Frauke Ehlers über die BücherFrauen

Wer sind eigentlich die BücherFrauen und was macht dieses Netzwerk? Einblicke gibt BücherFrauen-Beirätin Frauke Ehlers (FE) im Gespräch mit Petra van Cronenburg (PvC)

Aufgrund der Platzkapazitäten von Blogger gebe ich hier ein gekürztes Interview wieder. Die Kürzungen sind mit [...] markiert. Das ungekürzte Interview kann man bei den BücherFrauen als pdf lesen. (Link direkt aufs pdf)

PvC: Frauke Ehlers, Sie sind für die BücherFrauen gleich an mehreren Stellen aktiv. Können Sie einen kurzen Überblick Ihrer Aufgaben geben?

FE: Seit Frühjahr 2009 betreue ich die Social Media-Aktivitäten des Vereins. Den Twitter Account hatten wir für die Bewerbung unseres Mentoring-Kongresses im Sommer 2009 in Stuttgart eingerichtet. Daraufhin kam so viel gute Resonanz, dass schnell entschieden wurde, diesen Kommunikationskanal weiter zu nutzen und in einen @buecherfrauen Account umzuwandeln. Zudem gibt es seit dem Kongress eine XING-Gruppe, die ich mitmoderiere.

Seit Anfang November 2010 bin ich eine von drei Beirätinnen. Dieses Gremium wurde 2007 ins Leben gerufen. Es sollte helfen, den strategischen Blick auf die Aufgaben, Tätigkeiten und die Entwicklung der BücherFrauen zu schärfen und dem Vorstand in beratender Funktion zur Verfügung stehen. [...]


PvC: Was bieten die BücherFrauen ihren Netzwerkerinnen?

FE: Das wichtigste Vernetzungsinstrument sind die Regionalgruppen. Dort wird auch die inhaltliche Arbeit geleistet. Auf der Website www.buecherfrauen.de finden sich zum Beispiel für 2011 schon die Jahresprogramme der Städtegruppen Berlin, Stuttgart u.a. Diese Programme werden nach den Bedürfnissen der Mitgliedsfrauen vor Ort erstellt und es findet sich dann immer eine oder zwei, die sich für je einen Abend verantwortlich zeichnen. Auch Stammtische spielen eine wichtige Rolle, bei denen die Mitgliedsfrauen miteinander ins Gespräch kommen. In Stuttgart gibt es monatlich ein BücherFrauen-Frühstück, das diese Funktion erfüllt, in Berlin einen Salon etc.

Größere Außenwirkung haben die beiden „Flaggschiffe“ BücherFrauen-Mentoring und die BücherFrauen-Akademie.
Das Mentoring Programm gibt es mittlerweile seit elf Jahren. Knapp 500 Teilnehmerinnen, Mentorinnen, Mentees und Organisatorinnen profitierten schon davon. [...]
Mentoring ist eine vertrauliche Zweierbeziehung, in der eine berufserfahrene eine jüngere Branchenfrau für ein Jahr in ihrer beruflichen Entwicklung begleitet. Bei gemeinsamen Auftakt-, Zwischen und Schlussveranstaltungen sowie bei Stammtischen mit der gesamten Gruppe steht wieder die Vernetzung zwischen den Teilnehmerinnen im Mittelpunkt. Mentoring ist ein wunderbares Instrument aus dem großen Pool der BücherFrauen diejenigen zusammenzubringen, die sich gegenseitig unterstützen können. Es funktioniert ausschließlich aufgrund des großen Engagements der Organisatorinnen, die oft mehrere Runden auf die Beine stellen. Manchmal findet sich aus dem Kreis der Mentees ein neues Team, die von ihrem eigenen Mentoring so begeistert waren, dass sie sich als künftige Organisatorinnen zur Verfügung stellen.

Die BücherFrauen Akademie ging aus einer Idee auf einer unserer Jahresversammlungen hervor. Seit vier Jahren finden die Workshops unter diesem Namen zweimal jährlich statt. Im Frühjahr auf dem Mediacampus in Frankfurt und im Sommer auf Sylt. Die nächste Winterakademie startet am 4. Februar 2011 mit zwei parallel laufenden Seminaren: „Verhandlungsführung“ mit der Sachbuchagentin Heike Wilhelmi und „E-Books, Apps, Twitter und Co – elektronisches Publizieren“ mit Martina Steinröder, Managementberaterin für Verlage. Die Sommerakademien stehen ganz im Zeichen der Textarbeit – sind also geeignet für Autorinnen, Übersetzerinnen und andere „Textarbeiterinnen“.


