1986: Die Kunst des Ausklammerns

Ich war herrlich jung damals, etwa so jung wie die meisten der russischen Rekruten, die man zur "Weltrettung" nach Tschernobyl abkommandierte. Und ich war eine frischgebackene Journalistin voller Ideale, die jenen Übergang zwischen April und Mai mit einem ganz besonderen Projekt feierte. Mein Chefredakteur wollte mich zwingen, für einen Dauervertrag sehr politische Leitlinien zu unterschreiben. Leitlinien, die sich meiner Meinung nach mit Pressefreiheit nicht vertrugen und die Frage aufwarfen: Konnte es sein, dass es auch in unserem westlichen, freiheitlichen Mediensystem so etwas wie eine innere Zensur oder Propaganda gab? Wie stark klaffte die Diskrepanz zwischen Realität und Berichtetem? Hatte vielleicht auch ich schon eine Schere im Kopf?

Mein Experiment war so einfach wie folgenschwer: Ich verpflichtete mich selbst in einem zweiwöchigen Urlaub zu völliger Medienabstinenz. Kein Fernsehen, keine Zeitungen, kein Radio. Internet gab es nicht. Würde zufällig irgend etwas an mich gelangen, würde ich versuchen, es nicht wahrzunehmen. Wie würde sich dadurch für mich als Journalistin die Wahrnehmung der Welt verändern?

Ich freute mich am Leben, an der neugewonnenen Ruhe und spazierte glücklich durch diesen herrlichen, warmen Frühlingsregen, den wir so ersehnt hatten. Mit jeder Pore wollte ich das köstliche Nass aufnehmen, klatschnass und pfeifend, das Leben war schön. Endlich keine nervigen Negativschlagzeilen mehr und kein Chefredakteur, der die Welt zurechtgedichtet haben wollte. Tschernobyl fand in meiner Welt nicht statt. Ich sog den verstrahlten Regen auf, dem man nicht ansah, nicht anfühlte, wie gefährlich er war. Ich fand nur eigenartig, dass so wenige Menschen unterwegs waren, dass alle lieber zuhause saßen in diesen herrlichen Frühlingstagen. Eine Woche später zersprang meine heile Welt in Scherben. Mein Experiment mit der Medienabstinenz hatte mir eine friedvolle, sichere Welt vorgegaukelt, die es längst nicht mehr gab. Plötzlich war jener genussbringende Regen mein Feind. Plötzlich wurde mir klar, welche Macht das Wort besitzt, das nicht geschrieben, nicht gesprochen, nicht gesendet wird.

Nach dem Super-GAU und meinem bösen Erwachen habe ich wahrscheinlich ähnlich empfunden und reagiert wie die meisten anderen auch. Und als Journalistin war ich jetzt hoch sensibilisiert, wollte keine Information mehr versäumen. Als ich jedoch drei Jahre später nach Frankreich zog, war die Verwunderung groß. Lustig und munter gingen die Elsässer Pilze sammeln, brieten ihr Wildschwein. Die deutsche Panikmache war ihnen fremd, denn die Wolke von Tschernobyl hatte am Rhein Halt gemacht - der französische Gesundheitsminister persönlich gab damals die Entwarnung, die Medien zogen nach. Ein paar Grenzgänger, die mit anderen Daten konfrontiert wurden, brachten Zweifel über den Rhein. Die Bekannte, die Ende 1986 von einem mehrfach behinderten Kind entbunden wurde, obwohl in Voruntersuchungen alles perfekt erschienen war, wurde verlacht. Wagte die Frau doch tatsächlich, zu erzählen, alle Kinder des Jahrgangs hätten irgendwie mehr gesundheitliche Probleme als die Kinder früher. Irgendwie muss die sich ja ihre eigenen Probleme zurechtreden, sagten die anderen. Blödsinn, diese Phobie vor verseuchtem Salat, verseuchter Milch, gefährlichen Sandkästen. Tschernobyl kam nicht bis nach Frankreich.

