Oberpeinlich

...ist es, wenn gestandene Journalisten behaupten "Urheberrechte sind für die Verlagsunternehmen wie Rohöl. " Nein, werte Kollegen vom Handelsblatt, das Urheberrecht bleibt unveräußerlich beim Autor und Verlage erwerben ordentlich sogenannte Nutzungs-/Nebenrechte, von denen der Autor freiwillig gegen Honorar so viele überträgt, wie er will. Und in ordentlichen Verträgen wird das Geschäft aus dem Rohöl der Nebenrechte 60:40 (Autor:Verlag) geteilt, bekanntere Autoren bekommen auch mehr. Man kann als Autor aber auch bestimmte Nebenrechte (z.B. Filmrechte) gar nicht an den Verlag geben und selbst vermarkten, auf eigenes Risiko, zu 100%. Alles möglich!

Wir Autoren leben nämlich nicht nur von Tantiemen für ein Buch, wie landläufig bekannt, sondern hübschen unseren meist lächerlichen Anteil (der sich bei TBs in Cents rechnet) zwecks Lebenshaltung auch mit der ersehnten Nutzung der Nebenrechte auf. Wer nämlich neben der Hauptausgabe noch eine Lizenz z.B. ins Ausland verkauft bekommt, oder honoriert im Radio gelesen wird oder als Fortsetzungroman erscheint, der kann sich statt Billigmargarine auch mal Butter aufs Brot schmieren. Verlage, die die nötigen Kontakte und die Maschinerie für solche Nutzungen haben, sind unsere Partner, nicht unsere Gegner! Wir lassen sie mitverdienen, weil sie die Arbeit machen, Leute dafür einstellen.

Für all diesen Service nehmen Autoren die harte Tour der Bewerbungen auf sich. Drucken können wir nämlich selbst in der Klitsche ums Eck. Wenn wir uns aber freiwillig in die Branchenmühle des Buchmarktes begeben, dann weil wir kompetente Partner brauchen, die mehr können als ein Autor: Marketing, Werbung, Öffentlichkeitsarbeit, Lektorat, Grafik etc. - und die eine potente Rechteabteilung haben, die in unserem Auftrag mit den Nebenrechten schachert. Und weil es hier potentere und fähige oder auch gleichgültigere und unfähige Verlage gibt, schauen wir genau hin und leisten uns sogar noch den Berufsstand der Agenten, die uns die bestmöglichen Verträge aushandeln. In denen sich ein Verlag grundsätzlich verpflichtet, das Bestmögliche (!) für seinen Autor zu tun.

Und genau das ist europäisches Urheberrecht für Dummies: Es ermächtigt den Schöpfer eines geistigen Werkes, selbst und hochherrlich zu bestimmen, was mit seinem Werk geschieht und wem er sich anvertrauen will. Ich darf als Autor frei entscheiden, ob ich mein Geschwafel in den Copyshop gebe und mit dem Hubschrauber über Berlin abwerfe, ob ich blöde beim Blatt "Neueste Schmalznachrichten" einen Buy-out-Vertrag unterschreibe (also die gesamten Nutzungsrechte für Einmallohn ohne Beteiligungen abgebe, aber nie das UhR, das kann man nicht abgeben) oder einen seriösen Verlag als Partner wähle, der mir sympathisch ist.

Bei einem vergriffenen Buch (heute wird in Publikumsverlagen oft nach Monaten schon verramscht!) fallen die Nebenrechte auf mich zurück und ich kann versuchen, dafür einen neuen Verlag zu gewinnen, kann es selbst vermarkten; kann aber auch beschließen, dass ich den peinlichen Jugenderguss endgültig der Öffentlichkeit entziehe. Das UhR gibt mir nicht nur die Macht, Partner, Verträge oder Paragraphen abzulehnen, die mir nicht gefallen - es gibt mir die Macht, die mir genehmen Partner VORHER auszusuchen. In allen Fällen bin ICH als Autor von vornherein der Entscheider, denn es geht um MEINE Arbeit und MEIN Überleben.

