Karina Schmidt über "MehrWert"


Das Interview zur Studie der BücherFrauen "MehrWert" führte Petra van Cronenburg (PvC) mit Karina Schmidt (KS)

PvC: Frau Schmidt, Sie sind Vorsitzende der BücherFrauen e.V. Können Sie sich und ihre Arbeitsschwerpunkte bei den BücherFrauen kurz vorstellen?

KS: Ich bin freie Lektorin, Korrektorin und Autorin in Hamburg. Studiert habe ich Germanistik und Soziologie in Frankfurt a.M. und Hamburg, habe außerdem als Buchhändlerin, als Freie im Verlag und freie Journalistin gearbeitet. Einige Berufe unserer Branche kenne ich also aus eigener Erfahrung ganz gut. Bei den BücherFrauen bin ich seit 15 Jahren und möchte das Netzwerk nicht missen, denn es hat mir zahlreiche Impulse für die eigene Berufskarriere gegeben.

Seit drei Jahren bin ich die Vorsitzende der BücherFrauen und in dieser Rolle besteht mein Job vor allem darin, den Überblick über die zahlreichen Projekte des Netzwerkes zu behalten und sie nach außen zu kommunizieren. Dazu gehören die Mentoring-Programme, die BücherFrauen-Akademie, unsere Veranstaltungen auf den Buchmessen, wozu auch die Ehrung der „BücherFrau des Jahres“ gehört, und vieles mehr. Im letzten Jahr war das größte Projekt unsere Studie zur Arbeitssituation in der Buchbranche, hierfür war ich sozusagen die Projektmanagerin, wurde dabei aber natürlich von zahlreichen Mitstreiterinnen unterstützt. Als Vorsitzende der BücherFrauen liegt mir daran, das Profil unseres Netzwerkes nach innen und außen zu schärfen. Außerdem sitze ich für die BücherFrauen in der Deutschen Literaturkonferenz und vertrete unsere Interessen beim Präsidentinnentreffen des Deutschen Frauenrates.


PvC: Irgendwo habe ich gelesen, die BücherFrauen (BF) hätten sich die Studie „MehrWert“ zum 20. Geburtstag geschenkt. Was aber war der eigentliche Anlass, bestimmte Dinge genau untersuchen zu wollen? Gab es besonderen Bedarf für eine solche Studie?

KS: Seit es die BücherFrauen gibt, werden wir nach konkreten Zahlen über die Frauen in der Branche gefragt. Und ebenso lange steht in regelmäßigen Abständen die Frage im Raum, ob ein Frauennetzwerk denn nicht längst überholt sei, da für Frauen und Männer doch inzwischen die gleichen Bedingungen gelten würden. Den Bedarf für eine solche Studie gibt es also schon sehr lange. Und es ist wirklich ein Geschenk, diesen Fragen nun endlich mit konkretem Zahlenmaterial zu begegnen, denn es überzeugt um einiges mehr als formulierte Vermutungen.
Vielleicht war die Zeit jetzt einfach reif, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und nicht länger darauf zu warten, dass andere es tun.


PvC: Die Ergebnisse hatte ich bereits im Blog zusammengefasst. Welches war für die BücherFrauen die beste Nachricht und was die schlimmste Überraschung?

KS: Ich denke, die schlechteste Nachricht war, dass die Frauen in der Buchbranche allein aufgrund der Tatsache, dass sie Frauen sind, im Durchschnitt 28% weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Egal wie gut sie qualifiziert sind und egal, ob sie Kinder haben oder nicht. Das ist noch schlechter als der Bundesdurchschnitt von 23%. Und das, obwohl rund 80% in unserer Branche Frauen sind. Natürlich haben wir vorher alle geahnt, dass die Lage nicht rosig ist, aber die Zahlen vor sich zu haben ist doch was anderes, als nur darüber zu reden. Es macht wütender und fassungsloser zugleich.

Die gute Nachricht ist vielleicht die, dass wir Frauen getrost damit aufhören können zu denken, dass wir uns erst besser qualifizieren müssen, um weiterzukommen. Daran scheint es nicht zu liegen. Lassen wir also nicht weiter unnötig Zeit verstreichen und beginnen gleich mit den Verhandlungen!


PvC: Ein Gender Pay Gap in der Buchbranche von 38% klingt übel. Welche Berufsgruppen trifft die Ungleichbehandlung am schlimmsten? Gibt es Vergleichszahlen zu anderen Berufen außerhalb der Buchbranche?

KS: Der Gender Pay Gap von 38% ist nicht das Ergebnis unserer Studie, sondern ergibt sich aus den Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2006, wonach Verlagskauffrauen und Buchhändlerinnen im Schnitt 2.718 € brutto im Monat, Verlagskaufmänner und Buchhändler im Schnitt 4.248 € brutto im Monat verdienten. Bei unserer Studie, die breiter angelegt war und auch die Freien miteinbezieht, liegt der Gender Pay Gap ungefähr bei 28%. Im Journalismus liegt der Unterschied übrigens bei 25%.
Welche Berufsgruppe innerhalb unserer Branche die Ungleichbehandlung am schlimmsten trifft, lässt sich aus unserer Studie nicht eindeutig sagen, für solch detaillierten Aussagen war die Zahl der Teilnehmenden dann doch zu klein. Aber es muss ja auch nicht die letzte Untersuchung zu diesem Thema gewesen sein.