Es gab damals kein Internet, keine Informationsvernetzung wie heute. Sonst hätten die wenigen Franzosen, die auf eigene Faust Messungen durchführten und Haarsträubendes, etwa aus Korsika, zutage förderten, nicht verlacht und totgeschwiegen werden können. Und vielleicht hätten wir bemerkt, wie die Atomlobby, die Regierung und die Medien im Atomland Frankreich ein abgekartetes Spiel spielten: Das Spiel vom Ausklammern, vom Kleinreden. Vom Verrücktreden der Gegner mit ihrer kindischen Panik. Das marode Russland und die dann noch marodere Ukraine schienen weit weg. Es ging uns nichts an.

Es schien immer noch weit, als ich 1993 nach Warschau zog. Auch wenn die Polen 1986 so schlau gewesen waren, in manchen Gebieten Jodtabletten zu verteilen, war man dazu übergegangen, Tschernobyl kleinzureden, wegzuschweigen. Die Bauern wollten endlich wieder ihre Waren verkaufen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war Kapitalismus angesagt - mit verseuchten Gebieten machte man keine Profite. Wenn keine Karten von radioaktiven Wolken veröffentlicht werden, kann die Strahlenbelastung nicht hoch gewesen sein. Als ich nach Polen kam, wurde die Luftverschmutzung in Krakau diskutiert, redete man über die Altlasten der Huta Warszawska und wie mit Westgeldern alles saniert werden würde. Wir schwelgten in frisch gesammelten Waldpilzen, kauften wegen der Luftverschmutzung in der Großstadt gesunde Bionahrung aus Masuren und sammelten dort im Urlaub köstliche Beeren.

Als die erste Bekannte wegen Schilddrüsenkrebs nach Paris ausflog, galt das noch als persönliches Pech. Als in meinem Bekanntenkreis immer mehr Schilddrüsenprobleme bekamen, redeten es sich die Franzosen mit Jodmangel schön - wir bekamen einfach nicht genügend frischen Fisch! Fortan stürzten wir uns bei jedem Empfang und jedem Buffet auf Lachs und Kaviar. Als einer meinte, Tschernobyl sei eigentlich nur 600 km entfernt, einen Wochenendausflug weit also, lachten sie ihn aus. Man wisse doch, die Wolke sei nach Schweden und nach Deutschland gewandert, aber doch nicht hier unten im Osten ... Dass in Tschernobyl zu dieser Zeit wieder fleißig Reaktoren liefen, ahnte keiner. Es fand nicht statt in den polnischen Medien damals. Und in anderen auch nicht.

Bald fand auch ich mich in einer Klinik wieder. Nach Deutschland war ich ausgeflogen. Ich, die ich so viel Fisch wie nur möglich gegessen hatte, konnte mir meine Schilddrüsenprobleme nicht mehr schönreden. Wo ich leben würde, wollte der Arzt wissen. Wie lange schon. Aus welcher Region unsere Nahrungsmittel kämen. Was ich 1986 gemacht hätte. Dann sei ja alles klar. Jodmangel?, fragte ich hoffend. Tschernobyl, sagte er. Haben wir bei allen Patienten, die mindestens ein Jahr in Osteuropa lebten. Sie sind nicht die einzige. Aber Sie sind spät dran, die meisten kamen früher. Die meisten kommen aus Tschechien und Polen zu uns. Die Operation ist zur Routine geworden, seit 1986 haben wir richtig Übung im Entnehmen von Schilddrüsen. Nur sagen dürfen wir das nicht laut. Wir wissen die Gründe, aber wir können sie nicht beweisen. Es gibt keine Forschungsgelder.

Ich bin dann wieder zurück nach Polen, die Schilddrüse wie ein selbstständiges Tier im Hals. Ein Tier, das regelmäßig beobachtet werden muss, weil es bösartig werden könnte. Ein Tier, das ich nicht durch lebenslängliche Tablettengaben ersetzen wollte und doch irgendwann loswerden muss. Und ich hatte deutsche Zeitschriften im Gepäck, deren Inhalte mir zumindestens im französischen Umfeld kaum jemand glauben wollte. Die Deutschen mit ihrer Panik, man kann alles übertreiben. Bis eines Tages in Warschauer Buchhandlungen eine amerikanische Ausgabe des National Geographic lag. Die amerikanischen Freunde nahm man ernst in Polen. Schonungslos zeigten sie, wie verseucht und gefährdet Polen wirklich war - der Bionahrungsproduzent Masuren allem voran. Und es gab darin Karten von Frankreich.

