Morgengymnastik

Raumkrümmungen

Man sollte sich nicht verkrümmen. Es war mal wieder typisch: Seit Tagen bastle ich unter Hochdruck an einem 150-Wörtertext über ein Buch über ein ganzes Menschenleben nebst Zeitgeschichte. Das fühlt sich immer an, als müsse man den Raum ein zweites Mal krümmen, um alles hinein zu stecken, was einem wichtig ist. Wie machen die das bei Twitter?
Beim Abendessen dann die Idee. Stell dir vor, du rufst deine Verlegerin im superteuren Hyperraum an und musst ihr durchgeben, über was du schreibst. Wenn du länger brauchst als ein intergalaktischer Werbespot von 150 Wörtern, frisst dich ein lilagepunkteter Jupitianer mit achteinhalb grellgrünen Fangarmen auf. Das hat geholfen. Innerhalb von fünf Minuten stand der Text und die Autorin hat wieder einmal überlebt und der Raum wurde kein zweites Mal gekrümmt.

Romanweitungen

Meine derzeitige Bettlektüre ist das Buch "Unrast" von Olga Tokarczuk (Schöffling). Ich bin hingerissen. Und möchte am liebsten mit Onassislidern bis in den Morgen lesen, mit Heftpflaster nach oben geklebt, damit sie nicht zufallen. Zu Recht steht auf dem Buch nirgends "Roman". Olga Tokarczuk hat dafür nämlich eine neue Form gefunden, die mich unwillkürlich ans Surfen bei einer Intensivrecherche erinnert, aber auch an die Arbeitsbücher, die ich anlege, bevor ich ein Buch schreibe. Ihr Erzählen wird zum Labyrinth, zu einem Reisen und Schweifen durch Geschichten, deren Sog ich mich nicht entziehen kann. Ich kreisle, springe und folge ihr am Halsband. Dazu eine außergewöhnliche Sprache, in der man sich wälzen möchte - ich möchte es einfach schon einmal empfehlen, bevor ich auch nur genug für eine ordentliche Rezension gelesen habe.

Ichdehnungen

Ich hatte einen komischen Traum. Ich habe ein Sachbuch als Roman geträumt und reale Tagebücher einer realen Person fiktiv weitergeträumt. Ja, ich habe einfach die fehlenden Teile ihres Tagebuchs im Traum geschrieben. Wachend frage ich mich: Darf ich das? Darf ich zu jemandem werden, der war, um zu erfinden, wer er hätte sein können? Und was macht das mit mir, wenn ich mich in ein fremdes Leben begebe, als sei es das meine, und wenn ich darin zur Sprachlosigkeit finden müsste? Das ist das Schöne an der Literatur. Man darf.

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