Zwangspause

Wenn es sein muss, binde ich mich jetzt an diesem Stuhl fest und zwinge mich, den Milchkaffee zu trinken. Liebe Autorin, wir schreiben das Jahr 2009. Zwotausendundneun. Huhu! Nein, du sitzt nicht auf einem Plüschsessel. Das ist ein Bürostuhl. Ich weiß auch gar nicht, wieso du schwitzt wie nach einem Jogginglauf, du hast doch nur deine Finger bewegt! Du solltest mit Leuten telefonieren, Rasen mähen und deine Nachbarin nicht so kurz angebunden grüßen. Huhu! 2009 is speaking ...

Glaubt einem keiner, wie körperlich anstrengend Schreiben sein kann. Und welch ein Rausch. Diesmal ist das Landen wirklich nicht einfach. Ich soll einen Lesetext herausgeben. Schlimm genug, dass man so ein komisches Sensibelchen ist und bei unfertigen Arbeiten bei jedem nur erdenklichen "Fremdleser" das Flattern bekommt. Ich werfe mit Nonchalance meine Entwürfe in Richtung Agentur, könnte sie mit Todesverachtung vor Tante Erna lesen und habe vor meiner Verlegerin nur ein Atemproblem, weil ich denke, ich könne vor Aufregung falsch atmen. Alles kein Problem, weil es im Treibhaus geschieht. Aber den Text in den Wind entlassen?

Dann habe ich gestern den größten Fehler begangen, den man sich in der kreativen Phase antun kann. Ich war meine andere Seite, die Journalistin. Fakten, Analyse, Querlesen von anderen. Es wurde immer mehr. Kaum hatte ich einen langen Artikel gelesen, fand ich den nächsten. Musste lesen statt schreiben bis zur völligen Erschlaffung. Ich hätte wissen sollen, was dann passiert: Man selbst schrumpft zusammen. Weil man als Autor dieses überlebenswichtige Selbstzweifel-Gen besitzt, weil einem nie genügt, was man schafft. Das ist gesund, damit man wächst, sich dauerhaft anstrengt, über die eigenen Grenzen strebt.

Aber es ist überaus gefährlich, wenn es einen dazu bringt, zu glauben, man könne eigentlich nichts. Das ist mir am Sonntag passiert, nachdem ich meinen Blogbeitrag geschrieben hatte. Was kann ich eigentlich, was andere nicht besser können? Wozu Dinge aufwärmen, die jeder schon einmal gehört hat, die anscheinend sowieso jeder kannte außer mir? Was soll ich mich messen - bin ich vielleicht vermessen? - Solche Fragen führen zu nichts. Sie lähmen. Weil man sogar im Sich-Kleinmachen absolut betriebsblind ist. Scheherazade hat es auch nicht bei 1000 Geschichten belassen. Sie hat unbedingt noch die 1001. Nacht erzählen müssen...

Und plötzlich ging es wieder, aber wie! Es fing damit an, dass ich in England in ein tiefes Zeitloch fiel. Also die Journalistin in mir stand plötzlich - virtuell - in einem Zeitungsarchiv von anno dazumal. Auf einmal war ich wieder dabei. Las Briefe, Kritiken, erlebte hochkochende Emotionen ... schlich an meinen Laptop, versank als Autorin in einem uralten Plüschsessel, der mein Bürostuhl war - und tippte, als hinge mein Leben daran. Ich war weg, in Schreibtrance. Auf einmal war ich dem Gewebe meiner Geschichte wieder so nah, dass ich an den richtigen Fäden ziehen konnte, hier eine Perle aufsticken und dort einen Saum auslassen.

Jetzt, wo ich besorgt alles doppelt und dreifach abgesichert habe (am Sonntag verschwand auch noch durch Blitzschlag meine Datei, die ich dann durch Zufall auf der Festplatte meiner Kamera gerettet fand!) - jetzt erinnere ich mich grob, worüber ich geschrieben habe. Aber der Text fühlt sich an wie diktiert. War ich das? Kann ich so schreiben? Wollte ich das? Bin ich so? - Solche Texte lektorieren sich am schönsten. Man langweilt sich nicht bei den Korrekturen, sondern entdeckt ständig Neues. Um dann gleich die dumme Angst zu bekommen: Ist das wiederholbar? Werde ich diesen Zustand bis zum Schluss halten können? Was, wenn mir vor dem letzten Kapitel die Luft ausgeht?

Hatten wir das nicht schon? Diese überflüssigen Fragen! Ich lerne das nie. Aber es könnte doch sein ... Steigern, meine Liebe, steigern! Immer noch ein bißchen mehr - das muss gehen ... Und was, wenn ich mir nur einbilde, dass der Text so funktioniert?
Tja, was hat dieser Text, was andere nicht haben? Er ist von einer Dilettantin geschrieben. Was sie an Wissen und Können noch nicht hat, macht sie mit den zwei L: Liebe und Leidenschaft. Aber reicht das? Kommt Kunst nicht von Können? Hat Scheherazade je die 1002. Geschichte erzählt?

Es gibt nur eine Antwort: Kaffeetrinken, Landen, Lektorieren. Und morgen mit einem coolen oder zittrigen Mausklick einfach weg damit. Wie ich mich fühle, sieht ja zum Glück keiner. Fliegen lassen.

Welch Segen, diese Technik! Was waren das noch für Zeiten, als man mit dem Mauskript zur Post fahren musste und tagelang zweifelte, ob man das richtige Papier, die richtige Schrift gewählt hatte. Als man um Einschreiben mit Rückantworten bangte, als könnten sie sich unterwegs in Luft auflösen. Als man furchtsam wartete, dass keine Putzfrau das Papier vom wichtigsten aller Schreibtische wischte. Als man fast sicher war, dass die Post dieses eine Mal viel zu lange brauchen würde. Jetzt bin ich mir wenigstens nur sicher, dass der Computer abstürzen könnte. Und meine Maus versterben ...
Ich drucke das jetzt aus. Für alle Fälle. Ob ich das richtige Papier habe?

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