PvC: Die Studie zeigt eine auffällige Abwanderung aus der Branche. Eine Entscheidung für Kinder und Familie scheint kaum der Grund zu sein, überproportional viele Frauen sind kinderlos. Unzufriedenheit wäre ein passenderes Stichwort. Ist bekannt, was da im Argen liegt? Ist es ein reines Zeitphänomen, sich durch Jobs zu „zappen“, oder gäbe es Verbesserungswünsche, damit Frauen ihrer Arbeit längerfristiger treu blieben?

KS: Ich denke, Unzufriedenheit ist vorprogrammiert, wenn die Frauen hochqualifiziert und motiviert in der Branche arbeiten, dann aber ab einem Punkt partout nicht weiterkommen und zudem auch noch weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Natürlich sehen sie sich dann nach anderen Möglichkeiten mit besseren Konditionen um. Auch Frauen sind ja durchaus mit Geld und Entwicklungsmöglichkeiten zu motivieren – bzw. zu demotivieren, wenn beides wegfällt.
Ein anderer Aspekt sind die Strukturen in den höheren Hierarchieebenen. Etliche Studien belegen, dass gemischte Teams im Management am erfolgreichsten sind, aber es wird nichts dafür getan, die Strukturen entsprechend zu verändern. Arbeitszeiten, Arbeitsbelastungen und Verantwortungsbereiche müssten ganz neu aufgeteilt und neue Arbeitsformen entwickelt werden.


PvC: Wie idealistisch müssen Frauen sein, um in der Buchbranche zu arbeiten?

KS: Ich finde, Idealismus gehört immer dazu, wenn man Spaß am Beruf hat – und auch, wenn man etwas verändern will. Wären wir beide nicht idealistisch, würden wir auch dieses Gespräch nicht führen, was ja nun wirklich schade wäre. Aber man muss eben aufpassen, dass man die Bodenhaftung nicht verliert und sich nicht selber ausbeutet.


PvC: Wo könnten Frauen realistischer und mutiger werden?

KS: Ich denke, Frauen sollten ihren beruflichen Werdegang konkreter planen und ihre Ziele klarer formulieren. Egal, an welchem Punkt ihres Lebens sie gerade stehen. Für die nötige Rückendeckung und motivierende Impulse, ist es wichtig, sich aktiver zu vernetzen. Netzwerke sind aber auch wichtig, um gemeinsam die bestehenden Rahmenbedingen so zu verändern, dass sie besser zu uns passen. Wir Frauen machen 80% der Buchbranche aus, es kann nicht sein, dass wir an den bestehenden Strukturen nichts ändern können.


PvC: Die Studie hat durch das Benennen der Probleme und Missstände schon viel erreicht. Sind nach der Aufklärung von den BücherFrauen konkrete Projekte geplant?

KS: Ja klar, wir haben die Studie ja nicht in Auftrag gegeben, um dann vor Schreck erstarrt vor den Ergebnissen zu stehen und still vor uns hin zu schimpfen, sondern um herauszufinden, wo wir ansetzen müssen, um die Situation zu verbessern. Seit November gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich damit beschäftigt, in welchen Kontexten wir wo ansetzen müssen, um eine konstruktive Diskussion über die Veränderung der Verhältnisse in Gang zu bringen. Ich halte Sie gern auf dem Laufenden, sobald die Gruppe ihre öffentlichen Aktivitäten startet. In der Zwischenzeit sind alle herzlich eingeladen, sich an den bereits bestehenden Projekten wie den Mentoring-Programmen oder der BücherFrauen-Akademie, in der im Februar auch ein Seminar zur Verhandlungsführung angeboten wird, zu beteiligen!


PvC: Was könnte jede einzelne Frau in ihrem Arbeitsumfeld ändern, wo wäre mehr Achtsamkeit vonnöten?

KS: Ich finde, wir sollten vor allem solidarischer sein und die Kollegin, die weitergekommen ist, nicht nur kritisch beäugen und alles Mögliche und Unmögliche von ihr erwarten, sondern ihr erst mal den Rücken stärken. Außerdem sollten wir uns gegenseitig viel öfter bei frei werdenden oder zu vergebenden Jobs ins Gespräch bringen und uns darüber informieren. Und wir sollten uns schlauer machen, was wer wo verdient, damit wir nicht mehr so leicht über den Tisch gezogen werden können.


PvC: Einzelkämpferinnen haben es natürlich schwerer als die organisierten BücherFrauen. Trotzdem scheint mir auch der Verein mit seiner ehrenamtlichen Arbeit nach dieser Studie vor großen Herausforderungen zu stehen. Angenommen, es käme eine Fee – welche drei Wünsche hätten Sie im Hinblick auf Ihre Arbeit?

KS: Als Erstes wünsche ich mir, dass der Branche deutlich wird, dass es nicht die Aufgabe der BücherFrauen ist, Konzepte für die Behebung der Missstände zu entwickeln und vorzuschlagen, sondern dass die Personalverantwortlichen und Führungskräfte in allen Unternehmen in der Pflicht sind, konkrete Maßnahmen zu erarbeiten, um Frauen und Männern gleiche Einkommen und Karrierechancen zu gewährleisten, wenn sie die Frauen nicht verlieren wollen.
Als Zweites wünsche ich mir einen regen Zulauf bei den BücherFrauen, damit wir gemeinsam als Netzwerk weiträumig den nötigen Druck aufbauen können, damit auch tatsächlich etwas geschieht.
Und drittens wünsche ich mir, dass es nicht allzu lange dauern wird, bis Frauen endlich in allen Gremien der Branche und in den Führungsetagen der Unternehmen angemessen vertreten sind.

PvC: Ich danke für das Gespräch und denke, die Fee hat bereits einen Ausflug nach Frankreich gemacht...


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