Der Hang zum Holz

Bei Twitter werden unter dem Hashtag #schoenesWort immer noch schöne Wörter gesammelt, die sich irgendwie durch Assoziationsreichtum oder Klang auszeichnen. Eine erste Liste für das Geheimprojekt, das wohl Ende Februar ans Netz gehen soll, gibt es nun hier. Spannend, wenn man die zufälligen Eingebungen der Mitmacher einmal genau anschaut. Werden am Ende die gefühligen Wörter aus der Himmel-Harmonie-Liebe-Schmalz-Ecke überhand nehmen? Oder kann man auch Wörter lieben wie Onomatopoesie, Konzeptidee, Erfolg oder Toilettenspülbetätigungsplatten?

Mir fällt noch etwas anderes auf: Werden bunt durch die Menge Menschen gefragt, welche Wörter sie gerade besonders schön finden, so machen eindeutig die Substantive das Rennen. Verlierer sind (bisher) seltsamerweise die Verben. Haben wir engere emotionale Beziehungen zu Substantiven?

Natürlich muss ich als Textarbeiterin sofort an meinen Volontärsunterricht von früher denken. Die ersten Artikel, die wir damals schrieben, strotzten nur so von Substantiven. Und wenn etwas einmal emotional die Leser berühren sollte, quetschten wir auch noch fleißig Adjektive dazu. Das machen übrigens nicht nur journalistische Anfänger so, diesen Umgang mit Sprache findet man in nahezu allen Anfängertexten. Wir haben in der Schule meist nichts anderes gelernt. Frei nach Wolf Schneider gingen unsere Lehrer allerdings sofort auf die Barrikaden. Zuerst wurde uns Hemingway als Beispiel um die Ohren geknallt und die Adjektivitis zur Krankheit erklärt. Obwohl wir später lernten, dass es auch Plätze für ein gutes Adjektiv gibt und Texte, in denen sie sogar erwünscht sind, war diese Radikalmethode hilfreich. Denn Adjektive sind oft Krücken, wenn wir sonst im Satz versagen, ein Bild zu malen. Und in den meisten Fällen sind sie tatsächlich überflüssig.

Da war aber noch ein Rat, den wir zu beherzigen hatten: Gute Verben machen eine Sprache lebendig. Das Deutsche hat tatsächlich den Drang, alles zu substantivieren - wahre Ungetüme finden wir in der Bürokraten- und Politikersprache. Formulardeutsch jagt uns nicht umsonst einen unguten Schauer über den Rücken: Hier ist die Sprache statisch geworden, leblos, fremd - kaum noch ein Verb, das wirklich leben darf. Wir lernten damals, Substantive in einem Satz seien wie Pflöcke, die man zur Orientierung einschlägt - aber da bewegt sich nichts, da atmet nichts. Solche Sätze sind Holz.

Es ist gar nicht so einfach, beim eigenen Schreiben einmal auf die Lebendigkeit der Verben zu achten und zu prüfen, wie viel "Bild" sich in unserem Text aus echten Handlungen ergibt:
Er war an diesem Tag Bergsteiger.
Er machte sich ans Besteigen des Berges.
Er unternahm den Aufstieg.
Er kraxelte zum Grat.
Er mühte sich den Ziegenpfad hinauf.
Er hüpfte den Ziegenpfad hinauf.
Er schwitzte über dem Felsvorsprung.

Es ist gar nicht so einfach, die eigenen Texte immer wieder selbstkritisch unter die Lupe zu nehmen, um zu prüfen, ob man wirklich das treffende Wort gefunden hat, ob man nicht zu viel "Holz" schlägt und zu wenige Bilder, Sinneseindrücke und Handlungen vermittelt. Aber je öfter man das macht, auch bei scheinbar unwichtigen Sätzen, desto eher geht es in Fleisch und Blut über.

Auch beim Übersetzen lässt sich das Sprachgefühl bestens schärfen. Übersetzer tauschen gern untereinander Sprachgags aus, die leider nur bei Kenntnis beider Sprachen wirklich zu verstehen sind. Aber einen dieser Texte, den mir eine französische Kollegin schickte, möchte ich sehr frei aus dem Französischen übersetzen (leider geht der Witz außerhalb der Dialoge verloren), weil er zeigt, wohin man mit deutscher Substantivitis kommen kann:

Eine französische Lehrperson will ihre Schüler überzeugen, dass Deutsch eine absolut einfache Sprache sei. Man könne damit nämlich in völlig logischen Reihungen Sätze konstruieren. Der Franzose präsentiert zum Beweis ein deutsches Buch über die Gebräuche der Hottentotten. Beutelratten werden darin in Koffer gesteckt, die mit Lattengitter versehen sind. Der Lehrer erklärt, man nenne das folglich Lattengitterkoffer - und in gefülltem Zustand Beutelrattenlattengitterkoffer.

Eines Tages nehmen die Hottentotten einen Attentäter fest, der eine Mutter, also eine Hottentottenmutter, umgebracht haben soll. Deren Sohn ist ein Stottertrottel. Daraus bilden wir mit Leichtigkeit die Substantive Hottentottenstottertrottelmutter. Und der Mörder ist ein Hottentottenstottertrottelmutterattentäter. Die Polizeit steckt ihn in einen Beutelrattenlattengitterkoffer, doch der Täter entkommt. Es entspinnt sich folgender Dialog:

- Ich habe einen Attentäter gefangen genommen.
- Was, wen?
-  Den Beutelrattenlattengitterkofferattentäter.
- Was, ihr habt ihn in den Käfig für diese Tiere gesteckt?
- Ja, weil es doch der Hottentottenstottertrottelmutterattentäter ist!
- Du Trottel, warum hast du nicht gleich gesagt, dass du ihn hast, diesen Hottentottenstottertrottelmutterbeutelrattenlattengitterkofferattentäter!

Unsere Substantivitis "vereinfacht" die Sprache also derart, dass sie auch in anderen Sprachen fühlbar ist. Die Franzosen haben es da sehr viel schwerer als wir, weil sie alles in Einzelteilen ausdrücken müssen. Im Französischen ist der Käfig mit einem Gitter versehen und die Ermordete bekommt gleich eine Doppelfunktion: als Mutter eines Trottels und Stotterers. Was wir in einem einzigen Riesenwort ausspucken können, müssen sie mühsam mit "de"-Gestotter und Genitivreihungen erzeugen.
Und weil das auch im Französischen absolut nicht klingt, wird schnell klar: Zu viele Substantive tönen nicht nur wie Holz, sie machen aus einem einfachen Satz auch einen Urwald - bilderfern und undurchdringlich.
Vielleicht fällt ja den Schöneworttwittersammelsucheragentenköpfen auch noch das ein oder andere schöne Verb ein?

Update: Es ist nun amtlich, bei #schoenesWort liegen die Sentimentalen vorn.

Kommentare:

  1. Hach, bei dem Stichwort "de-Gestotter" mußte ich an die bekannte Flaubert-Geschichte denken.

    Den alten Perfektionisten haben zwei Genitive hintereinander in Madame Bovary fast umgebracht ("mein Leben vergiftet"), aber es ließ sich nicht anders ausdrücken als "une couronne de fleurs d'orangers" :))

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  2. Welche Musik! Was für Farben! Welch waberndes Düfteln! Nix mit "Orangenblütenkranz". ;-)

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