Der Traum von der Unsterblichkeit

Wie ging dieser Spruch gleich noch mal: Ein Haus bauen, einen Sohn pflanzen, einen Baum zeugen und ein Buch schreiben? Früher waren das die Zutaten für ein erfülltes Leben und die Grundvoraussetzung für Unsterblichkeit. Auch heute noch kann man auf den ein oder anderen naiven und weltfernen Autor treffen, der glaubt, mit einer Buchveröffentlichung sei die Unsterblichkeit ein wenig näher gerückt. Unser Autor hat wahrscheinlich noch nie etwas davon gehört, dass modernes Taschenbuchpapier nur noch zwanzig Jahre halten muss und Verramschungsfristen immer kürzer werden - bei manchen Büchern liegen sie schon unter einem halben Jahr. Inzwischen ist es außerdem oft lohnenswerter, den Ramsch in Altpapierpressen zu schreddern, als billigst auf den Second-Hand-Markt zu werfen.

Machen wir uns nichts vor. Die Halbwertszeit von Büchern sinkt rapide. Nicht nur erfolglose Autoren landen früher oder später auf der Deponie. Zeit zum Trauern bleibt bei der Fülle der Neuerscheinungen keine. Hat man in der Antike Schrift noch haltbar in Steine geschlagen, werden wir heute von einer Schwemme von Buchgeburten erschlagen. Bücher sind ersetzbar, Autoren erst recht. In einer Kultur mangelnder Aufmerksamkeit wird lustig zwischen den Titeln gezappt, aber selten eine Träne ums Verschwundene vergossen. Was weg ist, kann nicht gut gewesen sein, denken viele. Und haben auch diesen Gedanken am nächsten Tag schon vergessen.

Wer unsterblich bleiben will, wer nachfolgenden Generationen etwas hinterlassen möchte, der ist schlecht beraten, wenn er Bücher schreibt. Viel einfacher ist es, die unterschiedlichen Social Media Plattformen heimzusuchen, bis dass der Tod uns nicht scheidet. Welch eine Vorstellung, die uns die ZEIT mit den digitalen Zombies anbietet! Man denke das Szenario konsequent weiter: Überalterung bei Facebook, Pflegefälle im Netz, zunehmende Demenz bei StudiVZ! Digitale Entsorger, Bestatter und Friedhofsanbieter stehen bereits mit offener Börse im hungrigen Markt bereit...

Ich finde, hier wäre die ideale Spielwiese für Autoren, die von der eigenen Unsterblichkeit träumen und Verlagen wie Bestattern gleichermaßen ein Schnippchen schlagen wollen. Herrliche Zukunftsaussichten warten auf uns. Wir müssen uns nach dem Tod nicht mehr für spätere Alienbesuche schockfrosten lassen, sondern können darauf zählen, dass auch das letzte Geschmeiß von Text in den Kühlhallen des Google Cache überleben wird. So ein digitales Geschreibsel ist zählebig, übersteht Kriege in Nahost und Atomunfälle in Fernost. Unser dämlichstes Facebook-Gefasel überdauert sogar uns selbst. Anders als bei der guten alten CD-ROM überlebt ein virtueller Text auch noch das vierte Modell der sechsten Reader-Generation. Und deine Rechtschreibfehler werden dich verfolgen bis ins siebte Glied.

Die Zeit der Unsterblichkeit durch Papierbücher ist vorbei. Wissen wir denn, ob Tante Erna den geerbten Erstling wertschätzt oder abfackelt? Es ist so einfach heute! Twittern wir, was das Zeug hält, am besten ganze Fortsetzungsromane, Autobiografien in Hackstücken, mehrbändige Aphorismensammlungen! "Liken" wir, was das Zeug hält, "liken" wir alles und jeden, mit Ausnahme natürlich von Tante Erna. Nehmen wir uns an Wikileaks ein Beispiel: Schütten wir alles ins Netz, jeden noch so erbrochenen Textschnipsel, jeden unvollständigen und verqueren Satz unserer Laufbahn. Legen wir überall Profile an, die ewig schön, ewig rüstig, ewig intelligent bleiben!

Der wahre unsterbliche Autor von heute giert nicht mehr nach Verlagsverträgen, sondern verstopft das Netz. Er achtet darauf, dass seine Hinterbliebenen nie erfahren, wohin er seine Texte gesendet hat. Und wenn er eines Tages das Zeitliche segnen sollte, dann geht er und nimmt das Geheimnis seiner Passwörter mit! Tante Erna wird sowieso eines Tages schockgefrostet von Aliens entführt werden - hartnäckigen Offlinern, die sich an dieser zweibeinigen Plappermaschine noch erfreuen können.

Kommentare:

  1. Meine Fehler und mein Geschwätz von gestern ... jaja ... muss man sich schämen? Das Leben ist zu kurz, um auch noch darüber nachzudenken.
    Die Tage habe ich eine in Stein gemeißelte Sanskrit-Botschaft gesehen. Jetzt frage ich mich, ob der Verfasser heute auch noch das Gleiche meißeln würde :-)

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  2. Liebe Petra,
    ein Artikel nach meinem Geschmack!

    Da fällt mir ein, wie gut es ist, dass es mich gar nicht gib! Dann stört mich nicht einmal meine virtuelle Unsterblichkeit.

    Alles hat auch Vorteile - selbst ein Cache (Cash auch noch...) ;)

    Gruß Heinrich

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  3. Glauben Sie das wirklich, Heinrich? Sie hinterlassen so viele unbedachte Spuren im Web, dass es Sie gleich mehrfach gibt...
    @Madam
    Und ich frage mich jetzt, ob wir nicht alle unsere Texte zuerst in Sanskrit in Stein meißeln sollten, bevor wir uns einbilden, wir müssten die Welt damit beglücken. ;-) Mir fiele schon wieder eine Satire ein, über Textdiarrhoe...

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  4. Na ja, man kann das mit der Unsterblichkeit und dem Streben danach ja auch anders sehen. Zumindest in Bezug auf die Sorgfalt, die ein Künstler (oder auch: Nichtkünstler) bei der Erstellung seiner Werke an den Tag legen sollte.

    Treffend zusammengefasst hat das ein berühmter Maler (Liebermann?) im Gespräch mit einem berühmten Arzt (Sauerbruch?) - und das schon im Vor-Internet-Zeitalter!

    "Ihre Fehler deckt der Rasen, meine hängen noch in 100 Jahren an der Wand!"

    Also: Passt auf, liebe Leute, dass Ihr auch hier nur das schreibt, was Euch nicht vielleicht schon morgen peinlich ist!

    ;-)

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  5. Hihi, Liebermann war auch der Schlagfertige, der gesagt hat: "Kunst kommt von Können, käme sie von Wollen, so würde sie Wulst heißen." ...

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  6. Wäre u. U. sogar entspannend ... mmh ... hat man endlich ein Wort gemeißelt (bloß nicht vermeißeln!), hat man bestimmt schon wieder vergessen, was man als nächstes schreiben wollte :-)

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