Gute Nachsätze

Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass es für mich persönlich völlig blödsinnig ist, über den Jahreswechsel gute Vorsätze zu fassen und die dann im nächsten Jahr wieder zu vergessen. Wenn ich etwas ändern will, ändere ich es sofort und auf der Stelle - man hat ja nicht ewig Lebenszeit übrig, um sie zu verschwenden. Schaffe ich solche Aktionen nicht sofort, dann würde ich auch nach Neujahr keine Energie dazu aufbringen und von nicht eingehaltenen Vorsätzen frustriert werden.

Diese Selbstbefreiung an Neujahr hat jedoch ungeahnte Folgen: Ständig springen einen gute Ideen an, die man sofort umsetzen könnte. Gute Nachsätze sozusagen. Gestern etwa habe ich in meiner persönlichen "Gruft" gestöbert, dieser Schublade mit Fehlschlägen, zu Grabe getragenen Projekten und peinlichen Versuchen. Manche Autoren löschen solche Inhalte ja sofort, der Psychohygiene wegen - ich sammle so etwas über viele Jahre (nicht zuletzt, weil man daran die eigenen Fortschritte messen und die Stärken und Schwächen analysieren kann). Aus so manchem Gruftmodder wurde tatsächlich auch später eine neue Buchidee...

In diesem Jahr kommen zwei Dinge zusammen, die mich zu einer Art "Wutbürger" im positiven Sinne machen, also eher einem Mutbürger. Ich hab die Faxen dicke. Und frage mich: Wenn nicht jetzt, wann dann? 2011 wird mein Jahr des Egoismus. In diesem Jahr will ich nicht mehr fragen, was ich alles unternehmen muss, wie ich mich biegen und verbiegen muss, um etwas machen zu dürfen. In diesem Jahr will ich nur noch fragen, wie ich das, was ich machen will, auch durchsetze - mit den richtigen Leuten, in den richtigen Situationen. Genug verwartet - Kreativität will explodieren.

Zum einen werde ich nämlich in diesem Jahr 50. Damit fühle ich mich unwahrscheinlich jung und energiereich, habe aber die Endlichkeit des Lebens deutlich vor Augen. Es ist ein Alter, in dem man endlich erwachsen genug ist, keine falschen Rücksichten zu nehmen oder sich selbst zu wenig zuzutrauen. Das ist der erste gute Nachsatz: Ich stehe offensiv zu meinem Alter. Noch Jahre zuvor habe ich es vermieden, auch nur irgendeinen Hinweis darauf zu hinterlassen. Es fing nämlich etwa mit 43 an, dass das Alter sich in berufliche Nachteile ummünzte. "Zu alt" - wer kennt nicht diesen dummen Spruch?

Ja, man hört ihn manchmal sogar von jungen Lektorinnen, die gerade frisch von der Uni ans Büchereinkaufen geraten - die KollegInnen beim Kinder- und Jugendbuch können sicher ein Lied davon singen. Man hört ihn von Veranstaltern, die sich nicht vorstellen können, dass eine Frau über 30 nicht von der Bühne fällt. In meinem ersten Beruf bräuchte ich gar nicht erst um eine Anstellung fragen, wenn ich über 33 bin. "Zu alt" hat man mir auf dem Arbeitsamt gesagt und bei der Zeitarbeitsvermittlung vor Jahren noch eins draufgesetzt: "In Ihrem Alter stellt sie keiner mehr ein. Werden Sie Chef, gründen Sie eine Firma, da können sie so alt werden, wie sie wollen."

Was, fast 50 und noch kein Durchbruch? Geben Sie auf. Das schaffen Sie nie. Die Jungen drängen nach. Und so werde ich wie viele meines Alters eines Tages zu den Altersarmen gehören, weil ich mich frage, wo die Jobs für die Rentner mit 67 eigentlich sind, die mit 40 noch arbeiten wollen. Selbst Künstler, die ihren Stift noch an die gichtige Hand binden könnten wie einst Renoir; Schriftsteller, die in Sprachprogramme diktieren könnten - sie werden mit dem Jugendwahn gebannt. Schluss damit. Es wird Zeit zu zeigen, wie spannend und aufregend so ein Leben mit 50 ist. Und dazu gehört vor allem, sich nicht einengen zu lassen von hundsgemeinen Einschränkungen und debilen Grenzen.