Eine zweite Schockwelle ging in Europa um. Tschernobyl hatte also doch stattgefunden, auch in den Landstrichen des Verschweigens und Schönredens. Wie sehr hätte man die Menschen schützen können, wenn man das Desaster zugegeben hätte! All die herrlichen Pilzgerichte und frischen Waldbeeren, das köstliche Wild und das Biofleisch und die Milchprodukte, all das herrliche Geld, das geflossen war, während die Deutschen und die Schweden lieber Nahrungsmittel vernichteten ... Jetzt holten sie alle die Berichte und Untersuchungen nach, Jahre zu spät.

Heute lebe ich wieder in dem Land, dass die wahre Katastrophe erst in der Rückschau begreift, nur langsam aufgewühlt von Fukushima. Wieder erfahre ich von der ausländischen Presse mehr und zum Glück gibt es das Internet. Doch was wird erzählt und wie viel? Was wiegt das Schweigen? Wie still ist es geworden um Fukushima, nachdem die ständig willkürlich geänderten Messergebnisse und Grenzwerterhöhungen, die lächerlichen Pressekonferenzen von Tepco und die Hilflosigkeit der Regierung jede Glaubwürdigkeit ad absurdum geführt hatten. Ausländische Fachleute sind vor Ort - sind wir seither besser informiert? Warum gelangen jetzt keine Daten nach draußen, nur Beschwichtigungen? Ist es wirklich nur "typisch russisch", wie damals behauptet, wenn man Menschen in Lebensgefahr verschaukelt und zynisch Opfer einplant?

Das Ausklammern macht unsere Welt heiler. Wer könnte schon noch ruhig schlafen, diesseits und jenseits des Rheins, wenn er sich den Super-GAU in der nächsten Nachbarschaft vorstellte. So eine Schilddrüse, so ein Krebs - das alles ist anders interpretierbar, hätte die Menschen vielleicht auch so irgendwann ereilt. Haben sich vielleicht nicht richtig ernährt. Sind vielleicht selbst schuld. Schönreden kann man sogar den Tod. Und trotzdem - etwas ist anders seit meinem naiven Medienexperiment im Jahr 1986 und meinem unschuldigen Spaziergang im strahlenden Regen!

Wir haben alle unsere Unschuld verloren. Informationen sind im Internetzeitalter nicht mehr aufzuhalten. Staaten können noch so sehr zensieren, die Atomlobby kann noch so viel verschweigen - irgendwann und irgendwo treten durch einzelne Menschen immer relevante Einzelheiten zutage. Die Rolle der einst kritischen und objektiven Medien haben heute mutige Dokumentarfilmer und Augenzeugen übernommen.

Wir können wegschauen. Aber wir können nie wieder in der Geschichte behaupten, wir hätten nichts davon gewusst. Doch wir vergessen zu schnell - und diejenigen, die Tschernobyl vor Ort erlebt haben, sterben viel zu schnell. Wir könnten jedoch das Schweigen brechen und endlich all die Geschichten erzählen, die längst hätten erzählt werden müssen. Wir könnten versuchen, die betroffenen Menschen und ihre Schicksale wenigstens eine winzige Halbwertszeit lang lebendig zu halten. Vererben wir doch auch Tschernobyl und Fukushima als lebendige, ganz und gar nicht berechenbare Monster an viele zukünftige Generationen.

Gucktipps:

Die Künstlerin Cornelia Hesse-Honneger sammelt für ihre Werke mutierte Wanzen aus der Sperrzone von Tschernobyl - ein Interview im Deutschlandradio und die Website der Künstlerin.