PvC: Virtuelle Vernetzung spielt inzwischen auch bei den BücherFrauen eine große Rolle. Viele Netzwerke kranken jedoch daran, dass sich die Mitglieder nicht persönlich kennen und darum oft nicht verpflichtet fühlen. Sind die BücherFrauen eher ein „analoger“ oder ein „digitaler“ Verein? Was stärkt den persönlichen Kontakt im „wahren Leben“?

FE: Die BücherFrauen sind in meinen Augen ein analoger Verein. Aber seitdem es zur oben erwähnten BücherFrauen-Akademie ebenfalls eine E-Akademie gibt, in der Social Media im Fokus steht, öffnen sich die Teilnehmenden dieser sehr guten Online-Fortbildung dem virtuellen Raum – und plötzlich sind sie bei Twitter, Facebook und XING anzutreffen. [...]

Die beste Eintrittskarte, um sich zu vernetzen, ist jedoch das Engagement für ein „reales“ Projekt. Ein solches findet sich bei den BücherFrauen, die offenen Auges sind, schnell, und über die Teamarbeit lernt frau sich dann am besten und intensivsten kennen.



PvC: Die BücherFrauen machen wahr, was angeblich ein Ding der Unmöglichkeit ist. Sie nehmen Freiberuflerinnen und Angestellte auf, bringen Frauen in führenden Positionen der Buchwelt mit Frauen in Zulieferjobs, Erfahrene mit Berufsanfängerinnen an einen Tisch. Entstehen bei solch unterschiedlichen Interessenslagen eher Konflikte oder gegenseitige Befruchtungen?

FE: Es gibt natürlich beides: Konflikte und Befruchtungen. Ich möchte aber annehmen, dass Letzteres überwiegt. Es gäbe sicher ein tolles Buch, welche Bücher über BücherFrauen-Kooperationen zustande gekommen sind. Ich nehme an, es sind viele. Ein Beispiel ist das Buchprojekt „Frauengesellschaften“. Eva Hehemann, Fotografin aus Köln, hatte über unsere Pressefrau angefragt, bei welcher Gelegenheit sie denn mal BücherFrauen bei der Arbeit fotografisch begleiten dürfe. Gewählt wurde ein Treffen des Erweiterten Vorstands, das jeweils im Frühjahr stattfindet und auf dem sich die Regionalsprecherinnen, der Vorstand, der Beirat und Vertreterinnen der verschiedenen Arbeitsgruppen für ein Wochenende zusammenfinden. Eva Hehemann machte bei einem dieser Treffen also Bilder von uns und schließlich erschien das Mammut-Projekt von 512 Seiten beim AvivA Verlag in Berlin. Die Verlegerin Britta Jürgs ist übrigens eine BücherFrau. Inzwischen ist auch Eva Hehemann eine engagierte Mitgliedsfrau geworden, die unser Tun immer wieder fotografisch festhält.

Natürlich sind die BücherFrauen beruflich in einem engen Markt unterwegs und dann gibt es schon auch Konkurrenz, aber die belebt ja bekanntlich das Geschäft.


PvC: Zehn Prozent der BücherFrauen sind Autorinnen. Was hat ein Beruf, der eher als einzelkämpferisch und individualistisch gilt, von einem Netzwerk mit Frauen aus Verlagen, Buchhandel und Vertrieb?


FE: Für Autorinnen öffnet sich meiner Ansicht nach bei den BücherFrauen der Buchmarkt. Und die Bereicherung ist dann ähnlich derer, die Sie in ihrem „Twitter-Märchen“ beschreiben. Begegnungen jenseits von Hierarchieebenen im Netzwerk machen das Suchen nach Antworten um ein Vielfaches leichter. Ähnlich wie auf Twitter Follower-Power organisiert wird, kann eine BücherFrau über die BücherFrauen Mailingliste Fragen an die Community stellen, die ähnlich schnell, fundiert, kompetent und präzise beantwortet werden.


