Gegengift

Falls jemand angesichts der Vorhersagen Ludwig Börnes für den Buchmarkt graue Haare bekommen haben soll oder wie ich den "Club der snobistischen Hirnanwender" gründen mochte, so will ich ihn heute beruhigen. Es gibt natürlich auch die Gegenwelt, immer noch, zäh, und wie Unkraut nicht auszurotten. Bevor man verzweifelt oder seine Zeit mit vielleicht guten Zigarren in unsinnigen Clubs vergeudet, lohnt es sich immer wieder, den Lärm, die Kakophonie der Verbilligung einfach auszuschalten.

"Wenn gutes Geschäft auf Qualität beruht, ist es einfach viel interessanter", sagt Top-Literaturagent Andrew Wylie in einem Interview mit Felicitas von Lovenberg in der FAZ. Und schiebt als Beweis eine Liste eindrucksvoller Verlage nach, die zeigt, dass sich auf Dauer immer noch hohe Qualität und Wertschätzung bezahlt machen. Man könnte fast meinen, dass schnelles Geld keine Zeit hat, Junge zu bekommen.

Auch den Autoren rückt er den Blick gerade: "Meines Erachtens gibt es ein gewaltiges Missverständnis, was den Wert von Literatur angeht. Vom Buchhandel angestiftet, neigen viele Verleger fatalerweise dazu, Werke, die sich über einen kurzen Zeitraum hinweg gut verkaufen, überzubewerten. Und Schriftsteller, darin von Verlegern bestärkt, erliegen oft dem Eindruck, ihr Werk sei höchstens von regionaler Bedeutung und Relevanz."

Er spricht dabei von einem Phänomen, das auch in Deutschland bekannt ist. Taschenbücher eines Autors werden in immer kürzeren Abständen auf den Markt geworfen, generieren durch Wiederholungseffekte betörende Auflagenstärken im Vorabverkauf - und sind nach einem halben Jahr abgeschlagen, regelrecht verdampft. Also muss schnell ein neues her...
Dagegen gibt es den "langsamen" Markt, der Substanz, gute Ideen und hohe professionelle Qualität braucht. Denn seine Bücher setzen sich anfangs langsamer und schwerer durch, bleiben dann aber - dank Backlist - Longseller, die man auch nach drei Jahren noch gut lesen kann. Wylie's Forderung klingt konsequent: "Wenn sich demnach ein solcher (Qualitäts)Autor nicht langfristig verkauft, international keinen Anklang findet und sich niemand gebührend um seine Backlist kümmert, dann ist dieser Autor eindeutig nicht gut vertreten."

Ein lohnendes Interview, das sich außerdem mit der Frage nach elektronischen Rechten und möglichen Folgen von e-books für die Autoren beschäftigt und erklärt, warum es für Autoren richtige und falsche Verlage gibt.

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