverbrennen fröhliches Selbstbedienen von Lastwagenladungen voller Kurzweil und Wissen - undenkbar. Das alles würde zu viel Logistik bedeuten, zu viele Kosten. Und wer weiß, wie viele Privatleute dann noch Geld aus dem Müll in Internetauktionen verdienen würden, während der Verlag seine Werte einfach wegschmeisst. Zu viel Kultur ist einfach teuer und gefährlich.

Und die Autorinnen und Autoren? Die könnten, würde man die Kosten für den galoppierenden Wahnsinn, an dem hauptsächlich Großverlage beteiligt zu sein scheinen, sparen und auf ihre Honorare... Nein, wage keiner, den Gedanken zu Ende zu denken. Da ist noch ein anderer: Früher, als man Frauen und Bücher noch nicht verlieh, wirtschaftete man bedachtsam. Keiner wäre auf die Idee gekommen, knallbunt und in riesigem medialen Aufwand Lesern eine Ware aufzuschwatzen, die man hintenrum als Müll verschämt entsorgt. Irgendetwas läuft da falsch. Verdammt falsch. War der Vatikan nicht sorgfältiger, indem er nur die Ketzer ausrottete, die Bücher aber für spätere Generationen bewahrte?

Das Abendland als Pappmascheekultur wird nicht untergehen. Eher könnte es eines Tages eiskalt profitorientierte Verlagskonzerne treffen. Denn Autoren brauchen heutzutage keine russische Mafia oder verschwörerischen Sekten, um ihre Texte zu bewahren und zu verbreiten. Irgendwann brauchen sie auch keine Verlage mehr, die ihr Geld lieber in Müllverwertung investieren als in kreative Köpfe und wirklich bewahrenswerte Bücher. Irgendwann braucht man die Handlanger nicht mehr, die Bücher voller Verachtung ihren Inhalten und Schöpfern und Lesern gegenüber unters Volk rotzen und Waren produzieren, hinter denen allenfalls noch der Lektor steht.

Das System ist unwirtschaftlich geworden. Wir schreiben und lesen an einer gewaltigen Müllblase. Aber Ray Bradbury hat uns gezeigt, wie man in einer solch sauber recycleten Soap Opera Untergrund organisieren kann. Wir haben technisch längst alle Fäden selbst in der Hand: Wir können schreiben, veröffentlichen, lesen. Ohne Halbwertszeiten von drei Monaten. Es soll sogar noch Verlage geben, die ihre Backlist pflegen. Die haben aber auch meist noch echte Verleger statt Controller. Wann kontrollieren wir endlich uns selbst?

Lesetipps: 
FAZ über Bücherschreddern
Daniel Leisegang über die Informationsgesellschaft von morgen
Fahrenheit 451

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