Fahrenheit 451 bei Amazon

Hand aufs Herz: Wessen Bibliothek enthält nicht die ein oder andere kriminell erworbene Beigabe? Wenn jetzt allein nur die Menschen erröten, die seit Jahren "vergessen", mir ausgeliehene Bücher zurückzugeben, wäre das wenig. Bedenken wir aber, dass in Bibliotheken geklaut wird und Verlage auf der Buchmesse den zufünftigen Erfolg von Neuerscheinungen auch schon einmal an der Diebstahlsquote festmachen. Wer Bücher im Antiquariat kauft, könnte Hehlerware im Regal haben: Selbst aus Verlagen wird gestohlen - von Päckchen- bis Palettengröße. Und manche Journalisten vertickern frech Freiexemplare für Rezensionen, obwohl das eigentlich nicht erlaubt ist.

Ist man nicht selbst der Dieb, kann man schlecht abschätzen, wer in der Kette vorher kriminell gewesen ist und wer den Hehler macht. Wir können uns sicher sein: Einmal gekaufte, also bezahlte Bücher bleiben in unserer Bibliothek. Wir können damit machen, was wir wollen. Wir können sie lesen, mit Eselsohren traktieren, hineinschreiben oder Marmelade auf die Seiten schmieren. Papierbücher verrotten so schnell nicht, sie lassen sich sogar über Generationen vererben oder kurzfristig spenden, verschenken und ausleihen. Bücher wandern als Bettlektüre in unsere intimsten Bereiche, manchmal sind sie unsere besten Freunde.

Und jetzt stelle man sich diesen Krimi vor: Man liegt hingegossen in Adams oder Evas Kostüm mit Buch auf der Matratze, plötzlich sprengt jemand die Schlafzimmertür auf, ein vollkommen maskierter Kerl springt herein, reißt einem das Buch aus der Hand und verschwindet durchs Fenster! Hat das Überfallopfer seinen ersten Schrecken verdaut, bemerkt es, dass sich dieser Kerl dauerhaft in der Wohnung eingenistet hat und von der Speisekammer aus unser Leseverhalten, unseren Bücherbesitz und wer weiß was noch alles akribisch überwacht. Der Saugrüssel mit den Augen von Big Brother reicht bis ins Schlafzimmer - so schnell kann ein Leser gar nicht schauen, wie der Bücher konfisziert!

Zukunftsmusik? Science Fiction? Nein. Verbraucher ahnen ja gar nicht, wie nackt sie sich mit Datenvernetzungen ausliefern. Big Brother Amazon hat zugeschlagen, mit uneingeschränktem Zugriff und Dauerverbindung via Kindle. Amazon scheut sich nicht, davon je nach Gusto E-Books zu löschen, ob in der Bibliothek, im Schlafzimmer oder auf dem heiligen Leseörtchen - Amazon ist überall.

Dass der allmächtige maskierte Kerl ausgerechnet bei George Orwell und "1984" zuschlug, geht über Realsatire leider weit hinaus. Mich erinnert die Brutalaktion an einen anderen Zukunftsroman, der damit also auch Gegenwart geworden ist: an Ray Bradburys legendären Roman "Fahrenheit 451". Bradbury hat in seinem Roman noch Feuer für die Bücherverbrennung gebraucht - Amazon macht das mit ein paar Klicks. Schöne neue Welt.

Was lobe ich mir jetzt wieder meinen Leib- und Magenbuchhändler! Da möchte ich doch den bekannten Spruch von Thea Dorn variieren: Nehmen Sie ein Papierbuch mit ins Bett. Papier löscht sich nicht.

Lesetipp: Spiegel-Artikel über die Gefahren bei online verbundenen Geräten: Spionagesoftware wurde längst getestet.

Update: Amazon entschuldigt sich bei Kunden
Die SZ über die weiteren Gefahren der Online-Vernabelung von Büchern

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1 Kommentar:

  1. Schön, dass dank meiner Idee ein paar PR-Leute etwas Schlaues sagen konnten...

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In diesem Blog ist kein Platz für diesen Dreck. Ich lese das auch nicht, sondern lasse automatisch löschen.

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