Rentrée

Jedes Jahr im Sommer befindet sich Frankreich zwei Monate lang im Ausnahmezustand. Handwerker gehen nicht einmal mehr ans Telefon; auf Ämtern, auf denen schon vorher nicht alles funktioniert hat, funktioniert überhaupt nichts mehr; für ein frisches Brot fährt man auf dem Land Kilometer, und über den Präsidenten reißt man nicht einmal mehr schlechte Witze. Denn in den Ferien interessiert nur noch eins: das Leben. Das man sich mit unvorstellbar langen Staus am ersten Tag bitter erkauft - irgendwo an den Rändern des Landes, wenn man in der Mitte wohnt.

Manchmal, wenn man wirklich etwas dringend braucht, könnte man schon die Wände hoch gehen, die landesweite Lähmung stürzt Häuslesbauer und Menschen mit wichtigen Reparaturen gern mal in Verzweiflung. Und nur nicht krank werden, denn sicher ist die Vertretung des Arztes auch schon in Urlaub und irgendein Roboter hält die Praxis - man erinnert sich an das Massensterben in Krankenhäusern während der großen Hitzewelle vor Jahren... Es hat aber auch seine Vorteile. Schnell habe ich gelernt, dass es eine wunderbare Ausrede gibt für alles, was man aufschieben möchte, inklusive der pünktlich zu Ferienbeginn eintrudelnden Rechnungen: Mach ich alles zum Rentrée.

Gestern wurden noch einmal die Grills um die Wette angeheizt, Freunde und Familien feierten, als ob es heute kein Leben mehr gäbe. Erstaunlich früh gingen alle ins Bett, plötzlich kam der Wolkenbruch, Regen wie Sintflut, der all das wegzuwaschen schien.

Denn heute ist Rentrée. Noch bevor mein Hund aufsteht, klappten in der Nachbarschaft alle Autotüren. Sie sind wieder alle weg, wie die Aufziehmännchen, auf Arbeit, in der Schule. Friedliche Stille. Frankreich funktioniert ab heute wieder. Naja, falls der Präsident nicht wieder...

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