Unheilbar: Abgabewahn

Ich pro-kras-ti-niere. Während ich auf die Mail aus der Technik warte, verschiebe ich so anregende Arbeiten wie das Ersetzen von deutschen Anführungszeichen durch französische - vielleicht muss ich es ja doch nicht tun. Und solange nicht das letzte i-Tüpfelchen stimmt, werde ich meine Datei nicht in ein pdf umwandeln. Noch ist mein Buch also nicht so ganz fertig. Noch ist dieser Schlussstrich nicht gesetzt, nach dem man ein neues Leben anfangen könnte. Oder wenigstens Fenster putzen.

Ganz ehrlich: Ein Scheidungsurteil fühlt sich schöner an. Das ist ein echter Schlussstrich, den man wenigstens feiern kann. Die Abgabe eines Buchs, wohin auch immer, stößt Autorensensibelchen dagegen in einen existenziellen Abgrund. Ich habe plötzlich Heißhunger auf Malossolgurken, renne sinnlos in der Wohnung herum, zupfe ein wenig Unkraut, will in den nächsten Zug nach Warschau steigen, gieße ein wenig Unkraut, renne sinnlos im Garten herum, habe keine Lust, die Mülltonne von der Straße zu holen, renne sinnlos auf der Straße herum und bin mir einfach zu viel, weil plötzlich alles zu wenig ist. Abgabe-Blues heißt die Krankheit in der Fachsprache und die wenigsten Psychotherapeuten sehen sich imstande, einen davon zu heilen. Wie auch, die Künstlersozialkasse zahlt das bestimmt nicht.

Normalerweise putze ich nach getanem Buchwerk Fenster. Ich habe genügend, dass es ablenkt, und Fenster wollen in regelmäßigen Abständen geputzt werden. Wie lange schreibe ich an diesem Buch schon? Zwei Jahre, drei? Irgendwie muss ich zwischendurch aus Versehen zum Putzlappen gegriffen haben. Also nix mit Therapie à la "neuer Durchblick, neues Leben". Wenigstens muss ich meine Ballets Russes noch nicht gehen lassen, wie das bei Verlagsarbeiten sonst der Fall ist. Ich werde die Jungs ja noch tüchtig und fleißig unters Volk bringen müssen. Und wenn ich traurig über den Fast-Abschied mit dem Hund über die Wiesen laufe, duften die nach Zubrówka-Wodka, wie zum Teufel soll einem da leicht ums Gemüt werden?

Vielleicht sollte ich wieder wieder wieder Schostakowitsch hören. Dabei herumlaufen, als würde ich nicht zu mir gehören. Ich habe das Leben verlernt. Ich habe endgültig dieses Leben verlernt, da so viele Menschen um mich herum beherrschen: Dazusitzen, ohne zu denken. Herumzulaufen, ohne Geschichten zu erfinden. Unkraut zu zupfen, ohne dass man irgendwelche Szenen vor sich sieht. Fenster zu putzen, ohne dass eine Buchfigur ans selbige klopft und Einlass begehrt.

Vielleicht stehe ich deshalb so sehr neben mir: Ohne Buch im Kopf bin ich diese Person nicht gewohnt. Die grenzenlose Freiheit, sich jetzt alles mögliche ausdenken zu können, verlockt. Aber die Qual der Wahl fühlt sich an, als müsse man all das Unkraut an einem Tag ausreißen. Vielleicht doch lieber die Mülltonne holen? Schreiben, wie geht das noch gleich? Ob ich es noch kann, nach so viel Lektorieren, Layouten, Setzen, Datenbasteln? Ich beschließe, Freunde einzuladen, die kein Problem mit Unkraut haben und mir nicht beim Fensterputzen helfen wollen. Vielleicht fragen sie mich nach Nijinsky und dann kann ich für einen kurzen Moment so tun, als würde ich ihn immer noch mit mir herumtragen. Ich müsste dann nicht an die typische Angst denken, die manche Autoren in diesen Momenten befällt und die von der Künstlersozialkasse nicht betuddelt wird ...

