Wenn es in der Birne brennt

Nein, ich weiß mich noch kurz zu fassen, keine Angst! Bei den letzten beiden Beiträgen stand ich vor der Wahl, sie zu splitten. Weil man dann aber im Blog rückwärts anfangen muss mit dem Lesen - der Anfang rutscht ja nach hinten - habe ich mich dafür entschieden, sie ganz zu bringen. Man darf in so ein Blog ja durchaus auch mal mehrere Tage hintereinander hineinlesen oder alte Beiträge neu ausgraben. Die massive Überflutung mit Lesestoff hat natürlich noch einen anderen Sinn: Ich werde hier die nächsten Tage nichts Nennenswertes zustande bringen.

Am Dienstag muss mein Hund operiert werden, was mich bereits jetzt mit Vorpanik erfüllt. Die Tage darauf bin ich natürlich ganz für ihn da und werde das Krankenschwester-Spielen im Haus dazu nutzen, den Auftrag für den Nijinsky-Hersteller fertig zu machen. Da wollen noch diverse Werbetexte für die Buchmeldungen geschrieben sein. Vor zwei Tagen nämlich war das Cover picobello fix und fertig - ein echter Hingucker, aber völlig außergewöhnlich anders. Bis zum Erscheinungstermin handelt es sich dann nur noch um ein paar Wochen.

Außerdem ist mir heute etwas Seltsames passiert, das mich ziemlich aufwühlt und schon den ganzen Tag in eine Art Halbtrance versetzt hat. Ich habe ein ultradickes neues Heft aus der Schublade geholt und notiert wie eine Wahnsinnige. Wer mich kennt, der weiß, dass ich für neue Projekte "Denkhefte" anlege (wäre auch mal einen Artikel wert). Das Problem ist: Ich habe in diesem Blog schon so oft verkündet, dass ich nun ganz genau wüsste, welches Buch ich als nächstes schreiben wollte. Im Lauf der Zeit sind auf diese Art sogar Denkhefte zu Projekten entstanden, die nie das Licht der Welt erblickten. Kollegen schimpften mich schon, ich würde mich wohl lieber im Blog verzetteln, als irgendeines dieser Bücher zu schreiben. Mein Problem: Keins dieser Projekte schrieb sich. Zu jedem gibt es Textversuche, aber dann war plötzlich die Luft raus oder das Ganze hielt meiner Selbstkritik nicht stand.

Ein Projekt bekam erst gar kein Denkheft. Das Thema (ein Roman) widersprach jeder Vernunft, hätte mich irgendwann womöglich tödlich langweilt und wäre auch nicht an den Mann und die Frau zu bringen gewesen. Sagte mein Verstand. Und kürzlich jubelte ich ja wieder, ich wüsste nun ein neues Sachbuchthema, ebenso riskant wie das Buch über Nijinsky...

Leider - oder zum Glück - überfällt es einen immer hinterrücks und heimtückisch. Ich schmökerte ein wenig in Ortheils wunderbarem Buch "Wie Romane entstehen" und stieß auf die wissenschaftliche Beschreibung der Magie, mit der ein Sujet den Autor derart packt, dass er in der Welt seines Projekts nicht nur leben will, sondern durch die Teilnahme an der Geschichte auf einer nicht greifbaren Ebene in einer anderen Form tatsächlich ins Leben kommt. Kurz darauf surfte ich bei Radio Free Europe / Radio Liberty - und entdeckte beiläufig die Meldung von einem Großbrand in irgendeiner Universität in Tadschikistan, bei dem womöglich eine Musiksammlung von unschätzbarem Wert verbrannte. Ich nahm nur die Schlagzeilen wahr und schmökerte noch vieles andere.

Ich kann nicht sagen, was es ist. Aber so entstehen Bücher. Ich sah Feuer vor mir. Verbrennende Akten, Noten. Und plötzlich sah ich schmelzende Wachsrollen. Ich verbrachte den Tag ganz normal, las noch ein paar Häppchen Ortheil und sah ständig schmelzendes Wachs vor mir. Mit dem sicheren Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, wenn ich nicht sofort zu Papier und Stift griff. Bei einem Großbrand schmelzen Phonographenwalzen dahin. Von unschätzbarem Wert - denn keiner kennt sie, keiner wusste von ihnen.