Tschernobyl. Eine umfassende Dokumentation mit Augenzeugenberichten und vorher weitgehend unbekanntem Film- und Fotomaterial von Thomas Johnson aus dem Jahr 2007. - Die DVD

Tschernobyl forever. Doku von Alain de Halleux, ein absolutes Must auch für den letzten Zweifler. - Sieben Tage auf ARTE anzusehen - Interview mit Alain de Halleux

Alles im Griff? Erschütternde Doku von Alain de Halleux über die Zustände unter Frankreichs "Atomnomaden" und den Umgang mit der Reaktorsicherheit. - Artikel bei ARTE: der Film wird leider nicht mehr ausgestrahlt - die DVD

Kommentare:

  1. Ich erinnere mich nur zu gut an den Tag, als der Regen kam. Ich war Schülerin, kurz vor dem Abitur. Wir haben uns untergestellt und sind dann, als der Regen nicht aufhören wollte, mit den Jacken über dem Kopf zur nächsten Bushaltestelle gelaufen.
    Ja, es war Thema bei uns in der Schule. Aufklärung ohne Panikmache. Typisch deutsch? Heute bin ich froh. Und ich wünschte, man würde in Japan ähnlich denken ...

    AntwortenLöschen
  2. Test
    Klappt Kommentieren bei einigen nicht?

    AntwortenLöschen
  3. Japan ist für mich - seit den unrühmlichen Reaktionen von Tepco und Regierung - ein eindrückliches Beispiel dafür, dass Hochtechnologie und wirtschaftlicher Fortschritt nicht die Hauptfaktoren von Zivilisation sein können / dürfen. Wenn autoritäre Systeme daneben die Menschen uninformiert lassen und planvoll verdummen, kann so eine Zivilisation sich ganz schnell selbst auslöschen...
    Wir wissen so wenig über die wahren Folgen - lieber ein wenig zu viel Panik als verpasste Chancen.

    Aber ich bin auch nicht wirklich zuversichtlich, ob das in unseren Breiten besser ist. Kopfschüttelnd sehe ich, wie Merkel sich grün anstreicht mit ihrem Moratorium und das Sauberland gleichzeitig noch fleißiger Atomstrom aus den Buhmannländern Frankreich und Tschechien einkauft.

    Den in Frankreich abzuschalten, würde bei 75% der Versorgung einer Revolution gleichkommen. So viele Franzosen können aufgrund der Zustände im Land ihre Stromrechnung jetzt schon kaum noch bezahlen, im Winter frieren viele ohne Heizung, das gesamte Sozialsystem Strom hängt an der EDF und die wenigen Ökoanbieter, die man vergessen kann, verlangen 30% Aufpreis. Abschalten klingt da lächerlich, wenn man die Menschen allein lässt.

    Und wenn wir alles abgeschaltet haben, sind wir noch lange nicht atomdreckfrei. Wohin mit dem Müll? Keiner will ihn vor der Haustür haben, nicht mal diejenigen, die am lautesten den Ausstieg verlangen.

    In solchen Momenten kommen mir manchmal ganz zynisch üble Science-Fiction Plots in den Sinn. Wie ganz Japan evakuiert und als oberirdische Atommüllhalde verkauft wurde. Oder irgendwelche Warlords verzocken Wüstenland bei Ebay als Endlager. Vielleicht erzählt uns auch irgendwann einmal ein Präsident, im Atommüll schwebe der lebensspendende Gott Bunga-Bunga, der uns alle auf eine andere Ebene levitieren lasse, wo wir so singen können wie Carla...
    Ich hör besser auf ;-)))

    Die Halbwertszeit von Hirn ist kurz. Wir werden Fukushima so vergessen, wie wir Tschernobyl vergessen haben. Ist dort ja auch alles halb so schlimm. Läuft ja irgendwie. Ist doch offiziell kaum jemand gestorben.

    AntwortenLöschen

Dieses Blog wird moderiert, Kommentare werden also zeitversetzt manuell freigeschaltet. Anonymous spam ist filtered out!

Automatisiert gelöscht werden: Spam, unerwünschte Werbung, Beschimpfungen, Rassistisches, Fremdenfeindliches, Extremistisches und gegen die übliche Netikette verstoßende Kommentare. Gesetzesverstöße werden unverzüglich zur Anzeige gebracht (ein Anonym-Alias schützt hier gar nicht).
In diesem Blog ist kein Platz für diesen Dreck. Ich lese das auch nicht, sondern lasse automatisch löschen.

Powered by Blogger.