Autoren aufgepasst!

"Escalator" nennt man es auf Englisch, auf Deutsch sagen viele schnoddrig und eigentlich unpassend "Bestsellerklausel" dazu. Das ist ein Paragraf, den man tunlichst in den Verlagsvertrag aufnehmen lassen sollte - was Literaturagenturen übrigens wissen. Er besagt sinngemäß, dass die Tantiemen bei größeren Steigerungen von Buchverkäufen ebenfalls steigen. Dass also nach den vereinbarten 8% ab soundsoviel Exemplaren 10% fällig werden und so fort. Was die wenigsten Autoren wissen: Hat man eine entsprechende Klausel vergessen und das Buch entwickelt sich über Nacht zum Bestseller, so greift die "Bestsellerklausel" auch ungeschrieben - sprich, Autor oder Agent können sofort nachverhandeln.

Dass die Tantiemen bei den E-Book-Rechten in Bewegung geraten könnten, war abzusehen. Ich berichtete schon einmal: In Uraltverträgen, als alle noch über das E-Book lachten, waren viele Verlage dennoch schlau genug, sich die Rechte für diesselben zu sichern. So habe ich einige (inzwischen erloschene) Verträge, in denen man mir dafür lächerliche, perverse 6,5% anbot. Im angelsächsischen Raum hat sich die Marge offensichtlich auf 25% eingependelt. Das ist aber bei weitem nicht das, was E-Book-Anbieter außerhalb der Verlagslandschaft anbieten. Im deutschsprachigen Raum sind es bei Plattformen und anderen Anbietern oft 50 bis 60% und Amazon toppt das Ganze mit 70%. Verlage müsen also sich etwas einfallen lassen, um Autoren dazu zu bewegen, dass sie ihre E-Rechte abtreten!

Bewegung kommt nun im anglo-amerikanischen Raum auf. Agenten sprechen davon, dass die sogenannte escalator-Klausel zur Norm für E-Books werden könnte. Verlage wollen bei Erfolg Autoren an den E-Books also stärker beteiligen- was nur gerecht wäre! Man will Autoren vor allem damit ködern, dass man mehr Vermarktung verspricht, als dies ein Online-Anbieter leisten könnte. Da heißt es, hart zu vergleichen! Jedenfalls liest man im Bookseller, dass die niedrige Rate von 25% auf Dauer nicht zu halten sei, dass sich aber vor allem die Verlagsgiganten dagegen sperrten, ihre Autoren ordentlich zu beteiligen. Zum ersten Mal seit Jahren hat sich damit das Rad der Verhandlungshierarchien gründlich gedreht. Jetzt sind die Autoren in der starken Position, Nein sagen zu können und weniger erpressbar zu sein. Die Verlage dagegen geraten immer stärker in die Position, ihre Bringschuld zu beweisen.

Die Konkurrenz indes schläft nicht. Amazon startete jetzt nicht nur mit seinem Kindle in Europa durch, sondern zeigt mehr und mehr Tendenzen, auch Teile des üblichen Verlagsgeschäfts zu übernehmen. Eigene Ausgaben und Übersetzungen sind erst der Anfang, jetzt will man auch noch den großen Verlagskonzern-Communities Konkurrenz machen. The Backstory heißt der neueste Launch, bei dem es wie in Lese- und Autorencommunities Zusatzstoff zur bisher bekannten Author's Central geben soll: Interviews, Essays, Podcasts und Lieblingskrempel von Autoren.

Weil das Ganze mit Facebook und anderen Sites vernetzt werden soll, bietet sich für im Web unerfahrene Autoren ein zentraler, kostenloser und einfach zu bedienender Werberaum an, der die aufwändige Programmierung einer schicken Website ersparen könnte. Aber aufgepasst! So werbewirksam es sein kann, diese Plätze zu füllen - für Selbstverleger übrigens ein Must - man gibt damit auch Daten ins potentielle Nirwhana. So manche Firma wachte böse auf, als ihr Facebook-Account plötzlich aus Versehen gesperrt war. Mein Rat: Social media und Autorenangebote dieser Art entbinden einen nicht davon, die wichtigen Daten doch auf einer eigenen Website zu platzieren - wo man Verfügungsgewalt darüber hat und im Fall der Fälle vor Datenverlust gesichert ist! Dann können Angebote wie The Backstory sogar als Vehikel genutzt werden, die eigenen Website oder das eigenen Blog bekannter zu machen und in größere Zusammenhänge einzubinden! Und sage keiner, das sei wieder Zukunftsmusik aus den USA - auch der Kindle ist zuletzt gekommen. Schließlich geht es um sehr, sehr viel Geld, das sich ein Konzern nicht weltweit entgehen lassen wird.

Deshalb hat Amazon übrigens nun auch Pay Pal den Kampf angesagt. Der hauseigene Amazon-Bezahldienst ist ab sofort auch im deutschsprachigen Raum für Händler und Kunden zu haben. Schweinisch schlau, nun auch als Banker Kunden zu binden - unternehmerisch kann man von diesem Blumenstrauß an neuen Maßnahmen nur lernen. Auf der anderen Seite muss ich nach einer sehr schlechten Pay-Pal-Erfahrung sagen: Es war höchste Zeit, dass hier endlich jemand Konkurrenz ins Geschäft bringt. Hoffentlich bleibt es bei der gewohnten Seriosität der Geschäftsabwicklung, die man gewohnt ist von Amazon. Aber warum verschlafen sämtliche Banken dieser Welt die Möglichkeiten? Sind wohl zu viel mit Zocken beschäftigt?

Ein wenig klingen mir die Zeiten im Moment wie bei Onkel Dagobert in Klondike. Autoren sollten sich zwar vor allerhand Panzerknackern hinter freundlichen Masken hüten, aber unbedingt dazulernen, wie man um den kleinen Glückstaler einen Geldspeicher baut. Ich werde die Sache natürlich intensiv beobachten. Denn vor allem für Selbstherausgeber und Selbstverleger kommt so langsam ein sehr potentes Instrumentarium für Vermarktung und Vertrieb zustande, das als Alternative zum herkömmlichen Verlagsbetrieb und Buchhandel zumindest beim Sachbuch und bei Nische jetzt schon besticht. Verträge genau lesen, Verträge akribisch vergleichen und sich nicht zu schade sein, auch einmal etwas zu fordern - das empfehle ich den KollegInnen derzeit. Was die neuen Alternativen bieten und wo die Fußangeln liegen könnten, würde ich in einem Ratgeber genauer betrachten (gib mir jemand Zeit zum Schreiben!).

1 Kommentar:

  1. Dieser Artikel wird gerade wieder in Social media empfohlen. Ich gebe zu bedenken, dass er von 2011 ist und sich inzwischen einiges geändert hat. Auch ist Amazon nicht mehr die rundum zufriedenstellende Plattform diesbezüglich und hat zum Glück Konkurrenz bekommen (Tolino & Co:)

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