Trügerische Stille

Es ist still heute in Frankreich. Verordnete Stille herrscht im ganzen Land, wo sich sonst die Meldungen über brennende Autos und Vandalismus überschlugen. Dafür hören wir in den Neujahrsausgaben der Zeitungen nur von großen Polizeieinsätzen. Allein im Haut-Rhin, der südlichen Hälfte des Elsass, wurden 750 Gendarmen und Polizisten in die Krisenzentren geschickt. Welche Krise?

Innenminister Hortefeux (welch Name!) hat vor Silvester beschlossen, dass in den Medien und der Öffentlichkeit künftig keine Krise mehr stattfindet. Behörden und Einsatzkräften wurde untersagt, Zahlenmaterial und Vorfälle an die Medien weiterzugeben. Angeblich dient das unserer aller Sicherheit. Sicherheit - welch ein strapaziertes Wort. Die Politiker wollen uns glauben machen, das Brennen und Zünden in Frankreich würde aufhören, wenn die Aggressoren sich im Internet nicht mehr zeitgleich Wettbewerbe liefern könnten, welche Stadt die meisten Autos hochgehen lässt. Sie wollen uns glauben machen, die verordnete Medienruhe verhindere ein Hochschaukeln der Wut. Nur noch im Jahresgesamtbericht werden die Vorfälle der letzten Nacht auftauchen - perfekt maskiert wie die Täter selbst - für die Öffentlichkeit nicht mehr nachzuvollziehen.

Es herrscht Ruhe im Land. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Wie heiß brennt ein Auto, von dem ich nie erfahren werde? Wie wütend sind diese jungen Menschen, von denen ich nie etwas sehen werde? Seit den bürgerkriegsähnlichen Zuständen vor einigen Jahren hat sich nicht wirklich etwas verändert. Das bißchen Staatskosmetik kam nicht einmal immer an; Benachteiligung, Ausgrenzung und Chancenlosigkeit sind weiter an der Tagesordnung. Wer in Frankreich in eine Sozialwohnung gerät, lebt weiter im Ghetto, hat sein Leben verwirkt. Aus diesen Vierteln kommen nur wenige wieder heraus. Und diese wenigen werden kriminalisiert, auch wenn sie anständig sind. In manchen Sozialämtern hängt noch der offene Brief der Angestellten an Sarkozy, die gemeinsam erklärt hatten, sie würden sich weigern, alle Sozialhilfeempfänger des Landes für eine Polizeidatei zu melden. Der Protest ist fast unlesbar vergilbt. Armut in Frankreich - das heißt seit wenigen Jahren staatlich festgelegter Verdacht auf potentielle Kriminalität. Und immer öfter heißt es grenzenlose Wut, selbst bei den Anständigen.

Ruhig ist es an diesem Neujahrstag in Frankreich. Die ohnehin nicht mehr allzu freie Presse beeilt sich zu erklären, es sei tatsächlich ruhiger geblieben. Was man so weiß - denn eigentlich darf man ja nichts mehr wissen. Strasbourg: friedlich (von fünf Autos weiß man). Kein Wunder, bei dem Polizeiaufgebot. Aber dann stehlen sich einzelne Meldungen doch ins Blatt, weil irgendeiner nicht geschwiegen hat, weil irgend ein Reporter doch vor Ort war und ein Foto machte. Nach Mulhouse hatte man ebenfalls Polizei geschickt, das Viertel Bourtzwiller ist berühmt-berüchtigt. Etwas war anders in diesem Jahr: Die Einwohner feierten gemeinsam friedlich auf der Straße. Ein paar hundert Meter entfernt ging dann jedoch genau das los, was heute in den Medien nicht explodieren darf: Noch vor Mitternacht brannten zwölf Autos, die Jugendlichen gingen mit Steinen auf die Polizisten los.

Eine Nacht wie jede andere Silvesternacht in einem Land, in dem man Bürger ausgrenzt, die einem nicht passen. In dem die Wut auf gewisse Politiker und Korruption längst auch brave Bürger entzündet. Die Feuer wie die Ursachen für die Feuer brennen weiter. Das erzwungene Schweigen der Medien wird sie nicht löschen. Etwa 13.000 Brandstiftungen der wütenden Art gab es 2009. Man verspricht uns Sicherheit, umfassende Sicherheit. Welch ein verdächtiges Wort. Recht auf Information? Pressefreiheit?
Europa 2011. Wer ist der Biedermann? Wer sind die Brandstifter?

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