Und genau da liegt der dicke Bock im Pfeffer: Google versucht derzeit, das europäische Urheberrecht zugunsten des amerikanischen zu brechen. Bricht es bereits massenhaft. Denn es sind zig noch nicht vergriffene Bücher noch lebender KollegInnen kostenlos einlesbar - ganz. Was in den Medien irgendwie gar nicht vorkommt, komisch (aber die fragen auch verdächtig selten Autoren zum Thema).
Was hier geschieht, ist - für Dummies - ein Auf-den-Kopf-Stellen des Urheberrechts.

Stellen wir uns eine analoge, dreist erfundene Geschichte mal in Deutschland vor: Autor X hat einen Vertrag mit dem seriösen Literaturverlag Y, in dem minutiös die Vergabe einzelner Nutzungsrechte zwischen beiden Partnern ausgehandelt wurde - zum Nutzen und Frommen des Autors, der seine Existenz daraus bezieht.

Jetzt kommt die Pornofirma Kriegmichhoch und scannt das Buch von Autor X ein, weil sie es geil findet. Stellt es ohne Nachfragen auf einen Server und verkündet, die Welt mit Literatur besser machen zu wollen und dafür solle man ihr die Hand küssen und in die Zukunft schauen. Nebenbei scannt sie auch noch jede Menge rechtefreies Zeug ein, damit der Lapsus mit Autor X ja nicht auffällt oder wenigstens schnell unter den Tisch fällt. Natürlich wird die Seite mit Anzeigen von Hausfrauen hinterm Schlüsselloch bis hin zu Hoteladressen finanziert. Also nein, nicht die Seite wird finanziert, sondern die Pornofirma. Weil die jetzt so viel Knete mit fremden, angeeigneten Produkten macht, gibt sie sich großzügig.

Sie informiert großzügig die Autoren, dass sie sich an ihrem Produkt lustig bedient hat und weiter bedienen wird. Aber das würde ganz legal werden, weil die Autoren ja widersprechen dürfen und weil man doch einen globalen Markt habe. Dann wische man den Schandfleck einfach weg. Lieber Autor, kümmere dich bitte drum, ob dein Gesülz morgen in Taiwan kopiert wird oder übermorgen in Russland - das bißchen Buchhaltung machst du doch gern und dann widersprich, wenn du magst oder kannst. Du hast schon einen Verlag? Du suchst wieder einen? Was interessiert uns das - lass ihn unser Partner werden, Kondome gibt's gratis für jeden Verkauf! Natürlich bezahlen wir dich. Klar doch. Da war doch irgendetwas mit 60? Also sagen wir 60$? Pauschal, wegen der Buchhaltung?

Ihr habt doch die VG Wort, die soll das einziehen und dann ist die Welt wieder in Ordnung, nichwahrnich? Ey, hab dich nich so, wir haben viel bessere Connections als dein Popelverlag, mit dem würdest du auf Papua-Neuguinea nie gelesen! Was beklagste dich denn noch, kleines Licht von Autor, wirste weltweit gelesen, weltweit! Und die Firma Kriegmichhoch is doch echt geiler als dein Nischenverlag, den kein Zuhälter in Hamburg nie nich kennt. Is doch alles in Butter ... was, Billigmargarine? ... Hab dich nich so! Sagen dir alle: hab dich nich so, du rückständiger, reaktionärer, unbeweglicher, zukunftsfeindlicher, öffentlichkeitsverachtender, strunzdummer, egoistischer, überflüssiger...

Sorry, manchmal geht mir beim Zeitungslesen einfach der Gaul durch. Dass der Vorstandschef der VG Wort, Rainer Just, im gleichen Artikel in vorauseilendem Gehorsam jetzt die wichtige Fristverlängerung bedauert, die zumindest in den USA die theoretische Möglichkeit gibt, den Vergleich noch zu verändern, finde ich nicht oberpeinlich, sondern nur noch seltsam...

Stell dir vor, morgen ist Buch und keiner schreibt es.

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