Es gibt noch andere Grenzen dieser Art. Ein paar davon fand ich in meiner "Gruft". Ich las mich nämlich an einem 160-Seiten-Manuskript fest. Natürlich ist der Anfang schwach und muss später grundlegend bearbeitet werden (das ist immer so bei mir, bis ich mich warmgeschrieben habe). Natürlich muss der Rohentwurf noch tüchtig geschliffen werden mit all seinen sprachlichen Unschärfen. Aber ich hatte doch tatsächlich selbst richtig Vergnügen am Lesen. Das passiert mir bei eigenen Texten eher selten. Dieser war genügend "abgehangen", um ihn wie einen fremden Text beurteilen zu können: Er war zwei Jahre alt. Es war das, was ich privat am liebsten lese und schon immer schreiben wollte: Der Anfang eines Krimis - mit Serienentwurf.

Dieses Manuskript hatte bereits eine Runde bei Verlagen hinter sich. Mein Agent war davon überzeugt gewesen, dass er es besonders schnell verkaufen würde, denn es war einfach anders. Wir beide rechneten nicht damit, dass genau das für einen Todesstoß reicht. Die ersten Absagen ließen uns beide an der Welt zweifeln. Klasse geschrieben, Sie können das, ABER...
ABER wir kaufen derzeit nur Krimis mit Serienkillern an. Oder was Katholisches, am besten mit Missbrauch. Könnte die Autorin nicht wenigstens ein paar Eingeweide und Wahnsinn und so, also mehr Blut ... da gibt's ja kaum Blut, also wer mordet heutzutage noch ohne Blutlachen?
ABER witzige Krimis gehen gar nicht. Absolutes NO NO! Da ist viel zu viel Ironie drin und dann dieser schwarze Humor. Nee, können wir den Leserinnen echt nicht zumuten, die wollen sich gruseln, nicht lachen. Unsere Leserinnen nehmen die Texte ernst!
ABER sie können doch nicht in eine Region so ein Multikulti-Gemisch bringen. Also das spielt in einer Landschaft und da können wir einen Regiokrimi draus machen und von mir aus auch die Russenmafia agieren lassen, aber streichen Sie diese Polin, die glaubt uns keiner! Wichtige Hauptfigur hin oder her, haben Sie nicht was Einheimisches?

Wir haben uns das nicht lange angetan. Nach den ersten Absagen zog ich das Manuskript selbst zurück und beschloss: In so einer Welt will ich keine Romane mehr schreiben. Nicht, wenn man meint, Geschichten wie Bauklötzchentürme nach Gusto umbauen zu können, nur weil man meint, "die" Leserinnen wollten das so. Natürlich könnte ich einen völlig einheimischen, urdeutschen, unlustigen Eingeweideschlamassel schreiben, wenn ich wollte. Will ich aber nicht. Das bin nicht ich. Dafür stehen genügend KollegInnen bei Fuß, die das wollen und viel besser können.

Langer Rede kurzer Sinn: Wie ich das Elaborat gestern nach langer Zeit noch einmal lese, fällt mir auf, dass im Fernsehen ständig "lustige" Krimis kommen. Ausgerechnet heute abend startet wieder einmal eine weltweit mit größtem Erfolg immer wieder von vorne abgenudelte Serie, die sich als Buch lahm liest, aber als Film gerade wegen des englischen Humors gefeiert wurde. "Inspector Barnaby" war irgendwie auch schuld daran, dass ich den Entschluss fasste, in feinster Idylle hinterhältig Menschen umzubringen - auf dem Papier, versteht sich. Irgendwo da draußen muss es also Menschen geben, die Blutsoße satt haben. Die auch einmal angesichts einer Trauerfeier mindestens grinsen möchten.

Ich bin drauf und dran, mir zum 50sten den größten Blödsinn zu schenken. Nämlich dieser Leiche auf dem Komposthaufen noch ein paar nachfolgen zu lassen. Ungeachtet aller ABER und Unkenrufe und jetzt erst recht. Wird man in diesem Alter unvernünftig?

Kommentare:

  1. Wird man in diesem Alter unvernünftig?<

    Liebe Petra,
    was ich so von Ihnen lese, werden sie von Tag zu Tag "vernünftiger".
    Ich weiß, ich sollte keine persönlichen Einschätzungen von mir geben, da sie meistens nicht "der Sache" dienen, aber in diesem Fall möchte ich Ihnen bestätigen, dass dieser "Aufbruch" mit 50 genau zur richtigen Zeit kommt. Ich weiß es heute, dass ich es mit 50 verpasst habe und später fehlen die Jahre des Lernens und der Freude.

    Ich gönne es Ihnen von ganzem Herzen, dass sie es ohne Zögern und Hadern so früh erkannt haben und mutig anpacken! Glückwunsch! Ich wünsche Ihnen dafür jederzeit Kraft und Gesundheit!

