Ausgrabungen im Platinenland

Wut tut gut und so beschäftigt sich Madame an diesem halb nebligen Nachmittag mit etwas, das sie gar nicht beherrscht - obwohl sie einmal ein paar Seminare in Archäologie belegt hat...
Auf der verzweifelten Suche nach verschwundenen, uralten Manuskripten saß ich vor einem Laptop aus der Steinzeit, Mitte der Neunziger, dessen Bildschirm sich bereits dunkelrosa verfärbt hat und langsam den Geist aufgibt. Irgendwie hatte ich bei meinem Umzügen zwischen drei Ländern und noch mehr PCs zwar nicht vergessen, die Daten zu sichern - aber die lagerten auf altertümlichen Plastikplättchen, Disketten genannt. Wie zur Hölle ließen sich meine Buchdateien in die Neuzeit retten? Sämtliche Steckplätze an dem Gerät sahen sehr alt aus.

Meinte einer bei Twitter: 
Festplatte ausbauen, in USB Gehäuse rein, an neuen PC anschließen, Daten kopieren. Ist total einfach, sagt der Nerd. ;-)
 Jaja, die Nerds. Ich bin leider keiner. Obwohl ich natürlich rein experimentell alle Schrauben an dem Teil lockern könnte und dann auch irgendwie erkenne, was eine Festplatte ist. Aber woher das USB-Gehäuse nehmen und nicht stehlen?

Frauen machen sowas ja mit Logikspielchen. Zuerst schaut frau, welche Kabel im Arbeitszimmer herumfahren und welche Enden davon in welchen Stecker passen könnten. Klar, dass sie alle zu modern sind für diesen Uralt-USB-Anschluss - jedenfalls an ihrem Hinterteil. Und die Disketten kann mein neuer Computer natürlich auch nicht schlucken. Ist alles ganz einfach, denkt die Ahnungslose. Der Laptop bekommt ein uraltes externes Diskettenlaufwerk verpasst. In den USB-Anschluss kommt das einzige Kabel, das zufällig zu einer alten digitalen Spiegelreflex gehört.

Die ist auch kaputt, macht keine Fotos mehr. Aber Madame folgert, dass in die Kamera dieser ebenso uralte Microdrive von 1 GB passt, für den es auch einen Schlitz im neuen Computer gibt. Was Bilder überträgt, muss auch Manuskripte herumschaufeln können. Aha! Der Laptop bekommt also die Kamera angeschnallt und weil er partout nicht reagieren will, wird er noch mit ein paar Treibern gefüttert. Und dann muss die Kamera alles schlucken, was auf der Festplatte und den alten Disketten fast verrottete.

Es ist schon heiß, wenn dann die neue Festplatte innerhalb von zwei Minuten annimmt, was man gefühlte zwei Stunden lang von einem krachenden Laufwerk heruntersaugen musste. Und ich verstehe jetzt diesen Kick, den Nerds haben, die über die richtigen Kabel und Gehäuse verfügen. Oder haben die überhaupt noch einen Kick, wenn alles so einfach ist?

Die Ausgrabung hat sich gelohnt, obwohl manche Disketten schon nicht mehr lesbar waren (soviel zur Haltbarkeit neuer Techniken). Mein allererstes Buch in allen Entstehungsstadien war dabei - nur muss es erst einmal ins neue Word konvertiert werden. Leute, legt eure Bücher zusätzlich als reine Textdatei ab, ohne Formatierungen. Damit auch das Programm der Zukunft nicht über Sonderbefehlen Sonderzeichen ausrülpst! Auch der "Lavendelblues" ist gesichert! Nur der erste Roman war und ist partout verschwunden. Der steckt natürlich in einem Computer, der nicht mehr anzuschalten ist und eine kaputte Grafikkarte hat. Das geht dann supereinfach: Festplatte ausbauen, Nerd geben, kopieren lassen. Frau sollte immer daran denken, sich noch vor dem Privatsekretär unbedingt einen fähigen Nerd zuzulegen! Echte Nerds sind mindestens so schön wie die kleinen Monster im Radio...

Text aus einer ausgegrabenen Jugendsünde (noch älter als alle Computer):

Ich liebe mein Fotoalbum. Wenn ich es aufschlage, macht es Musik und duftet. Nein, es spielt nicht die Hits, die mit fortschreitenden Zeiten im Radio immer schneller tot genudelt werden. Auf den ersten Fotos gibt es ohnehin nur einen Musikschrank mit einem eingebauten Monster von Radio, dessen magisches Auge grün glomm, wenn man es anschaltete. Damals glaubte ich, ich würde mit der Drehung des Knopfes ein kleines Männchen aufwecken, das meine Eltern in diesem Schrank bei Wasser und Brot hielten. Das war ihnen zuzutrauen, weil sie es jeden Sonntag Vormittag um elf zum Sklavendienst trieben. Ich hatte Mitleid mit dem Männchen; das Geknödel und Gedudel im Sonntagskonzert war auch für mich kaum auszuhalten.
      
Es rieb sich immer erst ein Weilchen das Auge, bis es sich langsam öffnete und das Stimmchen sich aufwärmte. Derweil liebte ich es, mit den Fingernägeln an den Seitenteilen auf und ab zu schaben. Sie waren mit einem gelb-beige-schwarz gestreiften Stoff mit erhabenen Wülsten bespannt. Ich stellte mir vor, ich würde dem armen Gefangenen den Rücken kratzen. Mit einem behaglichen Schnurren begann das Männchen, Musik zu machen.

Kommentare:

  1. Einfach köstlich, dein Bericht! Aber da du es auf solch verquere Weise selbst geschafft hast, bist du auf dem besten Weg, ein Nerd zu werden. :-D

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  2. Das Schlimme: Im verschollenen Roman steckt Tom, der sympathischste aller Nerds...

    hmmm... wie war das noch mal im Physikunterricht mit den zwei Drähten und dem Strom, um etwas anzuschalten? ;-)))

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