Warten können

Manchmal ist die Zeit einfach noch nicht reif. Dabei weiß jeder, der in irgendeiner Form mit Kunst zu tun hat, dass der Kairos - jener günstige glückliche Zeitpunkt - über alles entscheidet. Man kann ihn nicht planen, nicht herbeizaubern und schon gar nicht zwingen. Der Kairos widersteht dem Nachdenken über einen Text ebenso hartnäckig wie jeder Form von Marketing.

Manchmal, so habe ich das in Polen gelernt, läuft unsichtbar etwas neben einem her, in einer perfekten Parallele. Manchmal gelingt es einem, dieses Etwas zu erahnen. Vielleicht hält man länger inne als sonst, vielleicht beschleunigt man seinen Schritt, meist tritt man einfach nur daneben: die Parallele verschiebt sich. Anziehungskräfte wirken, eine Schnittstelle in der Ferne entsteht. Zwei Körper im freien Fall (padek), vom Nebeneinander zum Aufeinander-zu (przy). Przypadek: der Zufall. Krzysztof Kieslowski hat die Parallelen eindrucksvoll verfilmt (Der Zufall möglicherweise / Die zwei Leben der Veronika).

Im Deutschen ist der Zufall nur einer von vielen Fällen, man traut ihm weder Zielgerichtetheit noch tiefere Bedeutung zu. Ähnlich wie beim englischen accident ist der Zufall eigentlich ein Unfall. Geht die Sache gut aus, hat man Glück oder Schwein gehabt. Und traut selbst dem nicht ganz. Denn das Schwein haben einst bei Wettläufen oder Schützenfesten stets die Schlechtesten verliehen bekommen, die Verlierer. Ein fettiger Trost für denjenigen, der am weitesten vom Kairos entfernt war. Hätte er denn seinem persönlichen, neben ihm her laufenden Glück in die Arme rennen können, wenn er nur einen Schritt daneben getreten wäre?

Menschen, die mit Schweineunfällen rechnen, setzen lieber auf Trends. Glauben, wenn sie sich am Start mit der größtmöglichen Masse befänden, fiele beim Lauf auch ein Krümelchen Glück für sie selbst ab. Im schlimmsten Fall wäre es eben ein Schwein und das sei allemal handfester und nahrhafter als der ersehnte Ruhm, der große Durchbruch unter den Schützenkönigen.

Der Programmchef eines Verlags sagte einmal zu mir: "In dem Moment, in dem ein Autor einen Trend erkennt und ihm "entgegen schreiben" will, ist es längst zu spät."
Denn dann hat sich der Trend längst etabliert, muss sich der Autor an den Massenstart begeben, ist nur noch ein Nümmerchen unter vielen. Die Laufbahn des Trends engt ihn ein; um standzuhalten, muss er sich anpassen, muss besser als die Besten werden, die auf dieser Bahn schon Jahre üben. Nichts mehr mit Danebentreten. Dann ist nicht einmal mehr ein Schwein zu gewinnen. Und manchmal hat der Trendläufer sogar Pech, weil diese Sportart kurzlebig sein kann. Die Gunst des Publikums ist wankelmütig. Bis das Buch geschrieben und produziert ist, geht man vielleicht nicht mehr auf Schützenfeste, sondern auf Fischerfeste.

So kommt der Trendläufer schnell ins Hecheln, mancher hyperventiliert, andere dopen heimlich oder träumen davon, der Konkurrenz Reißnägel auf die Aschebahn zu werfen. Das ist kein befreiendes Laufen mehr, es ist ein Hinterherhecheln, ein Kampf mit der Erschöpfung und irgendwann mit der inneren Leere. Tunnelblick. Nur noch ein einziges Ziel vor Augen und gebe das Glück, dass der Zufall nicht zum Unfall wird - dieses Glück, dem man längst nicht mehr richtig traut. War es schließlich nicht die Suche nach diesem Glück, die einen vom ursprünglichen Weg abgebracht hat, mitten in dieses Massenmarathon hinein?

Unermüdlich und geduldig, still und unsichtbar begleitet der Przypadek-Zufall den müden Läufer in einer perfekten Parallele. Würde dieser Mensch doch nur einmal wagen, einen winzigen eigenen Schritt lang quer zu laufen, daneben zu treten! Was kann schon geschehen, wenn der Läufer plötzlich mitten im Massenwahn eine Pirouette drehte? Schlimmstenfalls hätte er einfach Schwein. Es könnte aber auch passieren, dass er damit die Parallele verschiebt. In weiter Ferne wird es zum Schnittpunkt kommen. Zu diesem Zeitpunkt könnte man die gerade, vorgezeichnete Bahn verlassen, sich seinem persönlichen Zu-Fall zu(przy)neigen. Bei dieser Art von Zu-Fall ist der Kairos unvermeidlich. Man kann ihn anvisieren. Und muss nur warten können.

PS: Diese Gedanken kamen mir beim Lesen eines Artikels über ein völlig anderes Thema. Plötzlich sah ich eine Linie. Mitte der Achtziger fertigte ich mit einem plumpen Desktop-Programm, viel Handarbeit und Kopiergerät eine winzige "Kulturzeitung" für Dorfbewohner. Ich träumte von Zeiten, in denen Technik auch diese Unkosten einsparen ließe. Mein Elsassbuch war der berühmte Schritt daneben. Ich lehnte ein Trendangebot dafür ab und machte einen Schritt daneben. Im Herbst werde ich mich einer einstigen Parallellinie nähern, ich kann plötzlich einen Schnittpunkt erkennen.

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