    Gruß Heinrich

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  2. Lieber Heinrich,
    Sie glauben gar nicht, wie viel Mut Sie mir - und hoffentlich anderen - damit machen! Auf der einen Seite stelle ich mit großem Befremden fest, wie sich sogar Gleichaltrige plötzlich zum alten Eisen kehren und selbst alt machen, nur weil "ein halbes Jahrhundert" so mächtig klingt. Ich muss mir gefühlt alle zwei Stunden anhören, dass meine Sterblichkeit demnächst irgendwie rasant ansteige - als stürben nicht genügend Zwanzigjährige...

    Auf der anderen Seite habe ich tatsächlich eine ungeheure Wut im Bauch. Darüber, wie strunznaiv ich wertvolle Jahre vergeudet habe, indem ich meinte, immer den üblichen Weg entlangeseln zu müssen (dabei ist der bisherige schon unüblich genug). Zum Glück bin ich ein Mensch, der seine Kraft aus Katastrophen bezieht und aus Wut kreativ wird ... jene arroganten Typen bei der Arbeitssuche vor Jahren sind schuld daran, dass ich als Chefin alt werde, nicht als Angestellte. Und so mancher Lektorin - wie hier in den Beispielen, bin ich dankbar - dass es zu keiner Zusammenarbeit kam.

    Auf der anderen Seite: Wäre man der Mensch, der man ist, wenn man nicht auch Zeit vergeudet hätte oder an Dingen gescheitert wäre? Und wenn man das nie merken würde?

    Ich glaube, es ist nie zu spät für Anfänge! Ich habe da ein paar Beispiele um die 70 und älter als Vorbilder vor Augen und sogar einen Freund, der noch im Sterben sein Leben veränderte, so weit das noch ging. Der hat mich gelehrt, dass man zwar manchmal geduldig auf den richtigen Zeitpunkt warten muss, aber nie auf die Zauderer, Verhinderer und Blockierer.

    So wünsche ich auch Ihnen noch eine Menge Jahre voller Freude und mit einem eigenen Kopf!

    Schöne Grüße,
    Petra

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  3. Liebe Petra,

    ich will dir auch Mut machen, so wie du mir immer Mut gemacht hast. In dem Alter, von dem du sprichst, habe ich auch einen Aufbruch gewagt -neue Wohnung, neuer Arbeitgeber, mit dem Schreiben angefangen-und es nie bereut!
    Ich wünsche dir viel Kraft fürs Weitermachen und bin absolut sicher, dass du weiterkommst, auch wenn man zwischendurch immer mal wieder auf die Schnauze fliegt.

    Herzlichst
    Christa

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  4. Danke auch dir, liebe Christa!
    Ich werde da ganz auf meinen Bauch hören, wie man immer so schön zum spontanen Hirn sagt ;-)
    Aufbrüche brauche ich eigentlich in nächster Zeit keine mehr, ich muss meine neuen Berufe erst mal konsolidieren. Und falls ich weiter morden wollte, wäre das sogar ein Rückschritt ins Jahr 2007. Das ist es, was mich eigentlich aufregt: Zwei Jahre Arbeit, um zu hören, dass man lieber Eingeweideschlamassel hätte. Wenn das Manuskript wenigstens schlecht wäre! Beim Nijinsky-Projekt das gleiche - Jahre gearbeitet. Wenn ich all diese Jahre addiere ... aber wem erzähle ich das.
    Ausgerechnet ich, die ich Anfängern immer Geduld predige, habe keine mehr.

    Herzlichst,
    Petra

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  5. Philipp Joos3/1/11 13:20

    Mädle, pass auf,

    ob diese ganzen Mutmach-Kommentare nicht selber ein Zeichen von Vergreisung sind. Und wenn, schüttle sie ab. Ich sag Dir was anderes: Ich habe nicht gemerkt und hätte - wenn ich ich grinsen sehen - nie geglaubt, dass Du numerisch schon 50 bist. Ich wünsche Dir den Sieg des Lachens über die Nümmerchen. Und dazu aber mehr verkaufte Nümmerchen, als Du zählen kannst. Bisous!

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  6. Hahaha, du weißt ja, ich habe kein Problem mit dem Alter, nur eins mit Rentenreformen und mit Vierzigjährigen, die den ganzen Tag nur über Wehwehchen reden ;-)

    Ach Mann, ich bin doch nur so drauf, weil ich dieses fiese Leaflet von Sarkozy & Co. im Briefkasten habe, das mit der rosigen Zukunft ab 62 ... und jetzt überlege, ob man unendliche Wartezeiten bei Verlagen nicht als Elternzeit nach schwerer Geburt anrechnen lassen könnte. Bisous!

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