PvC: Wie man sieht, lebt ein Netzwerk von ehrenamtlicher Arbeit und davon, dass sich die Netzwerkenden einbringen. Jedes Netzwerk bietet darum etwas, was Einzelkämpferinnen so nicht finden können. Worin liegt Ihrer Meinung nach die größte Stärke der BücherFrauen als Netzwerk?

FE: Für mich persönlich ist die größte Stärke die, dass das Netzwerk Raum für Engagement bietet, in den sich jede mit ihrer Kompetenz einbringen kann, aber nicht muss. Die Ergebnisse von dieser Stärke sieht man, wenn man sich anschaut, was die BücherFrauen inzwischen alles leisten.

Ich selbst würde heute beruflich nicht das machen, was ich mache, Controlling in der Kreativwirtschaft, wenn ich nicht Erfahrungen als Finanzfrau bei den BücherFrauen gemacht hätte. Dieses Ausprobieren hat mir die Angst vor Zahlen genommen und ich habe gelernt, wie gut sich auf diesem Gebiet gestalten lässt. Aber auch meine jetzige Tätigkeit hat Auswirkungen auf die BücherFrauen. Würde ich nicht im Bereich Live-Entertainment arbeiten, hätten wir für den Mentoring-Kongress, der 2009 zehn Jahre Mentoring bei den BücherFrauen feierte, sicher nicht gewagt, eine Größe wie Maren Kroymann für die Abendveranstaltung einzuladen.

So gibt es bei den BücherFrauen mannigfaltige Möglichkeiten, sich auszuprobieren; wobei immer vorzeigbare Ergebnisse für das Netzwerk rauskommen. Und mir macht es über die Jahre immer mehr Spaß, zu sehen, wie Frauen sich durch ihr Engagement bei den BücherFrauen Kompetenzen aneignen, die dann im Beruf Wirkung zeigen.


PvC: In den Medien gibt es derzeit kontroverse Diskussionen um das Thema Feminismus. Schnell wird vergessen, was die feministischen Bewegungen der Vergangenheit für uns Frauen von heute erreicht haben. Hat sich Feminismus in der Buchbranche erledigt oder ist dieses Denken nach wie vor notwendig?

FE: Seitdem die teilweise erschreckenden Ergebnisse der Studie „MehrWert“ vor uns liegen, ist, glaube ich, allen BücherFrauen klar, dass sich der Feminismus für die Buchbranche überhaupt nicht erledigt hat. Meine Hoffnung – und mein Anliegen – ist, dass es den BücherFrauen in naher Zukunft gelingt, in einer offenen und produktiven Weise der Branche diesen Missstand zu vermitteln. Denn in der Buchbranche verhält es sich eben ähnlich, wie es Ferdinand Schirach in seinem Artikel „Einspruch: Notfalls ein Gesetz“ im Spiegel kürzlich für die Zeitungsbranche beschrieben hat: „In den Verlagen scheint alles höflicher, heller und erfreulicher. Aber die verknöcherte Justiz ist offenbar moderner als die Welt des Journalismus: Kluge Frauen dürfen kluge Artikel schreiben, aber sonst dürfen sie nichts.“

Vor allem möchten wir aber gemeinsam Mittel und Wege finden, diese Missstände zu beseitigen. Das steht neben dem Jahresthema „Zukunft jetzt – Perspektiven für den Branchennachwuchs“ in diesem Jahr ganz oben auf unserer Agenda: Die Umsetzung unseres 7. Leitsatzes: „BücherFrauen beziehen Position in frauen- und branchenpolitischen Fragen.“


PvC: Was sollte eine Frau mitbringen, wenn Sie BücherFrau werden will?

FE: Branchenaffinität und Offenheit. Und dann mal schauen, was geht!


PvC: Wie mächtig sind die BücherFrauen eigentlich?
 
FE: Ich glaube, wir sind mächtig im Sinne der Sensibilisierung für bestimmte, meist unbewusste Mechanismen, die wir Frauen gerne so mit uns rumschleppen. Schon das Thematisieren hilft. Vor kurzem gab es da einen wunderbaren Dialog zwischen BücherFrauen auf Facebook, was Mechanismen der Selbstabwertung betrifft. Zudem macht die Solidarität unter den BücherFrauen stark!
Im politischen Sinne sind wir noch nicht mächtig genug – aber das wird sich in diesem Jahr ändern.