Was dann folgt, ist wie eine Trance - man ist verloren für diese Welt. In meinem Fall diesmal war es besonders schlimm. Denn plötzlich redeten all die angefangenen Projekte und Textfragmente miteinander. Es war, als hätte ich in den letzten Jahren immer das Gleiche umkreist und von verschiedenen Seiten betrachtet, ohne zu wissen, um was es sich handelt. Als hätte ich Texte um einen blinden Fleck herum geschrieben - die genau darum nicht funktionieren konnten. Als die Wachsrollen vor meinem inneren Auge geschmolzen waren, konnte ich den blinden Fleck ganz klar erkennen. Was da passiert, verwirrt mich. Natürlich befürchte ich einen neuen Rohrkrepierer. Auf der anderen Seite wäre es gut möglich, dass man sich selbst durch die Schere im Kopf derart blockiert, dass man sich einem Thema erst von den extremsten Außenrändern her nähern muss. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass ich mich selbst erst entwickeln und verändern musste, um meiner Idee gewachsen zu sein. Erst jetzt fühle ich mich außerdem fähig, auch formal zu stricken, was sich in meinem Geist abzeichnet.

Komisch ist dabei, dass es sich genau um das Thema handelt, dem ich gar nicht erst ein Denkheft bescheren wollte. Es handelt sich um das Thema, das ich auffallend mied und unwillkürlich umkreiste - für das mir ständig nur Nein-Argumente eingefallen waren. Alle anderen Denkhefte wären die Fingerübungen dazu.

Es treibt mich um und ich weiß noch nicht genau, was mich umtreibt. Auch dafür will und muss ich mir die nächsten Tage Zeit nehmen. Ich muss mir von einer Figur, die das Feuer nur knapp überlebt hat, erzählen lassen, was auf diesen Phonographenwalzen aufgenommen war. Falls sie mich packen und überzeugen kann, müsste ich endlich einen Roman schreiben, kein Sachbuch. Und zwei Kollegenfreunde würden triumphieren ("hab ich dir's nicht immer gesagt!") und vielleicht, hoffentlich, einsehen, dass man manchmal all das Bloggeschwätz braucht, um sich zu sich selbst zu schreiben.

Kommentare:

  1. Liebe Petra,

    Wow, das klingt unheimlich spannend! Obwohl ich bei der Zeitungsmeldung erst einmal schwer schlucken muss: ein Brand, bei dem eine ganze Musiksammlung zusammenschmilzt? Eine absolute Horrorvorstellung!
    Es fasziniert mich aber sehr, wie Deine Gedanken arbeiten und Deine Denkhefte sich füllen! Und um ehrlich zu sein, bin ich auch neugierig darauf, wie ein Roman von Dir entsteht, gerade nach diesem Sachbuch-Projekt, das so ein Lebens-Herzens-Projekt von Dir geworden ist.
    Ich hoffe, dass Dein ›Bloggeschwätz‹ (ich hätte das niemals so genannt!) Dich zu Dir selber schreiben lässt. Es sind nicht nur Deine Autorenkollegen, die dann triumphieren. In aller Bescheidenheit: Ich würde mich auch sehr freuen!:))

    Liebe Grüße
    Nikola

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  2. Liebe Nikola,

    du bist schuld. Ja, du. Weil ich nämlich auch dein Blog so gern verschlinge, denn du bringst mit so viel Leidenschaft rüber, womit du dich gerade beschäftigst, dass es schlicht ansteckt. Ob ich auch so von meinem Sujet schwärmen kann, weiß ich noch nicht.
    Aber weil ich feststelle, je länger ich warte, desto mehr habe ich nachzutragen, bin ich gleich ins Wasser gesprungen und habe ein neues Blog eröffnet:
    http://romangeburt.blogspot.com/

    Den neuesten Anreisser gibt es immer rechts oben im Menu.

    Herzlichst,
    Petra

    PS: Allen Lästermäulern, die meinen, ich würde mich nun vollends verzetteln, sei gesagt, dass so ein Blog in Minütchen eingerichtet ist und die Texte besser aufräumt, als würde ich sie jetzt noch unter neuem Label in dieses Blog quetschen. Internet funktioniert fragmentarisch.

    Außerdem hat die Teilung einen großen Vorteil: Hier lesen fast ausschließlich Kollegen, Leute aus ähnlichen Berufen und Interessierte an Branchennachrichten - aber sehr selten LeserInnen meiner Bücher. Ich hoffe, dieser leider noch winzigen Gruppe im anderen Blog vielleicht mehr bieten zu können. Denn jedes Mal, wenn ich hier Dinge über mein aktuelles Schreiben veröffentliche, läuft mir die andere Stammkundschaft weg. Internet ist fragmentarisch...

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  3. *freu*
    Dann springe ich sofort hinterher und tauche nach dem Ring, den Du geworfen hast!;)

    Liebe Grüße
    Nikola

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