Die Angst, es beim nächsten Buch nicht mehr zu können, nicht mehr so gut zu können. Die Angst, sich mit den neuen Figuren nicht anfreunden zu können. Die Angst, die nächste Figur vielleicht weniger zu lieben. Die Angst, Unkraut und Fensterputzen nie in den Griff zu kriegen. Die Angst, Tage ohne Text aushalten zu müssen. Die Angst, plötzlich aufzuwachen und sich nichts vorstellen zu können. Die Angst, dass Fantasie einrosten könnte. Die Angst, nicht mehr von einem Thema "gebissen" zu werden. Die Angst, Leidenschaft könne sich aufbrauchen. Die Angst, nicht gelesen zu werden. Die Angst, bei der nächsten Abgabe diese Angst zu spüren.

Manchmal hilft Fensterputzen gegen den ersten Anflug von Autorenblues. Manchmal hilft auch Schostakowitsch, gedonnert, gegen aufkommende Abgabepanik. Aber eigentlich macht man all das - das Putzen, Unkrautjäten, Herumlatschen und Mülltonnenschieben, Jammern und Greinen und Feiern und Reden doch nur, um einen gefährlichen Anfall zu provozieren. Nämlich den, im Schweinsgalopp zum nächsten Stift und Papier zu rennen, um irgendeinen vorwitzigen, ungefragt hereinschneienden Gedanken zu notieren. Das ist der Moment, in dem man aufatmet, weil man weiß, dass man trotz allem noch lebt.

Kommentare:

  1. Sabine Kanzler20/4/11 11:29

    Im Sinne eines wohlgeordneten Haushaltes ist dann aber ein regelmäßiger Autorenblues eine feine Sache. Muss man nur noch seine Arbeiten so planen, dass man etwa halbjährlich zum großen Putzen kommt...

    Aus Deinen Ausführungen lerne ich außerdem, dass ich wohl kein "richtiger" Autor bin. Ich hab mich nach der Absendung der letzten korrigierten Version in meinen bequemsten Sessel gesetzt und einen Krimi gelesen. Kein Blues, kein Putzanfall - und für Gartenarbeiten war es im Februar noch eindeutig zu früh im Jahr!

    ;-)

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  2. Ich vermute ja, dass die Publikumsverlage das schnelle Karussell bei den Hausautoren (je 1 Buch pro Jahr bei ca. 5 Pseudonymen) erfunden haben, damit die Autorinnen wieder zu den drei K zurückkehren und nicht gefährlich werden ;-)

    Was ist ein "richtiger" Autor? Einer der Fenster putzen kann und den Müll rausträgt?

    Ich reagiere je nach Buch / Text auch unterschiedlich. Den hier beschriebenen Abgabewahn pflege ich nur bei Manuskripten, die mir existentiell ans Bein gingen und mich verändert haben.
    Beim "Lavendelblues", den ich statt in sechs vereinbarten Monaten plötzlich in vier schaffen musste, bin ich hinterher dagegen nur noch in Dauerschlaf gefallen und wollte das Buch ein halbes Jahr lang nicht mehr sehen.

    Ich würde ja zu gern mal bei anderen Autoren Mäuschen spielen, wie die das machen!

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  3. Sowas aber auch. Ich dachte, ich stell hier kurzerhand einen Link zu einem Blogeintrag ein, der erzählt, wie es mir so ergangen ist. Tja. Im blog-Konvolut kann ich diesen nicht finden. Eigentlich müssten es ja mehrere sein und ich weiß, ich habe solche geschrieben. Weil ich diese Ablenkungs-Misere gut kenne. Es ist, als würde man sein geliebtes (aber auch nervendes) Kind abgeben müssen. Man fällt in eine Leere und hadert mit der inneren Welt. Na, so ähnlich halt ;-)

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  4. Da kann ich gleich den richtigen fragen: Ist das bei mir nur Anfängerdeppentum oder wächst der Abgabewahn, wenn man auch noch selbst herstellt? Ich sehe nachts schon leere Seiten, verrutschten Druck und verunstaltete Fotos vor mir... Und ständig frage ich mich, ob nicht der eine Rand einen Millimeter größer und überhaupt...

    Trotzdem: Es ist der schönste Beruf der Welt. Suchtfaktor.

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