PvC: Angenommen, Sie hätten drei Sätze, um mich anzuwerben. Was würden Sie mir sagen?

FE: Das ist klasse, dass Sie mir diese Frage aufs Tablett legen. Überlege ich mir doch schon ewig, wie ich Sie anwerben kann. 1.) Ich nehme an, Sie sind an sich keine Person, die ein Faible für Vereine hat. Macht nichts – solche gibt es bei den BücherFrauen viele. WIR sind die Ausnahme. 2.) So wie ich Sie online kennengelernt habe, ist eine Mitgliedschaft bei den BücherFrauen DIE natürliche Fortführung Ihrer Online Identität. Da finden Sie Gleichgesinnte. 3.) Probieren Sie es einfach aus. Neulich gab eine BücherFrau kund, sie sei wieder ausgetreten, weil sie dachte, sie sei zu branchenfremd tätig. Dann machte sie ein eigenes Buch, ist wieder eingetreten und jetzt bleibt sie BücherFrau bis an ihr Lebensende.


PvC (diese Antwort kennt Frauke Ehlers im Moment der Veröffentlichung noch nicht): Stimmt, ich wollte frei nach Groucho Marx nie in einen Verein eintreten, der Leute wie mich aufnimmt. Ich will mir kurz vor Lebensende auch noch ein wenig Platz für andere Rendezvous lassen. Aber ich habe gestern schon einmal im Michelin geblättert, welche Regionalgruppe am nahsten zu einer "Außenstation" Frankreich liegt ... wenn man so charmant eingeladen wird!


Kommentare:

  1. Anmerkung: Ich bin tatsächlich an die äußersten Grenzen von Blogger gegangen - leider sind dadurch die Durchschüsse nicht mehr zu kontrollieren. Aber das stört vielleicht nur die Perfektionistin. ;-)

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  2. Was da gesagt wird, das beschreibt doch nur das, was in anderen beruflichen Feldern auch in der Vergangenheit aufgetreten ist:

    Sobald ein Beruf in der Wahrnehmung ein "Frauenberuf" ist, sinken Ansehen und Vergütung.

    Nicht, dass ich das toll fände....!

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  3. lol@gaucho-marx..
    Frauke kriegt sie alle!

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  4. @Sabine:
    Stimmt, in der Buchbranche passiert genau das Gleiche. Leider in den Zahlen oft härter als im Gesamtdurchschnitt (gender pay gap) und für mich vor allem deshalb völlig unverständlich, weil sich 80% Frauenanteil das so lange gefallen ließ... Was hätten wir in Frankreich wohl gemacht?

    @Katja Splichal
    Frauke Ehlers ahnt vielleicht nicht, was für ein Schreckensweib sie sich da eingehandelt hat ;-)

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  5. Frauke Ehlers13/1/11 17:58

    Ich mag ja die Vielfalt...@PvC und es gibt auch die Möglichkeit das Programm in mehreren Städten zu geniessen...

    und @KatjaSplichal ich lass das ausdrücklich unkommentiert.

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  6. @Frauke Ehlers
    Nur mal so zum Gouttieren: Ich fahre nach Heidelberg etwa 130 km und nach einem Stammtisch das Gleiche zurück... die Strecke nach Stuttgart ist von mir aus leider ziemlich höllisch, ich HASSE diese Autobahn mit ihren Staus (wir sitzen ja bereits auf der Rheinbrücke ständig fest).

    Habe ich eigentlich schon verraten, dass ich mich eben per Mausklick als Möchtegern-BücherFrau angemeldet habe? Sie haben mich mit Ihrem Charme weichgekocht! Ich muss jetzt nur irgendwie meine inneren Widersprüche psychisch aufarbeiten:
    1. Ich trete NIE in einen deutschen Verein ein.
    2. Ich geh NIE wieder in ein Netzwerk.

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  7. Frauke Ehlers13/1/11 21:02

    So jetzt geht es. Den Kommentar möchte ich hier schon auch noch geben. Wir freuen uns riesig, dass Sie es mit den BücherFrauen trotz Widerstände der inneren Art probieren wollen. Wir freuen uns auf Sie.

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  8. Und ich bin soooo neugierig...

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